Crime, Rap, eine Prise Lovestory und viel Drama – das ist der Podcast "Das allerletzte Interview" auf Spotify.

Visa Vie steht für das, was in der deutschen Hip-Hop-Szene noch immer nicht ganz selbstverständlich ist: Die Berlinerin zählt seit Jahren zu den wichtigsten Frauen in der Szene. Zwischen 2010 und 2015 avancierte sie als Moderatorin für "16bars.de" zur Queen of Video-Interviews, seit 2012 moderiert sie außerdem beim Jugendradio "Fritz" vom RBB die Sendung "Irgendwas mit Rap". Die Frau kennt sich also aus.

Dass die Community auch ihre Schattenseiten hat, davon kann sie wohl auch ein Lied singen. Gleichzeitig liebt sie den Deutschrap, war von Anfang an dabei. Visa Vie hat also jede Menge zu erzählen. Einen Teil dieser Erfahrungen lässt die 32-Jährige seit gut zwei Jahren in dem Podcast "Das allerletzte Interview" auf Spotify einfließen. Bisher gibt es 20 Folgen, die zweite Staffel endete mit einem krassen Cliffhänger – und nun, Überraschung: Es geht weiter.

Foto: Spotify

Aber worum geht es überhaupt?

Wer Visa Vies Sendungen ein bisschen verfolgt hat oder ihr auf Social Media folgt, weiß, sie steht unheimlich auf Crime-Storys. Dieses Faible konnte sie für ihren etwas untypischen Podcast, eine Mischung aus Krimi, Hörbuch und natürlich Referenzen aus der deutschen Rap-Szene, mit einbringen. Die Hauptfigur ist die zu Beginn noch unerfahrene Hip-Hop-Journalistin Clara.

Die Einzelgängerin hat einen mörderischen Plan. Sie möchte den erfolgreichsten Rapper Deutschlands, den fiktiven Künstler Scar, umbringen – allerdings nicht, ohne ihn vorher in einem allerletzten Interview bloßzustellen. Um ihr Ziel zu erreichen, heuert sie bei einem der angesagtesten Hip-Hop-Magazine, Raphead, an und taucht tief in die Deutschrap-Szene ein. Blöd nur, dass Clara eigentlich mit Hip-Hop nichts am Hut hat. Ihre mysteriösen Gründe offenbaren sich den Hörer*innen erst nach und nach.

Ein Interview über einen Podcast zu führen, der den Titel "Das allerletzte Interview" trägt und eigentlich aus jeder Menge einzelnen Interview-Situationen besteht, ist zugeben, ziemlich meta. Als wir Visa Vie in Berlin kurz vor dem Überraschungs-Release der dritten Staffel ihrer Crime-Story im Podcast-Format treffen, ist sie in voller Vorfreude und kann es kaum erwarten uns noch mehr von Clara und ihrem mörderischen Plan zu erzählen.

Visa Vie: "Richtig Kanye-Westmäßig sich mit Kanye West zu vergleichen!"

NOIZZ: Wie kamst du eigentlich auf die Idee, einen Podcast zu machen?

Visa Vie: Spotify wollte mit mir einen Podcast machen, und ich hatte auch Lust, einen Podcast mit Spotify zu machen. Dann haben wir lange überlegt, in welche Richtung das gehen könnte. Das Deutschrap-Interview-Ding hatte ich schon einfach durchgespielt, das kam also nicht in Frage – wäre auch ziemlich langweilig geworden, weil es dann so ähnlich wie meine eigene Radiosendung geworden wäre. Also habe ich mich gefragt, was interessiert mich denn noch so?

Und das war dann?

Visa Vie: Schon immer Crime. Wir haben wirklich lange überlegt, ob wir nicht so einen True-Crime-Rap-Podcast machen könnten, sind da aber nicht so richtig weitergekommen. Irgendwann habe ich dann ins Gespräch gebracht, dass ich auch etwas Fiktives schreiben könnte. Das wurde aber in der ersten Instanz abgelehnt. Im finalen Gespräch aber habe ich dann nochmal einen Anlauf gestartet. Ich habe da aber schon so getan, als hätte ich die Geschichte bereits. In Wirklichkeit hatte ich aber nur diesen einen Satz im Kopf: Moderatorin will Rapstar töten. Dieser Satz hat aber ausgereicht als Pitch – alle fanden es interessant.

Ganz schön mutig. War die dritte Staffel von Anfang an geplant?

Visa Vie: Für mich war es einfach noch nicht zu Ende erzählt. Ich habe von Anfang an gesagt, dass das für mich nicht das Ende ist. Aber ich mochte es auch mit dieser Ungewissheit zu spielen. Ich hätte so gerne gesagt, dass es weiter geht. Aber jetzt ist es dann wirklich vorbei. Die dritte Staffel wird die letzte sein. Es ist das Ende. Deswegen heißt es auch "The End".

Bist du aufgeregt, dass jetzt wirklich Schluss ist?

