Eine nostalgische Nacht, in der wir über unsere dramatische Jugend hinausgewachsen sind.

Plötzlich höre ich ihre lupenreine Stimme, die runter geht wie Sorbet. Wie sie so auf die Bühne im Berliner Velodrom schwebt, wirkt sie wie ein Alien. Es ist ein bisschen dieser E.T.-Effekt, denn genau wie den Außerirdischen will man auch die schwedische Sängerin aus Schweden einfach lieben und hier in Deutschland behalten. Robyn schwingt sich in metallischen Overknee-Stiefeln nach ganz vorne an den Ständer für ihr Mikro.

Sie bindet Berlin in ihren Song ein, begrüßt so die rund 12.000 Menschen, die von überall aus der Welt angereist sind, um sie live zu erleben. Es ist ihr erstes Berlin-Konzert seit sieben Jahren. Ausverkauft. Die überwiegende Masse drängt sich dementsprechend direkt unten vor die Bühne – dicht an dicht an dichter. Ich habe noch nie so viele Menschen im Stehraum abzappeln sehen. Mir wird schlagartig bewusst, dass es Robyn schafft, weitaus mehr Fans in einer Konzerthalle zu versammeln, als die Hip-Hop-Ikone Nicki Minaj, bei der es auffällig viele Lücken in den Sitzreihen der O2-Event-Arena gab, und sogar ein bisschen Luft im Stehraum. Ich bin baff. Ich dachte wirklich, die Sängerin ist nicht aktuell genug, um noch so viele Anhänger anzuziehen. Immerhin hatte sie ihre heiße Phase vor mehr als zehn Jahren!

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Untypischer Pop-Star made in Sweden

Die Faszination Robyn startete 1994, als die erst 16-Jährige mit der Elfen-haften Aura ihren Plattenvertrag bei RCA Records unterschrieb. Also bei dem gleichen Label, das auch Pink, Britney Spears und Christina Aguilera gesignt hat. Robyn ist eine sanfte Rebellin, versorgt die Radiostationen mit bittersüßen Elektro-Pop-Hymnen. Ihr Markenzeichen: tanzbare Hits, Herz-zerfetzende Liebeskummertexte. Wir, die Generation C, die heute zwischen 18 und 35 Jahre alt sind, sind mit ihrer Musik aufgewachsen.

Ihr Album "Robyn" und die Album-Trilogie "Bodytalk" waren der Soundtrack für das Herauswachsen aus unseren Kinderschuhen, die Begleitmelodie für den atemlosen Takt unserer dramatischen Jugend. Seitdem ist viel passiert. Die 39-Jährige sieht zwar noch aus wie 19. Robyn ist aber merklich erwachsen geworden, genau wie ihr Songwriting. Ihre neue Platte "Honey" spielt mit weiblicher Sexualität, es geht viel um Verführung, um Bettgeflüster. Das zeigt sich auch am Samstag auf der Bühne.

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Robyn entdeckt ihren Sexappeal

Ihr Tomboy-artiger, knabenhafter Körper steckt in einem halbdurchsichtigen Negligé. Doch das Nachthemdchen, das sonst irgendwie altbacken wirkt, geht bei ihr absolut als vollständiges, cooles Outfit durch, das man so sofort auch zur nächsten Party anziehen will. Schmuckkristalle verdecken ihre Nippel. Sehr sexy. Beyoncé würde singen: "I’m feeling myself." Robyn muss das nicht aussprechen. Es ist offensichtlich: Sie hat nach Jahren, abseits vom Rampenlicht, anscheinend ein neues Selbstbild definiert: stark, frei, sinnlich. Acht Jahre sind seit ihrem letzten Album vergangenen. Eine ausgedehnte Findungsphase mit Happy End.

"Dancing On My Own" oder: Tanzen, als ob keiner zusieht

Das färbt sofort aufs Publikum ab. Sich nicht schämen, zu sich stehen, sich frei fühlen – dieser Vibe vibriert wie ein Beat durch den ganzen Abend. Gerade bei den neuen Songs aus ihrem Album "Honey" lässt sowohl die Sängerin, als auch die Fanbase alle Hüllen fallen. Nicht nur symbolisch. Die sumpfigen Elektro-Drops schiffen uns in Ekstase. Jeder tanzt, auch auf den Sitzplätzen bleibt keiner auf seinem Hintern hängen. Dabei ist egal, wie wir dabei aussehen und dass Robyn plötzlich eine Rolle rückwärts macht, einfach weil ihr danach ist. Das unterstützt auch der Tänzer Theo Canham-Spence, der ihr Choreograph und Tanzpartner des Vertrauens zu sein scheint. Eine Erscheinung wie ein Fabelwesen.

Robyn macht sogar sowas wie Ausdruckstanz, wie im Wohnzimmer hinter geschlossenen Vorhängen zur Lieblingsmusik abspacken, nur dass der Vorhang im Velodrom gefallen ist, und ihre eigenwilligen Schritte offen für die ganze Welt zu sehen sind. Ein bisschen wie im Sisyphos, dem berühmten Berliner Electro-Schuppen. Ich hasse Electro, aber selbst durch meine Synapsen zischen die Endorphine.

