Selbst mit Snoop Dogg hat er schon gearbeitet.

Rilès ist einfach krass. Ein Künstler, wie er im Buche steht. Alles hat er sich selbst aufgebaut, sein eigenes Studio im Keller eingerichtet, sich gepusht, alles zu lernen, was es übers Musikmachen zu erlernen gibt – ganz ohne musikalische Ausbildung, ohne finanzielle Hilfe oder Unterstützung der Eltern. Um sich das überhaupt leisten zu können, verkaufte der Franzose Gemälde.

"Fünf verkaufte Gemälde waren für mich ein Mikrophon", sagt er, als ich ihm Jahre später in Berlin gegenübersitze.

Aber der Reihe nach. Rilès Kacimi wächst in einer französisch-algerischen Familie in Nordfrankreich auf. Er hat keinen Mentor. In seiner Heimatstadt Rouen fühlt er sich mit seiner Art von Musik allein. Nach und nach wird er für seine Freunde so etwas wie ein Guru. Plötzlich wollen auch sie ihre eigenen Studios aufbauen.

Die wollten immer viel zu schnell viel zu viel. Ich habe denen dann erstmal erklärt, dass sie sich auch mal ein dreistündiges YouTube-Tutorial reinziehen müssen. Das macht zwar keinen Spaß, aber das brauchst du nun mal, um einen guten Song produzieren zu können.

Rilès ist sich sicher: In Zukunft wird es immer weniger richtige Studios geben. "Wenn ich um vier Uhr morgens eine Idee hab', kann ich sie zu Hause sofort aufnehmen und danach wieder schlafen gehen." So entsteht der einzigartige Rilès-Sound: extrem Rhythmus-affiner Pop, der durch innovative Beats und mehrere Schichten von Rilès' eigener Stimme an Dichte gewinnt.

Im Oktober 2016 setzt sich Rilès selber einen Challenge: Er will ein Jahr lang jede Woche einen Song mit Musikvideo veröffentlichen. Er will lernen, sich selbst zu disziplinieren und zielstrebig zu arbeiten. "Rilèsundayz" heißt das Projekt, und er zieht es tatsächlich durch. Wenn er jetzt auf die 52 Songs zurückblickt, weiß er, dass sie nicht perfekt sind.

Trotzdem würde er nichts an ihnen ändern wollen. Er habe die Songs für das zu schätzen gelernt, was sie sind: Zeitkapseln aus jenem Jahr. Auf "Gotta Lotta" bellt zum Beispiel sein Hund im Hintergrund – und das macht den Song einfach authentisch.

"Rilèsundayz" bringt Rilès eine starke Fan-Base, die ihn für seine humorvolle Experimentierfreude feiert. Nun, zwei Jahre später, kann Rilès immer noch auf diese Fan-Base bauen. Anfang des Jahres veröffentlicht er den Song "Marijuana" mit Snoop Dogg als Feature.

Rilès hat zwar viele Fans und Freunde. Wenn es um seine Kunst geht, ist er allerdings ein ziemlicher Einzelkämpfer. Er macht einfach alles selbst: aufnehmen, mixen, produzieren und das Musikvideo. "Es ist immer besser, alleine anzufangen", sagt er.

Es ist wie im Netflix-Film 'Bandersnatch'. Am Anfang hast du die Wahl, ob du zu Hause arbeitest oder mit all den anderen im Büro. Am Anfang habe ich das Büro mit den Kollegen gewählt, aber das war die falsche Wahl, der Film war sofort vorbei. Du musst alleine sein, zu Hause, mit deinen eigenen Gedanken und deiner eigenen Kreativität. Wenn dir jemand anders seinen Input gibt, bringt dich das durcheinander. Deinen ersten Versuch musst du alleine wagen. Dann wirst du dein wahres Ich zum Ausdruck bringen.

Kontrolle an andere abzugeben, fällt Rilès schwer – besonders weil er andere ungern kritisiert, zu groß ist seine Angst, Gefühle zu verletzen. Doch im Endeffekt können andere deine Arbeit größer werden lassen. Das hat Rilès irgendwann gemerkt und erkannt, dass er sein zweites Album zusammen mit anderen Musikern machen muss, die Skills haben, über die er noch nicht verfügt. Sein erstes Album soll allerdings vorerst sein ganz eigenes Ding werden.

Rilès denkt nicht gern übers Gestern oder Morgen nach.

Wenn du an die Vergangenheit denkst, empfindest du viel Reue. Wenn du an die Zukunft denkst, bekommst du Angst. Im Hier und Jetzt hast du nichts anderes übrig, als einfach weiterzumachen. Zu viel Reue oder Angst macht dich irgendwann kaputt.