Visa Vie: Das wird auch voll die Überraschung. So viele Menschen haben danach gefragt, und dann kommt es einfach. Ich freu mich so krass drauf. Das ist so wie Kanye West, der einfach sein Album droppt und sagt: Hier, nimm es! Auch richtig unbescheiden – richtig Kanye-West-mäßig, sich mit Kanye West zu vergleichen!

Gibt dir der Podcast die Möglichkeit, mehr zu sagen über die Szene als du es sonst könntest?

Visa Vie: Der Podcast jetzt ist einfach die perfekte Mischung – es ist halb-autobiographisch, es ist aber auch fiktiv. Damit kann man toll spielen und verwirren. Alle fragen sich, was davon bin ich, was ist davon Clara? Wollte Visa Vie wirklich jemanden umbringen?! Das sind immer die ersten Fragen, die als Reaktion kommen.

Und wie viel Clara steckt nun in Visa Vie?

Visa Vie: Es ist für mich total schwierig, zu sagen, wie viel Visa Vie oder Lotti (Visa Vies bürgerlicher Vorname, Anm. d. Red.) in Clara steckt oder wie viel Clara in mir steckt. Ich werde da selber ganz schizophren, wenn ich zu lange darüber nachdenke. Wir haben auf der einen Seite total viele Gemeinsamkeiten. Aufregung davor, auf die Bühne zu gehen, das ist bei mir genauso schlimm wie bei Clara. Es wird bei ihr besser, weil es auch bei mir besser geworden ist. Auch das Emotionale. Sie ist super emotional, genauso wie ich. Auch einzelne Liebesstränge in der Geschichte – das muss ich einfach zugeben –, ich bin einfach ein sehr romantischer Mensch. Auch, dass ich sehr interessiert an Geschichten über Serienmörder, Mordfälle und so bin, das verbindet uns beide schon.

Und was ist anders?

Visa Vie: Clara kommt immer zu früh, ich komme immer viel zu spät. Clara fängt an zu rauchen, ich habe aufgehört. Viele Dinge würde ich auch definitiv anders machen als sie!

In der ersten Folge hat Clara ihr Bewerbungsgespräch bei Raphead. Dort gibt ihr Nina, ihre Vorgängerin, einige "Tipps", wie man sich denn als Frau in der Rap-Szene am besten verhalten sollte. Hast du solche Ratschläge zu Beginn der Karriere auch bekommen?

Visa Vie: Ich hätte diese Regeln oder Tipps gerne bekommen. Auch wenn es im Endeffekt vollkommen beschissen ist. Weil es vollkommen krank ist, sich daran halten zu müssen. Ich kannte niemanden, der mir irgendwelche Tipps in der Richtung hätte geben können. Mir wäre ziemlich viel erspart geblieben, wenn ich vorher das alles beherzigt hätte. Dinge wie: Pass auf, wie du jemanden im Interview anschaust. Am Ende lachst du ihn vielleicht einmal an und alle denken, du findest ihn geil – und der Rest des Interviews ist egal.

Hat sich im Hinblick darauf was verbessert?

Visa Vie: Vor zehn Jahren war das alles noch hundert Mal schlimmer, als es jetzt ist. Das hat sich alles zum Glück etwas gelegt. Aber im Grunde sind diese Tipps leider noch immer angebracht – für fast alle Frauen, die in der Welt erfolgreich werden wollen. Nicht nur im Rap. Ich hoffe aber, dass sich das alles ändert und es irgendwann scheißegal ist.

Clara erlebt ziemlich viel als Moderatorin bei einem Rap-Medium. Ist dir selber auch schon einmal etwas Krasses passiert? So dass du dachtest "Ich höre jetzt auf!"?

Visa Vie: Es gab mal einen Rapper, der hat mich öffentlich zu seinem Zielobjekt gemacht. Der kam aus der Horror-Core-Szene. Das ist jetzt sieben oder acht Jahre her. Wenn das heute passieren würde, alle würden sich hinter mich stellen und sagen, er solle mich in Ruhe lassen. Aber zu der Zeit hat kaum jemand etwas unternommen. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich alleine jemanden ausgesetzt gewesen, der öffentlich Gewaltfantasien an mir zelebriert hat. Das ging so weit, dass er darüber philosophiert hat, wie er mich im Keller einsperrt und mich mit einer Heckenschere bearbeitet.

Ziemlich extrem ...

Visa Vie: Ich wusste nicht, wie krank dieser Mensch wirklich ist. Mir haben damals ganz viele Leute gesagt, pass auf, der ist gefährlich, das ist nicht nur eine Kunstfigur. Ich hatte richtig Angst. Ich war davon traumatisiert. Er hat mir geschrieben, dass er zuhause unter meinem Bett wartet, wenn ich nicht da bin. Das war das Schlimmste, was mir passiert ist. Mich hat so eine Angst ergriffen, dass ich gedacht habe: Das kann doch nicht der Preis dafür sein, dass ich in der Rapszene unterwegs bin ...

Und? Was hast du dann gemacht?

