In der Interview-Reihe "Allein zu Haus" zeigen Künstler*innen und Musiker*innen ihr Zuhause und erzählen, was sie in der Corona-Krise gerade bewegt. Diesmal gibt uns die Londoner Soul-Sängerin Poppy Ajudha Einblicke in ihr Lockdown-Quartier.

Während Großbritannien lange Zeit mit Brit-Pop und Rock in Verbindung gebracht wurde, haben spätestens die Zehner-Jahre eine neue Ära für die Insel und vor allem deren Hauptstadt London eingeläutet: Die Neo-Soul- und R'n'B-Szene der Millionenstadt an der Themse ist so aufregend vielseitig, wie schon lange nicht mehr.

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Singer-Songwriterin Poppy Ajudha ist für Kenner des Genres längst kein Geheimtipp mehr. Ihre Songs hört man sich im besten Sinne die klassischen Jazz-Wurzeln an – Poppy hat Lust an der Improvisation und mischt die gleichzeitig mit modernen, kühlen Elektroklängen und Neo-Soul-Vibes. Aufgewachsen ist sie mit einer Vielzahl von Einflüssen – während ihr Vater, der aus St. Lucia stammte, viel Motown und Roots-Reggae spielte, verpasste ihre britische Mutter ihr die volle Ladung Groove, Funk und Soul. Ihre Mutter war es auch, die sie an den Feminismus heranführte – ein Thema, das heute zu den Leitmotiven ihrer Stücke geworden ist, genauso wie postkoloniale Fragen.

Hier kannst du hören, wie Poppy Ajudha klingt:

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Als Poppys Feauture auf Tom Mischs Track "Disco Yes" in der Playlist des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama zum Jahresende auftauchte, dachte eigentlich jeder: 2020 kann nur ihr Jahr werden. Doch dann kam Corona. In Großbritannien ging das alltägliche Leben noch ziemlich lange seinen gewohnten Gang. Zu Beginn der Coronapandemie setzte die britische Regierung noch auf das Konzept der Herdenimmunität. Diese Strategie haben die britischen Behörden jedoch wieder über Bord geworfen. Seitdem heißt es auch für Poppy: Stay at home. Das bedeutet für sie aber keinesfalls pure Langeweile – denn den Alltag neu zu organisieren ist auch eine Herausforderung.

Klein, aber fein: Poppy in ihrem Homestudio.

Dabei hat die 24-Jährige auch neue Lieblingsorte in ihren eigenen vier Wänden entdeckt, die ihr wichtiger denn je geworden sind. Typisch für jemanden, der kreativ arbeitet, ist das natürlich einerseits ihr Studio. Schließlich hat sie jetzt mehr Zeit denn je, an neuem Material zu arbeiten. Aber auch ihr Wohnzimmer und Garten sind für Poppy wichtige Rückzugsräume und Orte der Entspannung geworden.

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Mehr darüber erzählt sie euch in unserem Interview:

NOIZZ: Magst du es, zu Hause zu sein oder gibt es etwas, dass du besonders vermisst?

Poppy Ajudha: Ich bin definitiv der Zuhause-Typ! Mein Studio ist hier, ich hab' ein Klavier, einen Filmprojektor im Wohnzimmer und einen Garten, indem ich eine schöne Zeit verbringen kann. Wenn du als Musiker*in sonst entweder die ganze Zeit unterwegs auf Tour bist, oder aber deine ganze Zeit damit verbringst, Songs zu Hause zu schreiben, fühlt sich so ein Lockdown gar nicht so viel anders an – obwohl, wenn ich es recht überlege, manchmal drehe ich schon ein bisschen durch!

Ich glaube, ich vermisse es, Liveshows zu spielen oder mit Freunden im Studio zusammen zu arbeiten. Es ist seltsam: Dein ganzes Leben spielt sich eigentlich im digitalen Raum ab, ohne dass wir es groß bemerken. Und jetzt, wo es alles ist, was wir haben, wollen wir nur noch die Leute treffen und in echt sehen – ihre Energie im Raum spüren. Ich kann es kaum erwarten, wenn es wieder so weit ist!

Poppy in ihrem Garten
Tag und Nacht ein fantastischer Rückzugsort, findet Poppy!

Wie lange bist du denn schon in Isolation und wie kommst du damit zurecht?