Wenn er etwas will, dann macht er es einfach

"Zu viel nachzudenken ist, wie einen Dämon in dir zu haben, der dich an Dinge denken lässt, die nicht existieren", so Rilès.

Auf seiner Hand hat er einen Satz geschrieben: Lass dich nicht ablenken. Ich frage nach: Ist das ein echtes Tattoo? Rilès lacht. Am Anfang war es das tatsächlich nicht. Er hatte es sich nur so auf die Hand geschrieben, weil er gemerkt hat, dass er viele Faktoren um sich herum hatte, die ihm davon abhielten, fokussiert bei der Arbeit zu bleiben. Mädchen, Partys, Drogen. Kurzerhand schrieb er sich diesen Satz auf die Hand. Dann ging er zum Tätowierer.

"Ich wollte es genauso haben, wie ich es an dem Tag geschrieben habe. Meine eigene Schrift auf meinem eigenen Arm."

Vom aufsteigenden Ruhm ließ er sich danach nie ablenken. Während es von außen so aussieht, als sei er von Mini-Straßenkonzerten zu gefüllten Konzertsälen im Handumdrehen gelangt, nimmt er selber es gar nicht so war. "Es hat so unglaublich lange gedauert, dass ich nie die Chance hatte, von meinen Emotionen überrollt zu werden." Er schaut nicht gerne zurück auf die Strecke, die er hinter sich gelegt hat. "Das macht dich nur langsam", predigt Rilès. "Ich will einfach rennen und meine Ansprüche immer höher setzen."

Ich frage ihn, ob das nicht entsetzlich ermüdend wird. Doch Rilès ist jemand, der besser mit Druck arbeitet als ohne. "Wenn du zurückschaust, dann sind die Jahre, in denen du am meisten kämpfen musstest, die besten deines Lebens, weil du dich selber herausgefordert hast. Manchmal musst du eine Art innere Gewalt in dir spüren, um zu wachsen."

Eigentlich könnte man bei diesen Worten denken, dass man mit einem alten, weisen Opa reden würde, der dir von seiner Zeit auf den Barrikaden erzählt. Und dann das:

"Es ist wie bei Pokémon."

Irgendwie macht es überraschend Sinn.

Bei Pokémon musst du kämpfen, kämpfen, kämpfen. Erst dann entwickelst du dich weiter. Du musst durch verdammten Schmerz gehen, wenn du schöne Sachen erleben willst.

"Krasser Typ", denke ich und ertappe mich dabei, ihn für unsterblich zu halten. Aber dann reden wir über sein Album, das bald rauskommt, und ich merke, dass selbst ein so aufgeklärter Typ wie er Unsicherheiten haben muss. Er bekennt, dass er zwar in Frankreich eine Persönlichkeit ist, aber ihn in Amerika und auch der Rest der Welt niemand kennt. Deswegen kann er überhaupt nicht einschätzen, was mit diesem Album passiert. Angst will er trotzdem nicht haben. Schließlich lebt er ja im Jetzt.

Die einzigen Menschen, vor denen sich Rilès mit seiner Musik geschämt hat, waren seine Eltern. Deswegen singt er auch auf Englisch. Es war für ihn ein Mittel, damit seine Eltern nicht verstehen konnten, was er sang. "Ob ich über ein Mädchen geredet hab, oder meine Probleme, ich wollte mich ausdrücken können, ohne dass sie mich verstehen." Um zu singen, hat er früher immer gewartet, bis seine Eltern das Haus verlassen. Damals hatte er noch eine sehr entfernte Beziehung zu seinen Eltern. Jetzt ist alles anders. Mit seinem Erfolg kam auch das Vertrauen seiner Eltern in seine Pläne.

Denn eigentlich wollten seine Eltern nur, dass Rilès es nicht so schwer hat, wie sein Dad, der war nämlich auch Musiker. Doch für ihn hat es nicht geklappt. Bei Rilès sieht es momentan allerdings ziemlich gut aus. Er hat genau das, was ein charismatischer Künstler braucht: Zielstrebigkeit, wiedererkennbaren Sound, und einen verrückten Haarschopf. Gerade erst hat er seine Kreativität bewiesen mit seinem Musikvideo zu "Against the Clock".

Am 30. August veröffentlicht er sein Debut-Album.

Wem das Warten bis dahin zu lange dauert, der kann sich seit dem 14. Juni Rilès‘ neue Single reinziehen.

Quelle: Noizz.de