Die Warner Night löste eine fette Debatte aus

Das Reeperbahn Festival ist ein vier Tage langer Clash of Everything. Ist ja sowieso schon gut was los, auf der "sündigen Meile" (wir haben uns sagen lassen, dass man die Reeperbahn so nennt, hier in HH): Bis zum Totalausfall saufende Partytouris, kantige Türsteher, Damen des nächtlichen Gewerbes, JunggesellInnenabschiede, feierwütige Teenies und kreischende Leuchtreklamen. Als wäre all das nicht fast schon zu viel des Guten, irrten vom 18. – 21. September NachwuchsmusikerInnen, MusikjournalistInnen und alle möglichen VerteterInnen des Musikbusiness' ebenfalls durch Hamburgs Gassen. Es war mal wieder Zeit für eine der aufregendsten und progressivsten Musikveranstaltungen Deutschlands.

Frauen in der Musikbranche mal von wirklich ALLEN Seiten betrachten

Zwar beschäftigt sich das Reeperbahn Festival schon seit Jahren mit Female Empowerment – dieses Jahr markierte aber eindeutig einen Höhepunkt. Auf Panels diskutierten etwa Rapperin Ebow, Musikerin Kate Nash oder Moderatorin, DJ und Journalistin Salwa Houmsi zu Themen wie Emanzipation, Feminismus und den aktuellen Stand der Frauen in der Musikszene. Es wurden gezielt Treffen für Frauen der Musikindustrie veranstaltet und kein wichtiges (oder brisantes) Schlagwort ausgelassen: Gender Gap, Männerdominanz und männlich sozialisierte Hörgewohnheiten. Darüber hinaus ist das RBF (Reeperbahn Festival) beteiligt an der Keychange Initiative. Diese hat unter anderem zum Ziel, Genderausgleich in der Branche zu schaffen. Heißt fürs RBF im Klartext: Hinter und vor den Kulissen 50 % männliche und 50 % weibliche KünstlerInnen und MitarbeiterInnen. Schaut man durch das diesjährige Line-Up ist sieht das schon ganz gut aus, etwa 43 % weibliche Künstler sind am Start, bis zum Jahr 2022 möchte das RBF laut eigenen Aussagen aber tatsächlich bei einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis sein.

Blöd nur, dass diese ganzen positiven Anstrengungen, die ganzen aufgezeigten Schieflagen und jede Diskussion mit nur einem Auftritt so richtig mit Füßen getreten wurden: Teil des RBF ist immer auch die heiß ersehnte Warner Music Night im Club Docks. Neben Newcomern sollte auch die Indie-Rock-Band Foals spielen. Leider hatte Sänger Yannis Philippakis einen blöden Unfall mit einem Messer und musste sich erstmal um seine verletzte Hand kümmern – 48 Stunden vor dem Auftritt.

Man muss nicht als Booker oder Eventmanager tätig sein um zu verstehen, dass eine solche Situation einem Supergau ähnelt – so schnell adäquaten Ersatz zu finden ist eine echte Herausforderung. Wie man aber so ignorant, unreflektiert und/oder hinterwäldlerisch sein kann, ausgerechnet den Deutsch-Rapper Bausa auf die Bühne zu stellen, ist eine andere Geschichte. Geht ja gar nicht darum, dass man hier nun plötzlich das Genre wechselt, Hip Hop statt Rock – ist ja alles Geschmacksache und hat seine Berechtigung. Anders als das mit der Frauenfeindlichkeit: Das hat wenig mit Geschmack zu tun, sondern sollte großflächig im Keim erstickt werden.

"Lesben werden umgedreht"

Bausa – das ist der Typ, der radiotauglich eingängigsten Pop-Trap zusammenschustert und damit unfassbar erfolgreich ist. Seine Texte markieren ganz deutlich, wo der Musiker ideologisch so zu finden ist:

"Ich lass keine Hurentochter ungefickt. Alle wollen meinen Dick, sogar Lesben werden umgedreht“ (aus "Vossi Bop")

"Steig ein, während der Fahrt kannst du mir ein’n blasen. Mach hier nicht auf extravagant, weil jeder von uns locker mit dir Sex haben kann. Karima, ich baller’ dich im Beifahrersitz, weil eine Bitch bleibt eine Bitch, bang bang bang" (aus "Komm wir chillen")

"Mein Blow macht den Schlampen Appetit. Sie erzähl'n von ihren kranken Fantasien. Wahrscheinlich hatten ihre Papas sie nicht lieb. Sie sagen, 'Schlag uns, denn wir haben es verdient!'" (aus "Szenen im Hotel")

Schon absurd, dass so jemand auf dem pro-feministischen RBF auf einer der größten Bühnen stehen durfte. Ein ziemlicher Skandal, der auch nicht lange warten musste, bis sämtliche KritikerInnen auf der Matte standen. Wurde vonseiten der Besuchenden ziemlich harsch diskutiert, das Ganze. Aber auch die Presse zeigte sich irritiert.

Es gibt mittlerweile auch ein Statement vom RBF dass sich von diesem Auftritt distanziert, man sei weder einverstanden mit der Booking-Entscheidung Warners, noch überhaupt informiert worden (wurde via Mail rumgeschickt am 21.09.). Warner selbst steht weiterhin hinter Bausa und argumentiert mit einer ziemlich standardisierten Antwort und der Freiheit der Kunst (die für das Label offensichtlich auch da nicht aufhört, wo Menschengruppen schwer diskriminiert werden – traurig). Aber was soll das Unternehmen auch sagen? Immerhin ist Bausa einer der erfolgreichsten Rap-Künstler Deutschlands. Da sind die Milliönchen wohl mal wieder wichtiger als irgendwelche Rechte, Moral oder Ideologien.

Das einzig Positive an der ganzen Geschichte: Der Reality-Check. Denn hier merkt man einmal mehr: Das mit der Gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht und Hip Hop hat definitiv ein schweres Problem mit der eigenen Männlichkeit.

Und sonst so?

Abgesehen von der #CausaBausa war alles recht schick: Die ukrainische Rapperin Alyona Alyona etwa erhielt den Anchor Award als "Beste Newcomerin", es gab tolle Talk-Runden, eine Menge Astra und natürlich wahnsinnig viel gute Musik zu entdecken. Etwa Celeste aus LA, die mit wahnsinnig warmer Stimme und behäbigem Jazz-Pop sehr schnell zum eindeutigen Publikumslieblings wurde; Maz aus Luxemburg der mit energetischem Hip Hop begeisterte; die britischen Gently Tender, die mit ihrem Slacker-Rock ihre Gitarren feiern; Aziza Brahim die einem den musikalischen Horizont definitiv erweitert oder Ed Prosek, der durch sanfte Stimme und sanftere Saiten überzeugt. Wir wissen: Diese paar Namen werden der Fülle an großartiger Musik, die auf den Clubbühnen des RBF stattfindet, nicht einmal ein bisschen gerecht. Wir empfehlen an dieser Stelle die Playlist des Festivals – man kann immer noch tolle Musik entdecken.

Kein Wunder, dass das RBF in diesem Jahr einen Besucherrekord verzeichnen konnte: 50.000 Besuchende waren in Hamburg am Start. Das nächste RBF ist bereist in Planung, wir freuen uns jetzt schon.

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Quelle: Noizz.de