Keine Schublade ist groß genug für ihren In- und Output.

In unserer Reihe "Yung Deutschrap" stellen wir euch regelmäßig nice Nachwuchskünstler vor, die sich in den Weiten des Deutschrap herumtreiben und das Potential haben, die nächsten großen Stars zu werden.

In der vierten Folge geht es um Yetundey, eine afrodeutsche Rapperin, vielsprachige Songwriterin und Hip-Hop, House- und Locking-Tänzerin aus Leipzig. Die 23-Jährige lebt seit dreieinhalb Jahren in Berlin, wo sie ihre Brand kreiert und mit "Berlin" gerade die Trap-Hymne für die Hauptstadt geschrieben hat, gewürzt mit Ironie und sächsischem Dialekt.

Die Künstlerin schreibt auf Englisch, Deutsch und Französisch und produziert ihre Songs selbst, steht für die eigenen Musikvideos vor und hinter der Kamera und gibt dem Deutschrap seinen Humor zurück – mit sarkastisch- satirischen Lyrics im Style von Alligatoah und K.I.Z.

Wir haben mit Yetundey a.k.a. Yety, wie sie sich selbst aktuell aus Scherz nennt, über Work-Life-Balance, Food-Referenzen und Frauenfeindlichkeit im Deutschrap gesprochen.

NOIZZ: Wann hast du angefangen, Musik zu machen?

Yetundey: Mit Mukke habe ich schon als Kind angefangen. Zwischen 14 und 16 habe ich die meisten Lieder in meinem Leben komponiert, die ganze Zeit am Klavier gesessen. Mein Klavierlehrer hat mich immer gehatet, weil ich nie das geübt habe, was ich sollte. So wie man halt als Teenager so ist. (lacht) Erst durch mein Studium bin ich immer mehr ins Rap-Game reingerutscht. Wirklich professionell mache ich Musik, seit ich vor dreieinhalb Jahren nach Berlin gezogen bin.

Warum hast du weiter gemacht mit Musik? Man kann sich ja auch leichtere Sachen aussuchen ...

Yetundey: Ich wollte schon immer Mukke machen, von ganz klein auf war das immer das Endgame, mein Endboss. In der Schule habe ich schon überlegt, mache ich was Ordentliches? Studiere ich Medizin? Bis meine Eltern zu mir gesagt haben: Niemand erwartet das von dir. Im Gegenteil, mach doch erst mal Mukke, danach kannst du immer noch etwas Anständiges studieren, wenn du willst. Und ich bin meinen Eltern so unheimlich dankbar dafür. Ich war früher ziemlich faul, inzwischen bin ich so ambitious.

Wer oder was sind deine Einflüsse – und welche Artists feierst du aktuell am meisten?

Yetundey: Extrem viele Leute. Ich höre alles, von Jazz bis Techno, House, Trap, Hip-Hop, Soul. Aktuell sind meine Favourite Artists Jacob Collier, Anomalie – ein übelstgeiler Produzent aus Kanada – und Jorja Smith. Auch Little Simz und Lady Leshurr sind unantastbar. Raptechnisch sind UK-Rap und UK-Grime meine größten Einflüsse. Mero ist für mich gerade auch ganz oben auf der Liste. Seine Technik ist einfach mal next level.

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SXTN feier ich. Waren die einzigen, die es geschafft haben, für mich Assi-Rap geil zu machen. Sie waren so vulgär und so unter der Gürtellinie und eigentlich geht's gar nicht, aber irgendwie war es geil gemacht. Die haben sich selbst nicht ernst genommen, nach dem Motto "I don't give a fuck", und das war lustig und cool und real. Ganz traurig, dass sie auseinandergegangen sind.

Majan, der bald kommt, der hat mit Cro und den Jugglerz einen Track. Ihn feiere ich auf jeden Fall. Ich durfte sein kommendes Album vorab hören, er ist einfach ein geiler Mensch.

Peter Fox! Er ist zwar Oldschool, aber für mich der König. Geprägt haben mich Seeed, Xavier Naidoo, Max Herre, Freundeskreis. Das ist die Musik, mit der ich aufgewachsen bin.

In welcher Szene findest du statt? Bist du eher digital oder lokal vernetzt?

Yetundey: Ich finde zwischenmenschlich statt. Ich habe nicht die Ultra-Fanbase in Berlin. Ich bin noch nicht die Berliner Rapperin. Ich bin halt noch am Anfang. Aber jedes Mal, wenn ich irgendwo spiele, baue ich die Szene weiter auf. Auf persönlicher Ebene, wenn mich die Leute zum Beispiel im Mauerpark sehen, oder auf der Bühne. Leute haben mich schon online gefunden, und das ist auch geil, aber was da genau passiert, ist schwer nachzuvollziehen. Wir haben als Rapper etwas mitzuteilen, ob das Emotionen oder was Politisches ist, wir connecten mit den Leuten. Das sollte besser persönlich stattfinden.

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Was sind Mittel oder Strategien, mit denen du deine Kreativität ankurbelst?

