"Als ich jünger war, hatte ich Probleme mit meiner Identität im Sinne von Maskulinität."

"Modern Loneliness" steht in Rot auf seinem grauen Sweatshirt: Der Sänger Lauv (25) macht es sich bequem, bittet um ein Wasser ohne Sprudel, und ist bereit für sein erstes Interview an diesem Tag. Seine Haare sind platinblond, seine Kleidung lässig, seine Attitude very Californian. Er trägt seinen eigenen Merch, dazu Vans. Wenn er redet, klingt der "I’m so tired…"-Sänger authentisch, überlegt nicht zu lange, um die perfekte PR-Antwort zu geben.

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Authentizität ist sicher auch der Grund, wieso Lauvs Songs über 220 Millionen Mal in Deutschland gestreamt wurden und er über 1,5 Millionen Follower auf Instagram zählt. In seiner Musik verarbeitet der Amerikaner seine Depression, den Umgang mit sozialen Medien und die Findung der eigenen Identität. "Wir sind niemals allein, aber immer deprimiert, liebe meine Freunde, rufe sie aber nie an oder schreibe ihnen", singt er auf dem Song "Modern Loneliness" und spricht seiner Generation damit aus dem Herzen. NOIZZ hat Lauv zum Interview getroffen.

Laub im Interview mit NOIZZ

NOIZZ: Auf deinem Album "How I’m feeling" singst du über mentale Gesundheit und deine Probleme mit Depressionen. Wo kommt das her?

Lauv: Als Kind war ich von Menschen umgeben, die psychische Probleme hatten. Menschen in meiner Familie haben Depressionen, Essstörungen oder sind bipolar. Im Studium, als ich in New York war, hatte ich selbst eine Depression.

Gab es bestimmte Momente, die dich geprägt haben?

Lauv: Jahre später, Anfang 2019 in LA, hatte ich einen Tiefpunkt. Ich war so traurig und hatte so viele traurige Gedanken, dass ich nichts mehr genießen konnte, was mir sonst Spaß machte. Ab da habe ich langsam angefangen, mit Freunden und mit meiner Familie zu sprechen. Ich wollte erst nicht akzeptieren, dass ich nicht einfach nur traurig war. Ich versuchte kleine Dinge in meinem Leben zu verändern und dachte, dass mir das helfen würde, mich besser zu fühlen. Es half nicht. Ich war an einem Punkt, an dem ich dachte, dass ich so eine schlechte Person sei, dass ich es nicht verdiente zu leben.

Du hast dir dann professionelle Hilfe gesucht und wandelst all diese Gefühle und Erlebnisse in Songs um. Sind deine Erfahrungen die "moderne Einsamkeit", von der du auf deinem neuen Song singst?

Lauv: Auf jeden Fall. Dazu habe ich ein paar Gefühle: Einmal wird uns vermittelt, dass wir eine möglichst glatte Version von uns im Internet zeigen sollen. Jeder möchte dazu herausfinden, wer er oder sie eigentlich ist. Ich hatte große Probleme damit. Besonders als Künstler ist man eben auch eine Marke. Ich habe auf einmal alles hinterfragt, was mich ausmacht. Man ist so viel komplizierter als das Bild, das man präsentieren soll. Ich bin als Mensch nicht nur das eine oder das andere. Ich bin so viele Dinge auf einmal.

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In uns befindet sich also eine Ambivalenz.

Lauv: Genau! Als Kind hat man so eine wilde Fantasie, man mag alles gleichzeitig und liebt alle Menschen um sich herum und ist so viel auf einmal. Es gibt im Leben sehr viele Grauzonen. Doch desto älter wir werden, desto mehr werden wir in Schubladen gesteckt. Im Kontrast dazu bekommen wir vermittelt, dass es wichtig ist, dass wir uns selbst definieren.

Letzten Endes isoliert man sich, um herauszufinden, wer man ist, während man auf sozialen Netzwerken abhängt und auf einen Bildschirm starrt. Dabei kann man das nur herausfinden, wenn man sich mit den Leuten um sich herum verbindet. Wenn man sich nicht verbindet, fühlt man sich einsam und verloren. Man rutscht in Krisen ab.