Poppy Ajudha: Etwas länger als der offizielle UK-Lockdown verkündet wurde. Als eine Woche davor alle angefangen haben, auf Social Distancing zu setzen, war ich schon bei mir zu Hause "isoliert". Am Anfang habe ich mich etwas ängstlich gefühlt – vor allem wegen der weltweiten Unsicherheit. Eine Woche lang verbrachte ich wirklich in einer lähmenden Angst, ich konnte nichts tun, war unsicher, ob meine Zukunftspläne noch aufgehen und war unentschlossen, was ich tun sollte – während ich darauf gewartet habe, was die Regierung wohl als Nächstes unternehmen wird. Als dann der Lockdown tatsächlich beschlossen wurde, fühlte ich mich viel besser. Ich konnte meine Tage strukturieren, mehr Zeit als vorher mit trainieren verbringen, konnte kochen, backen. Und natürlich fokussierte ich mich auf meine Musik und die Ideen, die ich noch zu Hause umsetzen konnte.

Bist du nur für dich, oder triffst du dich auch noch mit anderen?

Poppy Ajudha: Ich hab mich fast vollständig zurückgezogen und bin für mich mit meinen zwei Mitbewohnern. Zum Trainieren gehe ich morgens raus, wenn ich mit wem rede, dann mit Abstand. Manchmal ruft meine Oma an, dann fahre ich mit dem Rad zu ihr und bringe ihr die Sachen vorbei, die sie braucht – sie ist ziemlich alt und sollte das Haus besser nicht verlassen.

Kreativ sein und an neuer Musik arbeiten funktioniert für Poppy bestens zu Hause – hier mit einem ihrer Mitbewohner. Nur das gemeinsame Arbeiten mit Freunden fehle ihr.

Was ist mit deiner Freizeit: Schon irgendwelche DIY-Projekte gestartet, jetzt wo du zu Hause bist und mehr Zeit hast?

Poppy Ajudha: Ja! Es ist großartig, wie ich jetzt endlich Zeit dafür, habe mit so was zu experimentieren. Mein aktuelles Musikvideo zu "Strong Womxn" etwa habe ich alleine geschnitten und auch Regie geführt. Obwohl es eine wahnsinnige Herausforderung war, hatte ich auch megaviel Spaß habe. Es war ein fantastischer Lernprozess, weil es mich runter geholt hat, aber auch gezeigt, was ich alles erreichen kann, wenn ich mich wirklich auf etwas konzentriere und alle Energie da rein stecke. Normalerweise stecken hinter einem Musikvideo jede Menge Leute und alle tun ihren Anteil daran – das vergisst man manchmal. Wenn du gleichzeitig der Beleuchter, Regisseur, Stylist und Make-up-Mensch bist, dann weißt du das Teamwork noch mal mehr zu schätzen. Auf der anderen Seite war es ein großartiges Gefühl, zu wissen, dass ich das alles zu verantworten hatte.

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Hast du einen Ratschlag, wie man am besten mit der Isolation klar kommen kann?

Poppy Ajudha: Begrüße die Abwechslung. Entschleunige dich. Denke an die Sachen, die du wirklich gerne machen würdest, lerne etwas Neues, mach vielleicht einen Onlinekurs, besorg dir ein paar Kochbücher und probier alle Rezepte aus! Mach dir Gedanken darüber, was dich wirklich glücklich macht in deinem Leben – schließlich hast du jetzt genau die Zeit, das alles umzusetzen und in dein Leben zu integrieren. Bleib dran, denn all das Geld und Erfolg auf dieser Welt, genauso wie alle Karriereziele, nach denen du strebst, sind eigentlich bedeutungslos, wenn du dich nicht selbst kennst und liebst. Jetzt ist – finde ich – genau die Zeit, daran zu arbeiten und dein Leben neu zu planen, abseits von Konsum und Produktivität.

Wenn du einen Wunsch hättest: Was sollten wir alle als Lektion aus dieser Krise mitnehmen?

Poppy Ajudha: Dass die Welt gar nicht so sein muss, wie wir sie gemacht haben. Wir können uns jederzeit andere Lebenswege vorstellen, die genauso funktionieren und uns noch dazu sogar wirklich glücklich machen.

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Auf ein Debütalbum von Poppy Ajudha musst du nach ein bisschen warten – stattdessen kannst du dich aber satthören an den beiden EPs "Femme" und "Patience". Ist ja zusammen genommen fast ein Album. Außerdem steht Poppy auch auf Fashion: Sie ist das Gesicht der FA18-Womenswear-Kampagne "Metallic Sheen" von Nike und auch der globalen Winter-"Ikonen"-Kampagne der Outdoor-Bekleidungsmarke Napapijiri. Falls du ein paar Fashion-Inspirationen brauchst.

  • Quelle:
  • Noizz.de