 Yetundey: Essen. Essen! Ich liebe Essen. In vielen meiner Texte habe ich Food-Referenzen. Und das Leben: Je abgefuckter die Situation, desto besser die Songs. Zuhören: Es gibt sehr viele Menschen, die sehr viele Geschichten haben, aus denen man sooo viele Songs machen kann. Musik selber natürlich, einfach ein geiler Beat. Mit Drogen komme ich gar nicht klar. Wenn ich kiffe, kann ich nicht einmal "Alle meine Entchen" auf dem Klavier spielen, Koordination total fail.

Kannst du erklären, worum es in diesem Intro aus "Berlin" geht?

"Yeah, life is kinda stressful / kinda / yeah, you know the usual filmmaker’s life / uhm / And I just realized both my snakes had escaped / and I just need to find the second one now / which is I don’t know where / and / so yeah, that’s what I’m doing at the moment / how about you?"

Yetundey: Das eine ist eine Sprachnachricht, die ich wirklich so mit meinem Bro hatte, das ist nicht mal fake. Die Hälfte der Sachen im Song sind mir im realen Leben passiert, sind echte Konversationen. Der Song ist sehr echt. Man muss Berlin manchmal ein bisschen miterlebt haben, um den Sarkasmus zu verstehen.

Was ist aktuell dein größter Struggle als Künstlerin?

Yetundey: Work-Life-Balance.

Das Gleichgewicht zu finden zwischen produktiv sein und viel schaffen und sich nicht stressen, wenn man dann doch eine Pause nimmt – das fällt mir unglaublich schwer. Das ist ein Struggle, den viele Musiker haben. Weil wir alle immer busy busy busy sind und es uns nicht leicht fällt, auf uns aufzupassen. Und wenn man das tut, dann kommt gleich das schlechte Gewissen, das einem sagt, ich müsste doch eigentlich noch diese drei Millionen Sachen machen.

Dadurch, dass ich independent bin, muss ich viel gleichzeitig machen. Ich habe ein Team, ich habe Leute, die mir helfen, ich habe ein geiles Network mit unglaublichen Menschen, aber es ist natürlich nicht damit vergleichbar, bei einem Major-Label unter Vertrag zu sein. Es wird auch erwartet, dass alles schnell geht. So ist unsere Gesellschaft heute. Und du brauchst Numbers, aber gleichzeitig bin ich – angeblich – auch nur ein Mensch.

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Der Tag hat nur 24 Stunden, egal, wie sehr ich versuche, ihn auf 28 Stunden zu strecken. Ich verbringe gerne viel Zeit mit Menschen, die mich supporten. Das ist wichtig, um runterzukommen und Energie zu sammeln. Ich kann keine neuen Songs schreiben, wenn ich nichts Neues erlebe. Wenn ich mir nicht einfach Zeit nehme, mein Gehirn auszuschalten.

Ganz real gesprochen: Wie wichtig ist dir Geld und Erfolg mit deiner Musik?

Yetundey: Erfolg ist mir schon wichtig, weil das bedeutet, dass man viele Leute erreicht. Musik ist mein Medium, über das die Leute mir überhaupt erst gewillt sind, zuzuhören. Mir geht's darum, eine Message zu verteilen, Positivität zu verbreiten. Ich möchte eine Community bilden, einen Schneeballeffekt kreieren, sodass wir uns gegenseitig inspirieren, innovative Sachen zu machen.

Jeder hat etwas zu geben. Ich kann die Welt nicht verändern, aber mein Umfeld beeinflussen. Wenn jeder ein kleines bisschen macht, ist das in der Masse sehr viel. Meine Fanbase nenne ich auch Fambase. Ein Boss ist nur auf der Arbeit ein Chef, aber ein Bawse meistert das Leben. Ich sage immer Bawse, 'cause I got that extra sauce.

Der Begriff ist inspiriert von der kanadischen YouTuberin Lilly Singh, einer meiner größten Idole. Und jeder in meiner Fam ist ein fucking Bawse, jeder hat was zu bringen und zu liefern. Geld, klar, das ist geil, weil man extrem viele Projekte damit machen und mehr erreichen kann. Ich möchte gern viel Geld verdienen, um es weitergeben zu können.

Welche Alternative zur Musik hast du, falls es nicht klappt?

Yetundey: Die Option gibt's nicht. Es gibt Plan A, Plan A1, Plan A2, Plan A3, es gibt nicht Plan A und B. Fakt ist, ich werde in der Musikindustrie arbeiten. Ja, es kann sein, dass es mit der Musik extrem lange dauert, dass es Tiefphasen gibt, aber ich werde trotzdem in der Musikbranche tätig sein. Ich tanze ja, zum Beispiel in Musikvideos. Ich bin Songwriter. Ich fände es auch geil, in einem Label zu arbeiten, A&R, also Artist and Repertoire, die Leute, die neue Künstler ranholen und die Musik ein bisschen formen.

