Das Album ist leider langweilige Fließband-Musik.

Ich liebe Post Malone; ich liebe den Typen, seinen Humor, seine freundliche und zugewandte Art, seine Musik, seine Geschichte. Sein Album "Beerbongs & Bentleys" von 2018 war ein genialer Meilenstein in der Verschmelzung von Pop und modernem Emo-Trap. Sein neues Album ist hingegen eine Katastrophe und ich sitze hier als gebrochener Fan, der sehr kurz davor ist, sich in geschwungenen Lettern "always enttäuscht" unter die Augen zu tätowieren.

Habt ihr Posty in den letzten Monaten mal live gesehen oder auf YouTube reingehört, wie das klingt? Nein? Ich sag es euch: Seine Stimme ist fratze. Der Typ tritt gefühlt jeden Tag irgendwo auf – wie so viele andere Megastars – und das merken auch seine Stimmbänder. Das Ganze erkennt man auch im Megahit "Sunflower". Achtet mal auf seine Stimme – nicht nur live ein Wrack, scheinbar gibt es nicht einmal Off-Days oder genug Zeit für eine Pause, damit wenigstens die Aufnahmen mit voller Power gemacht werden können.

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Und so hört sich auch sein neues Album an: Die Luft ist raus. Die klare, brillante und neuartige Vision seiner bisherigen Musik ist kaum noch zu hören. Stattdessen ist "Hollywood's Bleeding" kitschiger Fließband-Pop, so kunstvoll und modern das Gewand drum herum auch gewebt sein mag. Seine sonst so gefühlvollen und authentischen Texte driften immer wieder in unpersönliche Oberflächen ab, die Melodien sind austauschbar und das pathetische Ritterkostüm, kommerzielle Feature-Placements, sowie grauenhafte Cross-Over-Ansätze, machen es leider nicht besser.

Damit ist das Album ein Sinnbild dafür, wie Kunst und Mensch unter der industriellen Superstar-Karriere leiden.

Tourbus beziehungsweise Privatjet – Studio – Auftritt – Party. So geht das im 24-Stunden-Loop, jeden Tag. Zwischendrin ein paar Side-Projekte (Posty macht jetzt Rosé), Interviews, Video-Shootings, Shoppen und Schmuck kaufen, Autogramme und Paparazzis in den Freiminuten. Für mich ist total klar, dass das ein Lebensstil ist, der die Musik – wenigstens langfristig – in Mitleidenschaft ziehen muss. Ein paar Monate geht das vielleicht gut, aber irgendwann entsteht vor allem eines: Müdigkeit – und Postys Tattoo spricht Bände: "Always Tired". Hinzu kommen Songs wie "Rich & Sad" oder Zeilen à la "Tell me why I can't get no relief?" ("Paranoid"). Zu viel, zu schnell, zu wenig von dem, was wirklich gut tut.

Wie viel eigene Entscheidung in dieser Art von Karriere-Führung steckt und wie viel die Industrie beisteuert, weiß ich nicht. So oder so: Das Konzept geht nicht auf.

Zurück zum vergangenen Dezember, der bisher letzte großartige Wurf: die Single "Wow".

Als das Teil rauskam, war ich Feuer und Flamme: Das war SO cool und neu – diese fette 808, der zusätzliche Bass, der perfekte Hybrid aus Gesang und Rap-Flow. "Geil, das Album wird der Hammer", hab ich mir gedacht. Jetzt, neun Monate später, hab ich "Hollywood's Bleeding" in den Ohren und Posty als Ritter vor Augen. Was zur Hölle?!

Alleine schon der Basslauf und die Drums seiner Single "Circles" waren extrem alarmierend, aber der Rest des Albums ist leider wenig bis überhaupt nicht schmerzfreier. Zieht euch mal diese Texte rein:

"Used to have friends, now I got enemys, yeah, it's so sad" ("Enemies")

"You said you'd die for me, you'd die for me, you'd die for me. But you lied to me, you lied to me, you lied to me" ("Die For Me")

"I'm gonna be what I want, what I want, what I want, yeah. I'm gonna do what I want, what I want, what I want, yeah." ("I'm Gonna Be")

Was ist das?! Rhetorische Frage. Richtig billige Zeilen sind das. Billig und unpersönlich. Jeder andere Popstar dieser Welt hätte das schreiben und herausbringen können.

Aber ich bin ja kein Hater: Es gibt auch coole Seiten am neuen Album. Die Produktion ist (wie gewohnt) unfassbar und Post Malone hat aktuell einfach den schönsten Voice-Mix der Welt. Vielleicht zusammen mit Billie Eilish, aber ansonsten konkurrenzlos. Das kann man schon genießen. Und natürlich hat er sein Händchen für catchy Melodien nicht verloren; klar, dass da Ohrwürmer drauf sind. Das Projekt wird ganz sicher überragend charten, unzählbar oft gestreamt werden und ein riesiger kommerzieller Erfolg sein. Leider hat das eine nichts mit dem anderen zu tun – Geld und Erfolg sind kein Maßstab für gute Kunst.

Ironischerweise bestätigt Post Malone mit seiner Musik den Titel seines Albums und schlägt einen (wohl ungewollten) Meta-Bogen: Hollywood blutet. Die Szene ist krank und verschlingt ihre hellsten Lichter mit angsteinflößender Geschwindigkeit. So wird aus dem ungeschliffenen "White Iverson" innerhalb von nur vier Jahren ein angepasster Mainstream-Star.

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Quelle: Noizz.de