Zwischendurch versorgt uns Robyn zum Glück mit all ihren Klassikern. Bei "Be Mine" bricht mein Herz, weil es eine simple, elektronische Version ist, aber der Song klingt erwachsen und ich verstehe, warum sie nicht mehr mit dem Tränendrüsen-Original verbunden sein will. In einem Interview mit der "New York Times" erklärt sie, dass sie nach einer (für die Branche ungewöhnlich langen) Auszeit endlich anti-Herzschmerz unterwegs ist. Sie will, das stellt sie klar, Abschied nehmen von der tiefen Traurigkeit und wabernden Melancholie, die sie seit ihrer Kindheit begleitet.

"Indestructible" und "With Every Heartbeat": Die Herzschmerz-Hymnen

Als sie am Samstag live die Songs "With Every Heartbeat", "Hang With Me" und "Call Your Girlfriend" schmettert, ist uns das allen aber herzlich egal. Jeder im Saal (ich sehe es links und rechts von mir, auf den Sitzen, auf den Treppenstufen, vor der Brezel-Bar), schreit sich den alten Frust aus dem Leib heraus, schwitzt die Schmerzen der ersten kaputten Beziehung, der ersten gescheiterten Ehe, dem neuesten komplizierten Tinder-Date aus, während er für sich selbst tanzt, ganz im Takt mit einem weiteren legendären Hit von Robyn: "Dancing On My Own". Mir schießen Tränen in die Augen.

Die heftigste Gänsehaut erwischt mich zwischendurch. Mit einem Mal bin ich wieder 13 und heule in mein Kopfkissen, um eine Stunde später Robyns "Indestructible" laut aufzudrehen und meiner besten Freundin in den Telefonhörer zu schwören, dass mich nichts und niemand kaputt macht.

Robyn ist eine LGBTQ-Ikone und singt für freie, gleichberechtigte Liebe

Was mir dabei live vor Ort mehr denn je klar wird: Für eine große Gruppe Fans sind diese Hymnen noch so viel mehr, als ein bisschen Balsam für gebrochene Herzen. Robyn ist eine Ikone für die LGBTQ-Community. Sie setzt sich schon immer für ihre lesbischen, schwulen und queeren Fans ein, nicht erst, seit sich damit Platten verkaufen lassen. Ihre Liebes- und Liebeskummerlieder sind selten direkt an einen Mann gerichtet, sodass man nicht automatisch von einer heterosexuellen Beziehung ausgeht. "Indestructible" von Robyn ist quasi die Indie-Hymne für die LGBTQ-Community, ähnlich wie Mainstream-Oldies "I Will Survive" von Gloria Gaynor und "Like a Virgin" von Madonna. Beim neuen Song "Love Is Free" wird im schummerigen Licht des Velodroms geknutscht, gefummelt, gestreichelt und Händchen gedrückt, was das Zeug hält.

Robyn hält nichts von Geschlechterklischees. Sie bricht mit Erwartungen daran, wie süß, höflich, angepasst, feminin sie bitte zu sein hat. Das zeigt sich auch in ihren Bühnenoutfits. Sie wechselt mittendrin zu einem signalroten Unisex-Ganzkörperanzug aus Spitze, doch darunter blitzt ein ultrakurzes, bauchfreies Top. Auch ihr internationales, super-modisch-hippes, intellektuelles Publikum feiert sich optisch: Männer in neon-gelben Ganz-Körper-Look im Schlangenmuster. Glitzer im bärtigen Gesicht und pinke Haare. Männerbeine in Buffalo-Absatzschuhen aus der Frauenabteilung. Frauen mit rasierten Glatzen, dazu Gesicht, Waden, Brüste tätowiert und gepierct. Klobige Treter. Viele Skandinavier, trotzdem keine White-People-Only-Party. Alter divers, Herkunft divers. Egal, wo man hinschaut: schöne Menschen, die sich nicht so schnell in eine Kategorie einordnen lassen. Die einen Fick auf Labels geben, die ihnen andere verpassen wollen. Und als Robyn-Fan fühlt man sich trotzdem verdammt repräsentiert in seiner Individualität.

Zwei Stunden scheint die dystopische Welt da draußen keine Rolle zu spielen. Das Konzert in Berlin war wie ein kurzweiliger Ausflug auf einen anderen Planeten, an dem Liebe frei, Geschlecht, Hautfarbe und Sexualität egal ist und sich alle wohlfühlen. Man gönnt Robyn, dass sie mittlerweile eher ein Honigkuchenpferd-Lächeln zur Schau stellt, als die geröteten Anime-Augen mit zerlaufener Mascara. Ich bin als Nostalgie-Fan zwar dankbar für jeden Tropfen Wehmut der Show. Und am Ende des Konzerts trotzdem froh: Robyns Anti-Herzschmerz-Phase bricht an. Und ich durfte es live miterleben.

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Quelle: Noizz.de