Die charismatischste Mischung aus Rockstar und Kellerkind.

In unserer Reihe "Yung Deutschrap" stellen wir euch regelmäßig nice Nachwuchskünstler vor, die sich in den Weiten des Deutschrap herumtreiben und das Potenzial haben, die nächsten großen Stars zu werden.

In der fünften Folge geht es um James Jetski, der, seit seiner Metamorphose vom schreienden Anti-Alles-Rager zum autogetunten Hit-Garanten, Moshpits in Brand setzt und so viel Geld für Designer-Drip verballert hat, dass er sich nicht mal mehr die zweistündige Zugfahrt zurück ins Studio leisten konnte.

Irgendwann im Sommer 2013, kurz vor Schulferien: In der Nähe von Stuttgart fängt ein zurückgezogener Junge an, im Internet zu battlen. Er hat keinen Bock auf Menschen, eigentlich auf gar nichts, und irgendwie auch einfach nichts Besseres zu tun.

Zeitsprung, ein paar Jahre später. Auf Soundcloud entsteht ein kleiner Hype um den Rapper James Jencon. Hier schreit ein Jugendlicher ganz im Stil der "Alten Schule" à la KKS Punchlines gegen Gott und die Welt (bzw. alle Wack MCs) auf Boom-Bap-Beats. Musik, die ein bisschen wie aus einer anderen Zeit klingt und wegen ihrer kompromisslosen Attitude und Stilsicherheit zum Geheimtipp wächst. Anti-Industrie, Anti-Fake, anti alles – hier wird das Rad nicht neu erfunden, aber es rollt, wie geschmiert.

Nächster Zeitsprung, 2019. Solotour von LGoony, James als Voract. In ausverkauften Clubs singen moshende Fans die nun modernen Hits des mittlerweile 21-Jährigen. Der performt oberkörperfrei Songs, die vom Gewohnten anti alles bis zu purer Lebensfreude reichen. Schizophrene Situation: Genau da, wo er nie hin wollte und gleichzeitig genau da, wo er hingehört – auf die Stage.

NOIZZ: Als Teenager mit Bock auf nichts, wieso fängt man da an zu rappen?

James Jetski: Weil ich wirklich nichts Besseres zu tun hatte. Das war so in der Zeit, wo ich keine Lust mehr hatte, das Haus zu verlassen und Freunde zu treffen, sondern lieber für paar Jahre möglichst isoliert sein wollte. Warum auch immer.

Warum machst du heute immer noch Musik?

James Jetski: Na ja, gute Frage ... Ich glaube, darauf gibt's keine Antwort. Ich mache es, weil ich keine anderen Hobbys habe, denke ich. Ich wollte tatsächlich schon oft genug aufhören, aber ich weiß einfach nicht, womit ich sonst meine Zeit verschwenden soll. Schätze, es macht mir dann doch lowkey zu viel Spaß einfach. 

Kannst du das Gefühl beim Musik machen besser beschreiben?

James Jetski: Dabei gehts mir eigentlich wie immer. Kein besonderes Gefühl, nicht mal, wenn ich zusammen mit irgendwem im Zimmer sitze und Musik mache. Beim Rappen ist man vielleicht bisschen aufgeregt oder so; ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich mag es aber auf jeden, fertige Tracks von uns zu hören – vorausgesetzt, ich bin zufrieden mit dem Track, sonst bin ich megagenervt und möchte das nie wieder anhören.  

Seit Kurzem ist das Kollabo-Tape "Heat Harder" mit Lichtgang-Member Yung Isvvc online. Was ist das für Musik?

James Jetski: Oh Mann, was für Musik ich mache, will ich gar nicht so sagen müssen. Das soll einfach jeder selbst anhören und sich sein eigenes Bild machen. Ich mache halt einfach immer, worauf ich Lust habe, ganz egal, ob das in dem Moment an Drillrap, Emorap oder klassischen Battlerap angelehnt ist. Ich würde auch sagen, so kann man "Heat Harder" gut zusammenfassen. Yung Isvvc und ich wollten einfach unseren Spaß haben und machen, worauf wir Bock haben, eine richtige Vision gab's da gar nicht. Vielleicht wird ja unser Album "The Concept" einen roten Faden haben mit Thementracks und durchdachten Texten. Vielleicht ist das aber auch nur ein Witz.  

Seit Rap nicht mehr Boom bap, sondern Trap heißt, ist alles anders. Wenn früher Messages, rhetorische Stilmittel und tolle Lyrik im Fokus standen, geht es heute eigentlich nur noch um den Sound und die Vermittlung eines Vibes. Was das angeht, ist Jetski 100 Prozent Kind seiner Zeit.

