Cartel Madras erobern die Welt des Hip-Hop langsam aber sehr sicher. Ihre Musik ist eine explosive Mischung aus treibendem Rap, politischen und persönlichen Themen und kulturübergreifenden Einflüssen. Kurz: All das, was der Hip-Hop von morgen ganz dringend braucht. Dieses Jahr waren die genau deshalb auch auf dem progressiven Berliner Pop-Kultur-Festival.

Die Schwestern Puma und Eboshi (gebürtig heißen sie Priya und Bhagya Ramesh) sind im indischen Chennai geboren, das bis 1996 Madras hieß. Sie leben mittlerweile im kanadischen Vancouver. Auf einem Princess-Nokia-Konzert gingen sie nicht nur zur Musik ab, sondern entschieden kurzerhand auch, dass sie definitiv auch selbst Musik machen sollten.

Das war eine gute Entscheidung, denn Cartel Madras machen nicht einfach nur Hip-Hop, sie üben die Revolution. Immerhin machen die beiden Schwestern Musik, die nicht nur über Genregrenzen hinausgeht: Ihre Songs zwingen in die Knie, wenn sie Punk, Trap und Hip-Hop mischen. Auch die Themen gehen an die Substanz: Autonomie, Sexualität, Politik, und das alles mit der viel Attitüde und Humor.

Aufgewachsen sind sie beiden Musikerinnen mit den Platten ihres Vaters, der mit Luther Vandross oder Teddy Pendergrass eher klassischen 80er-Soul-Funk im Angebot hatte. Prince war die erste Offenbarung. Nach eigenen Angaben verbrachten Puma und Eboshi ihre musikalischen Teenagerjahre dann aber eher damit, zur Musik von Sufjan Stevens oder Beirut traurig zu sein.

Ihre eigene Musik machen sie allerdings hauptsächlich, um auf die Fresse zu geben. Still stehen kann man bei ihren Tracks jedenfalls nicht lange. Das haben sie bereits mit ihrem Mixtape "Project Goonda Part 1: Trapistan" (2018) und ihrer Debüt-EP "Age of the Goonda" (2019) bewiesen. Dieses Jahr hätten sie eigentlich Live auf dem Pop-Kultur-Festival auftreten sollen, haben dann aber kurzerhand bei der grandiosen Digitalversion der Veranstaltung mitgewirkt und ihre Musik in kunstvolles Videomaterial übertragen. Als ob das nicht schon reichen würde, soll aktuell auch ein Langspieler in Produktion sein. NOIZZ sprach mit den Schwestern über Frauen im Hip-Hop, Genrezugehörigkeit und Süßigkeiten.

NOIZZ: Frauen im Rap haben es ja schon schwer, ihr identifiziert euch darüber hinaus auch noch als queer. Man könnte meinen, dass es für euch in der Branche wirklich nicht einfach sein dürfte. Ist das so?

Cartel Madras: Das ist immer eine interessante Frage, denn auf der einen Seite hat uns diese Branche vom ersten Moment an gut behandelt. Unsere Entwicklung in den letzten zwei Jahren, seit wir angefangen haben, war erstaunlich. Aber das bedeutet nicht, dass wir in der Musik nicht ständig in Schubladen und Kategorien gesteckt werden, die wirklich nichts mit der Musik zu tun haben, die wir machen.

Das Schwierige ist weniger, dass uns die Industrie Hindernisse in den Weg legt, sondern vielmehr, dass wir nicht so einfach das bekommen, was wir unserer Meinung nach verdienen.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wie genau meint ihr das?

Na ja, das Problem ist, jemanden davon zu überzeugen, dass zwei südasiatische Mädchen genau die Richtigen sind, als Vorband von etwa Griselda aufzutreten, verstehst du? Die Schwierigkeit besteht darin, sich in das gleiche Ökosystem und Spielfeld einordnen zu lassen wie die Rapper*innen, denen man ähnlich klingt, mit denen man sich das Genre teilt. Und nicht mit denen, denen man nach Meinung anderer ähnlich sieht oder deren Identitäten man teilt.

In einem Interview sagte Cardi B kürzlich, dass Hip-Hop-Künstlerinnen* immer gegeneinander aufgehetzt werden, weil es im Rap so wenig Platz für Frauen gibt.