Stimmt. Wir lernen, dass bestimmte Dinge sich nicht schicken, sodass wir sie dann verdrängen und uns anpassen. In Berlin ist die Drag-Szene zum Beispiel sehr groß. Judy Ladivana sagte bei ihrer letzten Show, dass ihre Familie sie verstoßen hat, als sie sich als Dragqueen outete. Für LGBTQI*-Menschen ist das gefährlich, die Suizidrate ist wesentlich höher. Apropos LGBTQI*: Du bist derzeit auf dem Cover der "Gay Times". Glückwunsch!

Lauv: Es macht einen verrückt, wenn man nicht sein darf, was natürlich für einen ist. Mich macht das total irre. Wegen des Covers hatte ich meine Bedenken. Ich wollte nicht so tun, als wäre ich jemand, der ich nicht bin. Dann dachte ich, dass eher jemand auf dem Cover sein sollte, der der LGBTQI*-Community angehört. Viele meiner Freunde und meiner Kollegen sind queer und haben mit mir darüber gesprochen. Sie meinten, dass es sehr wichtig sei, dass ich die Community unterstütze und das auch ganz deutlich zeige.

Danke für dein Engagement. Hattest du selbst auch Probleme mit deiner Identität?

Lauv: Als ich jünger war, hatte ich Probleme mit meiner Identität im Sinne von Maskulinität, ja. Das findet natürlich auf einem anderen Level statt, als jemand, der seine komplette Sexualität infrage stellt. Ich möchte nicht so tun, als sei es dasselbe.

Als Kind habe ich sehr viel feminine Energie aufgesogen. Ich bin ein Mama-Kind. Ich habe zwei ältere Schwestern, keine Brüder. Von sehr maskulinen Männern habe ich mich immer eingeschüchtert gefühlt. In der Schule wollte ich eine Freundin haben, aber die Mädchen waren nicht an mir interessiert. Ich dachte mir dann: Vielleicht muss ich diese Art von maskulinem Mann sein? Ich bin ins Fitnessstudio gegangen und habe Gewichte gehoben. Ich habe versucht, auf diese Art maskulin zu sein. Aber das bin ich nicht. Ich konnte irgendwann Gott sei Dank meine feminine Seite akzeptieren. Ich kann mir nur vorstellen, wie es sein muss, nicht sein zu können, wer man eigentlich ist.

Auch Maskulinität beinhaltet eigentlich eine Ambivalenz in sich. In vielen Teilen der Gesellschaft ist das noch nicht angekommen, obwohl sich in den letzten 20 Jahren schon sehr viel getan hat. Gibt es sichere Orte für dich, wo du ganz du selbst sein kannst?

Lauv: Das ist definitiv das Musikstudio, wo ich mit meinen besten Freunden sein kann. Dort kann ich jede Version meiner selbst sein und weiß, dass ich akzeptiert werde. Meist fühle ich mich auch auf der Bühne wohl. Ich muss aber sagen, dass ich dort auch ängstlich sein kann.

Wenn ich aber selbstbewusst und einfach nur in dem Moment bin, bin ich selbstsicher. Oh, und in meiner Familie fühle ich mich sicher.

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Das klingt, als wären das Orte, wo es um Verbindungen geht und nicht um Unterschiede. Auf sozialen Netzwerken vergleichen wir und suchen nach Unterschieden. Das trennt uns wieder voneinander.

Lauv: Ich denke, dass wir es mittlerweile auch gewohnt sind, zu bewerten und bewertet zu werden. Während man eine Unterhaltung führt, hat man automatisch die ganze Zeit Angst verurteilt zu werden. Was denkt derjenige über mich? Das macht es hart, sich zu verbinden. Man sagt ja, dass man sich auf die andere Person konzentrieren soll, wenn man nervös ist. Das kann manchmal echt schwer sein, diese Barriere zu überwinden, wenn man die ganze Zeit von der ganzen Welt beurteilt wird. Unsere Fassade, wie wir aussehen und was wir tragen, hat nichts damit zu tun, wie wir uns eigentlich verbinden – das passiert alles über unser Inneres. All die Regeln und Normen, die wir vorgegeben bekommen, machen es schwer, sich selbst zu akzeptieren.. Zum Beispiel: Was macht eine schöne Person aus? Was macht jemanden männlich oder weiblich?

Genau. Da bekommen wir vermittelt: Es geht immer um Oberflächlichkeiten. Oh, derjenige trägt die Kleidungsmarke oder diesen Sneaker? Wir kommen überein.

Lauv: Da bin ich auch schuldig!

Danke für das Interview.

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  • Quelle:
  • Noizz.de