James Jetski: Ich bin kein Streberrapper, der irgendwas in der Musik sagen oder ansprechen will. Musik ist ein Gefühl, eine Stimmung, und so gehe ich das an. Mega unspektakulär, aber ja, so ist es für mich: Es geht um nichts. Wirklich.

Den harten Bruch mit Zeitgeist und seiner Generation findet man erst, wenn man ihn auf seine Motive und Ziele abklappert. Während für viele seiner Peers Erfolg, Geld und Fame im Mittelpunkt stehen, könnte es hier kaum Gegensätzlicher sein.

"Fame ist circa das Uncoolste auf der Welt"

James Jetski: Hmm, also Geld ist ganz cool, aber nur, um es für coole Sachen wie Designerschuhe und Schmuck auszugeben, oder eben, um Leute zu treffen, mit denen ich mich gerne umgebe, die aber in anderen Städten wohnen. So an sich spielt Geld aber keine Rolle – ich würde trotzdem Musik machen. Ich habe ja auch irgendwie fünf Jahre oder so gerappt, ohne einen Cent zu verdienen.

Erfolg ist mir auch relativ egal, kommt halt mit der Zeit eh – mehr oder weniger –, wenn man gut ist. Aber wichtig ist ja, dass man selbst zufrieden ist, egal, was irgendwelche Rap-Kritiker oder so sagen. 

Fame ist circa das Uncoolste auf der Welt. Ich mag zwar den Moment, auf einer Bühne zu stehen und liefer dann halt so meine Show ab, möchte aber nicht wirklich außerhalb von sowas erkannt oder angesprochen werden ... obwohl Fans das ja natürlich nett meinen. Ich mache aber deshalb auch keine Bilder mit Fans oder so Sachen. Ich finde das unangenehm und verbiege mich sicher nicht für sowas.  

Rap ist heute so kuschelig wie nie zuvor. Künstler kollaborieren miteinander, pushen sich in ihren Insta-Storys, gönnen sich den Erfolg. Battles oder Beefs sind zum (oft inszenierten) Rand-Phänomen verkommen. Das Kollektiv Lichtgang, das sich 2018 um LGoony geformt hat und zu dem auch James Jetski und Yung Isvvc gehören, macht trotzdem sein isoliertes Ding und existiert eigentlich nur im eigenen Kosmos.

James Jetski: Ich finde in meiner eigenen Szene statt. Das ist meine Lane. und ich mache, was ich mache. Fertig. Bin auch kein Fan von Networking oder so. Ich bin vernetzt mit den Lichtgang-Leuten, weil das einfach seit teilweise sechs Jahren meine Freunde sind, und das war's. Sonst bin ich noch irgendwie vernetzt mit Leuten, von denen ich die Musik feier, die aber meist unbekannter sind. Aber da hört's auch wieder auf für mich.  

Was ist Rap 2019?

James Jetski: Man, keine Ahnung, Rap ist jetzt ein Hobby für viele, aber nicht mehr so ein Leidenschaftsding. Gibt halt Geld jetzt.  

Wer ist für dich im deutschen Rapgame gerade richtig gut? Wer im internationalen?

James Jetski: In Deutschland kann ich natürlich meine Freunde wie zum Beispiel Yung Isvvc oder LGoony empfehlen. Außerdem hqwilli, der ist noch voll jung und ziemlich unbekannt, aber ich feier ihn extrem. Next up, wie manche sagen würden, haha. International gibt's da schon viel mehr zu holen. Ich liebe Lil Uzi und Chief Keef. Ansonsten Sickboyrari, Lil Keed, NLE Choppa, Bladee, FACE, Playboi Carti. Vieles, was ich cool finde.   

Ich geb einfach keinen Fick und mache, was ich will und wie ich es will. So ist alles cool. Ich mag das, und das ist mir auch wichtig: Auf alles scheißen und einfach machen, wie man will.      

Was inspiriert dich?

James Jetski: Ja, auch nichts. Ich sitze einfach vor meinem PC, und manchmal kommt es einfach und manchmal eben nicht. Ich kann das durch nix erzwingen.  

"Sickboyrari" ist der bisher größte Hit. 160.000 Streams auf Spotify, 60.000 Views auf einem unfassbar trashigen YouTube-Video.