Facts! Die Leute lieben Drama, und es erfüllt offensichtlich ihre Vorurteile, wenn sie Frauen* gegeneinander ausspielen – und zwar in JEDEM Genre und JEDER Branche. Die Zeiten sind aber hoffentlich vorbei: Während Frauen im Rap mal mehr, mal weniger Raum zugestanden wurde, hat sich die neue Generation von Femme-Rappern ihren eigenen Weg gebahnt – und die Standards der Branche ordentlich untergraben.

>> Von Visa Vie bis Hayiti: Wie Frauen den Deutschrap erobern

Seht ihr euch selbst hier auch in der Tradition dieser Künstlerinnen*?

Ja, sicher. Wir kämpfen auch für unseren Platz, aber eben nicht auf Kosten anderer Künstlerinnen*. Denn im Hip-Hop waren Frauen schon immer eine Minderheit, die mit bahnbrechender Kraft ihre Existenz und Bedeutung manifestierten. Da gab es so phänomenale Künstlerinnen wie Bahamadia, MC Lyte, Erykah Badu, Queen Latifah, Foxy Brown oder Missy Elliot, die mit Händen und Füßen für ihre Position gekämpft haben.

Ihr verbindet in eurer Musik indische Kultur, progressiven Hip-Hop und Attitüde. Was ist eurer Meinung nach das Herausragendste an eurer Kunst?

Wie viel wir in einem Song erreichen können: Wir sind in der Lage, neue und radikale Narrative auszudrücken und trotzdem einen Song zu produzieren, der ein Banger ist.

Wo wir beim Thema Banger sind: Euer Track "Goonda Gold" geht ja ab, wie heißes Frittenfett. Den Begriff "Goonda" benutzt ihr häufiger. Was genau bedeutet er?

"Goonda" ist ein Slang in Südasien, typischerweise für einen Schläger oder Gangster, aber er wird auch spielerisch gegenüber Jugendlichen verwendet, um anzudeuten, dass sie sich rüpelhaft verhalten und Unruhestifter sind. Als Kind haben wir dieses Wort oft gehört, manchmal auch liebevoll gegenüber lauten und schroffen jungen Männern, die wir kannten. Als wir rappten, wurde es zu einem Wort, mit dem wir nicht nur unser Verhalten als südasiatische Frauen in der westlichen Rap-Industrie beschreiben konnten, sondern mit dem wir auch einen Weg fanden, abtrünnig zu werden und innerhalb des Hip-Hop Pionierarbeit für unsere ganz eigene Musik zu leisten.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Die sich durch was genau auszeichnet?

Wir machen eine Mischung aus Trap, Punk und House mit einer Musik, die in ihren Geschichten und Charakteren ordentlich Platz einnimmt. Wir wuchsen mit Gangster-Rap auf und haben uns intensiv mit Schwarzer Kunst und Schwarzer Revolutionsliteratur beschäftigt. Das hatte nachhaltige Wirkung auf uns. Wir wollten all dem huldigen und gleichzeitig einzigartige Musik schaffen, die mehr widerspiegelt, wer wir sind und mit welchen Geschichten wir aufwuchsen. Unser Goonda-Rap ist sexuell expansiv, klanglich aggressiv und nimmt den Hörer mit in den globalen Süden.

Letzte Frage, völlig off-topic: Welche Süßigkeiten esst ihr am liebsten?

Contra: Ich mag Süßigkeiten eigentlich gar nicht so sehr. Wenn ich aber doch mal in der Stimmung dafür Süßigkeiten bin, nehme ich eine ganz bestimmte Art von grünen Apfel-Gummiringen oder "Cadbury's Dairy Milk – Brezel & Erdnussbutter-Geschmack".

Eboshi: Popcorn mit Butter! Ich mag am liebsten extra-buttriges, geschichtetes Kino-Popcorn. Ich gehe am liebsten ins Kino, bestelle extra gebuttertes Popcorn und gehe wieder. Kein Film, nur Popcorn mit Butter. Leider habe ich das dank Corona jetzt schon länger nicht mehr machen können.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wir haben Cartel Madras beim diesjährigen Pop-Kultur-Festivals entdeckt – wie immer zeigen die Kurator*innen der Veranstaltung messerscharfes Gespür für Newcomer*innen und Geheimtipps, die unbedingt endlich entdeckt werden sollten. Wer sich inspirieren lassen oder das Digital-Programm des Pop-Kultur-Festivals anschauen möchte, wird im Programm fündig.

  • Quelle:
  • Noizz.de