Das Hamburger Hip-Hop-Urgestein rappt unverkabelt seine größten Hits.

Ein Graffiti im Herbst 2017 bestätigte, worüber schon sein Monaten gemunkelt wurde: Hamburgs Urgestein Samy Deluxe reiht sich ein in die legendäre Hall Of Fame der „MTV Unplugged“-Konzerte. Im April 2018 wurde aufgenommen und nach einigen vielversprechenden Vorab-Singles wird nun endlich das „SaMTV Unplugged“ von Samy Deluxe veröffentlicht. So viel vorab: Es ist so großartig, wie man zu glauben wagt!

Auf insgesamt 40 Songs rappt sich „der Big Baus“ durch seine eigene 20-jährige Bühnengeschichte von 1998 bis 2018 und präsentiert Songs seiner bisherigen elf Studioalben ohne elektronische Instrumente.

Dabei bleibt sich der reimende Junge mit den schiefen Zähnen aus der Hansestadt selbst treu: Im Hamburger Hafen, wohlig geschützt im Bauch des Museumsschiffs MS Bleichen, nimmt Samy das mittlerweile als musikalischer Ritterschlag geltende Format "MTV Unplugged" mithilfe langjähriger Weggefährten und Freunde auf. Unter ihnen Megaloh, Afrob, Nena, Eizi Eiz, Max Herre, Torch, die Stieber Twins und viele mehr. Das ist mal eine Gästeliste, die ihresgleichen sucht, und veranschaulicht, welchen Status der 40-Jährige unter Kollegen genießt.

Direkt der erste Song „Flagge hissen/ Anker lichten“ macht dann auch unmissverständlich klar, wohin Samy mit diesem Album eigentlich will. Auf die besondere Location durch die Melodie von dem Filmdrama „Das Boot“ anspielend, begibt er sich mit dem Publikum auf eine Reise auf hoher See: Eine Fahrt durch sein Leben, seine Projekte von ASD bis Dynamite Deluxe und Mongo Clikke – von lauer Brise zum absoluten Supersturm.

Und auf Sturm hat Samy zweifellos immer noch Bock: Sein bekanntester Song „Weck Mich Auf“ bekommt durch den Einsatz von kräftigen Bläsern noch mehr Tiefgang und Schärfe und bleibt auch 2018 genauso eingängig und thematisch aktuell wie schon 2001. Gleiches gilt für das vorab veröffentlichte „Adriano“, bei dem Samy von Afrob, Megaloh, Torch, Denyo und Xavier Naidoo unterstützt wird. In dieser Hommage an den von Rechtsextremisten ermordeten Alberto Adriano gehen die Fäuste kurz nach oben, es wird Einheit gegen Rassismus demonstriert. Von Hamburg aus gegen die Nazis der Welt. Gut so.

Was auffällt: Samy stehen besonders die schnellen Nummern extrem gut. Ob mit „Fantasie Pt.1“ mit Unterstützung von Buddy Nena die Version aus der TV-Sendung „Sing meinen Song“ gerappt wird, oder er in dem eigentlich sonst eher unspannenden „Bisschen mein Ding“ die erste Strophe komplett zerstört: Samy flowt als wäre es 1998, straight outta fucking Hamburg City.

Natürlich sind die echten, alten Klopper, die man von Herrn Deluxe erwartet, in gewohnter Manier drauf: Ob „Füchse“, „Poesiealbum“ oder „Grüne Brille“ – alle Songs bekommen durch reichhaltige Instrumentierung eine gewisse Dramatik und somit eine Veredelung verpasst, das es einfach Spaß macht, das Album zu hören.

Ein besonders zu empfehlendes Highlight für Hip-Hop-Heads wurde bereits vor einigen Wochen veröffentlicht: Auf dem Deck des Schiffes wurde ein Unplugged-Cypher aufgenommen. Hier zeigt sich neben Samy so ziemlich jeder, der im deutschen Hip-Hop derzeit Rang und Namen hat. Wem das fast 20-minütige Video zu lang ist: Schaut euch unbedingt die Parts von Megaloh und Morlockk Dilemma an, die lassen einen wirklich nach Luft schnappen.

Sind wir also mal ehrlich: Das „MTV Unplugged“-Format gehörte durch seine internationalen Ausgaben mit Künstlern wie Nirvana oder Oasis – oder im Hip-Hop-Bereich unvergessen, Jay-Z oder Lauryn Hill – ganz gut zur Oberschicht musikalischer Sessions. In den letzten Jahren verirrte sich das Unplugged im deutschsprachigen Bereich aber eher in die Loser-Ecke zu Andreas Gabalier, Unheilig und Revolverheld. Nachdem Peter Maffay und Marius Müller-Westernhagen diesen Karren also langsam wieder aus dem Dreck gezogen haben, kommt mit Samy nun endlich wieder jemand handfestes aus dem deutschen Hip-Hop und verhilft „MTV Unplugged“ wieder zu seinem guten Namen.

Und dabei ist Samy Deluxe wie immer: Ein bisschen selbstverliebt, ein bisschen bekifft, sehr gut rappend – halt wie er leibt und lebt. Möge er noch lange durch Hamburgs Hafen schippern.

Seit heute erhältlich: Das Album zur MTV Unplugged Session Foto: Universal Music

Quelle: Noizz.de