Visa Vie: Ich habe trotzdem weitergemacht, keine Ahnung wie. Irgendwann hat er dann auch aufgehört. Weil mich zum Glück ein paar Menschen schon unterstützt haben und mit ihm gesprochen haben. Marcus Staiger hat mir in der Situation zum Beispiel geholfen, das werde ich ihm auch nie vergessen. Jahre später hat sich der Rapper dann erst in einem Interview dafür entschuldigt. Das war für mich extrem wichtig, weil ich bis heute Angst vor dem hatte. Wenn ich ihn irgendwo gesehen habe, hat das in mir Panik ausgelöst. Der hat Videos gemacht, in denen er mit blutunterlaufenden Schafsmasken rumläuft und meinen Namen 30 Mal sagt. Richtiger Psychoterror! Seine Anhänger haben ja auch mitgemacht. Das war nicht nur er. Heute würde so etwas aber nicht mehr passieren. Es gäbe so viele coole Frauen, die sich auch auf ihn stürzen würden. Er würde Anzeigen kassieren. Aber damals war ich so alleine.

Du bist seit gut zehn Jahren Teil der Szene. Glaubst du, du hast dazu beigetragen, dass sich etwas in der Art und Weise wie über Hip-Hop berichtet und gesprochen wird, verändert hat?

Visa Vie: Ich würde niemals sagen, dass ich bekannt war für meinen superkritischen Deutschrap- Journalismus. Da bin ich ganz ehrlich. Ich habe mich in Sachen Musik auch immer eher zurückgehalten. Weil ich auch Angst hatte, Menschen in der Welt zu verletzen und weitere Probleme auszulösen. Rapper sind nun mal superemotional mit ihrer Musik und dementsprechend empfindlich. Weil die Musik einfach alles ist, was sie haben. Es ist ihr Leben.

Aber du hast auch nicht alles unkommentiert gelassen ...

Viesa Vie: Ich habe immer versucht, subtil kritisch zu hinterfragen, wie die Außenwirkung ist. Aber ich habe mich nie angebiedert oder verbrüdert. Ich habe das immer versucht, zu vermeiden. Obwohl es natürlich mit der Zeit Rapper gibt, mit denen du dich einfach besser verstehst als mit anderen. Bei einem Video wie “Kochen mit Celo & Abdi” waren die Grenzen auch bei mir fließend. Obwohl wenn ich mir das jetzt noch mal so anschaue, ich würde heute wahrscheinlich auch mehr von mir Preis geben. Ich habe damals sehr aufgepasst, wie ich rüberkomme.

Die Deutschrap-Szene hat sich ja in den vergangenen Jahren sehr gewandelt. Wie hast du das erlebt?

Visa Vie: Ich war Teil dieser Entwicklung vom Deutschrap als minikleine Szene, einer süßen Blase, hin zu einem immer größeren Ding. Aber ich glaube, jeder, der sich zu dieser Zeit in der Szene eingebracht hat und gezeigt hat, wie cool das alles ist, hat einen Anteil daran.

Mit der "Juice" ist ja jetzt auch eine Print-Instanz der Szene eingestellt wurden, obwohl Deutschrap erfolgreicher denn je ist.

Visa Vie: Für mich ist das eine logische Konsequenz gewesen. Nach und nach wird alles an Print absterben – traurig, aber wahr. Ich bin mit der “Juice” groß geworden. Ich habe sie mir immer gekauft. Aber es hat mich nicht schockiert. Ich fand es verständlich. Ich hole mir meine Rap-News auch inzwischen aus dem Netz. Wenn ich mir in der letzten Zeit irgendwelche Zeitschriften gekauft habe, dann eher Crime-Magazine.

Zum Schluss – kannst du uns schon etwas zur dritten Staffel verraten? Natürlich nur, ohne zu spoilern ...

Visa Vie: Es ist diesmal nicht nur aus Claras Perspektive erzählt, sondern auch aus der Sicht von Scar. Zwar nicht aus seiner Ich-Perspektive, aber man ist viel näher dran an ihm als vorher. Es wird eine Art Katz- und Mausspiel zwischen den beiden. Das schafft noch mal eine richtige neue Dynamik. Für mich war es dadurch aber auch schwerer zu schreiben und auch einzusprechen – weil Scar einfach so ein Ekelmensch ist.

Und sonst?

Visa Vie: Außerdem gibt es einen neuen Intro- und Outrosprecher. In den ersten beiden Staffeln hat das Bausa übernommen, jetzt macht das OG Keemo – das ist für mich einer der krassesten Künstler gerade. Seine Stimme passt auch so gut dazu, so ein bisschen düster, das passt auch sehr gut zur dritten Staffel.

Bist du neugierig geworden? Hier kannst du in die neuen Folgen von "Das allerletzte Interview – the end" auf Spotify reinhören:

Auch interessant:

>> Loredanas Erfahrung mit Männern im Rap zeigt: Frauen begegnet man noch immer nicht auf Augenhöhe

>> Jérôme Boateng im NOIZZ-Interview – über Mode, Stil und Sneakersucht

>> Geht das AfD-Tötungsvideo von Tarek K.I.Z. zu weit?

Quelle: Noizz.de