James Jetski: Das Video hat einfach perfekt den Vibe gefangen, wie wir zusammen unterwegs sind und einfach wir sind. Außerdem einfach ein cooler Track. Der wichtigste in meiner Laufbahn für mich.

Vor ein paar Wochen hast du eine Insta-Story gemacht, in der du gezeigt hast, wie nice deine frisch gebleachten Zähne zu deinen neuen Designerschuhen passen. Kurz danach hat Yung Isvvc auf Twitter geschrieben, dass du dein ganzes Geld verballerst hast und jetzt nichts mehr übrig ist, um mit dem Zug zu ihm fahren zu können. War das wirklich so?

James Jetski: Haha, ja. Also, ich mag halt teure Schuhe, und das ist der Grund, warum ich irgendwann kein Geld mehr hatte. Das mit den Zähnen war nur ein Witz. Na ja, jedenfalls hatte ich dann wirklich nicht mal mehr genug Geld, um zu Isvvc zu fahren und "Heat Harder" zu recorden oder mir da Essen zu kaufen. Zum Glück hat mir mein Vater dann etwas Geld vorgestreckt, damit ich da hinkann. Peinlich.

"Zukunft ist egal"

James Jetski: Zukunft ist egal. Ich hoffe einfach mal, dass alles irgendwie cool wird und die Leute, die ich mag, in meinem Leben bleiben. Wär auch cool, wenn ich irgendwie reich werde, aber vielleicht ist mir das auch zu stressig, mal gucken dann.  

Wie sieht denn dein Leben momentan aus?

James Jetski: Ich arbeite (wie auch Yung Isvvc) acht Stunden am Tag in einem Lager – richtig geil. Aber sonst nix; ich häng unter der Woche vor meinem PC rum und höre Musik, und am Wochenende besuch ich, so oft es geht, Leute in anderen Städten.  

Wenn du keine Musik machen dürftest: Was würdest du in deinem Leben tun?

James Jetski: Vielleicht wär ich voll der Normie. Aber kann mir da echt nicht viel vorstellen. Eventuell würde ich auch einfach nur die ganze Zeit zuhause rumsitzen und nichts tun. Habe halt echt kein einziges Hobby neben Rap mittlerweile.  

Immer im Jetzt, aber vielleicht gibt es trotzdem einen Blick in die nahe Zukunft?

James Jetski: Ja. Erst mal möchte ich natürlich, dass "Heat Harder" Gold geht. Dann würde ich mich wohl an die nächste EP setzen oder einfach lose Tracks droppen, keine Ahnung. Irgendwann danach bestimmt auch mal wieder ein größeres Soloprojekt, aber ist alles noch nicht so geplant. Vielleicht droppe ich aber auch einfach endlich "Beautiful Jetski Girls", das liegt ja schon 'ne Weile auf meiner Festplatte rum.  

"Ich träume nicht groß"

Leben leben, Freunde treffen, aus Fun Musik machen. That's it. Keine Angst, keine Gedanken ans Ungewisse. Es ist genau diese Rockstar-Aura, nach der sich erfolgsverbissene Rapper unserer Zeit so sehen – eine Haltung, zu 100 Prozent bei sich zu bleiben und einfach sein Ding zu machen. Leben ist Selbstzweck und Dinge aus irgendeinem anderen Grund zu tun, keine Option. Jetski macht Musik, weil er Musik machen will, trifft Freunde, weil er Freunde treffen will und geht ins Lager – weil er muss (lol).

Vielleicht die Haltung, mit der er noch mal richtig, richtig groß wird. Der wachsende Erfolg und Hype der letzten Monate spricht für sich. Vielleicht aber auch die Haltung, wegen der genau das nicht passiert – weil es ihm einfach nicht darum geht, irgendetwas zu tun, um damit etwas anderes zu erreichen.

Ein Blick in die nahe Zukunft, sagen wir, die nächsten sechs Monate. Du bestimmst.

James Jetski: Ich würde sagen, vielleicht mehr Liveauftritte, damit ich mehr Geld aus dem Fenster werfen und Runden ausgeben kann oder so. Dann bin ich zufrieden. Ich träume nicht groß.    

Streamt "Heat Harder", damit ich schnell Gold gehe und die nächsten Sachen droppen kann. Shoutouts an meinen Bradda und Businesspartner Yung Isvvc, an Davith aka Honcho Konto, CEO LGoony, wie auch die ganze Lichtgang. Außerdem Shoutout an hqwilli, Natascha, und meine Leipziger Atzen Vitaliy, Dani und Adam. 

Quelle: Noizz.de