Ich liebe es, Musikvideos zu machen, ich kann mir vorstellen, das für andere zu machen, ob jetzt Production oder Video-Editing. Es gibt mehr als genug Optionen, die vielleicht nicht Musik selber sind, aber in der Entertainment-Industrie. Ich habe ja nicht drei Jahre Songwriting studiert, nur um dann zu kellnern. It's a hustle, und man braucht sehr viele Standbeine, aber irgendwann kriege ich das schon hin, dass ich genug Säulen habe, die einfach meine Miete bezahlen.

Wie würden die nächsten sechs Monate bei dir karrieretechnisch aussehen, wenn du es dir aussuchen könntest? Dream big.

Yetundey: Ich habe richtig Bock auf fette Kollaborationen mit krassen Leuten, bei denen ich denke, warum mache ich diesen Job überhaupt, ihr seid so viel besser als ich: Alyona Ayona, eine ultrakrasse Rapperin aus der Ukraine, Little Simz und Lady Leshurr sind Dreams, Skepta, Anomalie. Was Anomalie macht, ist für mich seit über drei Jahren das Krasseste, was ich online gefunden habe.

Ich möchte am liebsten die nächsten zwei Monate im Studio hocken und Songwriting- und Produktions-Sessions für mich und für andere haben. Die nächsten sechs Monate hätte ich einfach Bock, geilen Content zu kreieren, und dann passiert hoffentlich dieser Schneeballeffekt. Und dann: Performen! Live-Gigs sind auch mein favourite. Vorband zu sein für jemanden wie Little Simz, alter, ich würde krachen gehen! Oder für Logic und Lil Dickie. OMG, Kings!

Es geht mir nicht um einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Anzahl an Zuschauern, sondern dass ein etablierter Rapper zu mir sagt: "Jo, eröffne für mich, ich möchte gerne meine Fambase mit dir teilen." Das wäre die größte Ehre.

 Welche Rolle spielt dein Geschlecht im Deutschrap?

Yetundey: Für mich keine. Irgendwie scheint das immer wieder Thema zu sein. Leute fragen immer: "Wie ist das, als Frau im Hip-Hop?"

Yetundey Foto: Ney Tran / NOIZZ.de

Die Debatte um Gzuz sorgt aktuell für Diskussionen. Wie ist deine Meinung zu Frauenfeindlichkeit im Deutschrap?

Yetundey: Ich würde nicht sagen, dass gerade Deutschrap besonders frauenfeindlich ist. Das ist typisch im Gangster-Rap. Das ist Teil des Images geworden und normal. Ich weiß nicht, ob man das ernst nehmen muss oder wie ernst die Performer das meinen. Ich würde es nicht unbedingt auf Frauenfeindlichkeit reduzieren. Es gibt viele Texte, die Negativität voranbringen, ob es dabei um Gewalt geht oder Drogen, oder ob darum geht, jemanden abzuzocken. Frauenfeindlichkeit ist nur einer von vielen Aspekten. Es gibt einige Probleme im Rap-Game, die angesprochen werden sollten.

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Das größere Problem ist, dass viele Rapper sagen: Ein Scheißmensch zu sein, ist cool. Man rappt mit, man feiert das, weil der Beat und Flow geil ist und weil Rapper authentisch sind. Das finde ich allgemein gefährlich. Am Ende haben wir die Wahl, das nicht anzuhören. Es muss genug Artists geben, die ähnliche Mukke machen, aber bessere Texte. Das ist ja auch mein Ziel.

"Berlin" war ja inspiriert vom Trap, ich dachte, ich mach' mal richtig auf Gangster, mach Autotune auf meine Stimme, ich kann den Spaß auch. Es klingt wie der andere Stuff, aber man muss halt nicht die Texte bringen. Wenn es genug Männer gibt, die keine frauenfeindlichen Texte machen, wenn es genug Frauen gibt, die dagegen aufstehen, dann wird das immer weniger werden. Umso mehr Frauen es im Hip-Hop gibt, desto weniger ist das ein Problem.

Rapperin Yetundey (r.) und NOIZZ-Redakteurin Genna Thiele im Gespräch Foto: Ney Tran / NOIZZ.de

Hier kannst du Shout-Outs geben …

Yetundey: Bei meiner letzten Single hatte ich unheimlich viel Support und ich bin jedem Einzelnen dankbar! Fettes Shoutout an Felix Lenniger fürs Produzieren, Vasco Morgado, der das Artwork und das Lyric Video kreiert hat. Fettes Danke an meine Crew vom Musikvideodreh, besonders an Adam Richards und Helene Brugal (Director), Anna Bellitato & Roman Koblov (Kamera), Hai Phong Nguyen (Make-up), Anne Kirchhof mit ihren ultrafetten Designs, Halla Farhat, Tatianna Peckham, Marilyn de Polignac (Photographin) & Tiago Moyses (Editor). Die Liste müsste noch unendlich weiter gehen! Vielen Dank an alle, die ich jetzt nicht genannt habe, für den bedingungslosen Support.

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Quelle: Noizz.de