Die Powerfrau hinter „1999“ und „Boys“ im NOIZZ-Interview.

„I just wanna go back, back to 1999, take a ride to my old neighborhood“ – diese Zeile singe wohl nicht nur ich momentan 24/7. Charli XCX hat gemeinsam mit Troye Sivan und ihrem aktuellen Hit „1999“ mal wieder einen Ohrwurm produziert, den man einfach nicht loswird. Der poppige Partysong ist eine liebevolle Hommage an die 90er-Jahre, ebenso wie das dazugehörige Musikvideo, das alle Ikonen der Neunziger noch einmal aufleben lässt.

Charli XCX das ist die 26-jährige Charlotte Aitchison, die bereits mit Songs wie „Fancy“, „I Love It“ oder „Boys“ auf dem Radar aller Popmusik-Fans gelandet ist. Sie hat bereits mit Größen wie Iggy Azalea zusammengearbeitet und Songs für Blondie und Selena Gomez geschrieben. NOIZZ hat die Sängerin zum Interview in Berlin getroffen.

Sängerin Charli XCX im NOIZZ-Interview: „Man braucht einfach Menschen, die dich nicht ruinieren.“

Charli XCX ist nicht nur dafür bekannt, die Formel eines perfekten Popsongs zu kennen, sondern auch ihr Ding zu machen – no matter what. Charli lässt sich weder von Stylisten noch ihrem Label in eine Schublade stecken und schafft es kommerzielle Popmusik mit Indie-Scharm zu vereinen. Selbst wenn es längst keine Seltenheit mehr ist, eine Frau im Musikbusiness zu sein, heißt das noch lange nicht, dass es einfach ist. Ihre Erfahrung als Künstlerin im Popbiz beleuchtete die Sänger 2015 in ihrer „BBC“-Doku „The F Word and Me“. Das „F Word“ ist Feminismus, mit dem sich Charli in der Dokumentation ausführlich auseinandersetzt.

Seitdem hat sich in der Branche viel verändert, erzählt sie mir. „Ich glaube, Frauen sprechen mehr und mehr darüber, wie es ist eine Frau in der Musikindustrie zu sein. Ich habe das Gefühl, das ist mittlerweile üblich. Viele Künstler, vor allem Musiker, sprechen jetzt über Gleichberechtigung für Frauen und das finde ich großartig. Frauen reden mittlerweile so offen über ihre Erfahrungen – klar, kann man immer noch mehr machen – aber ich denke, jeder ist momentan sehr aktiv, was toll ist.“

Obwohl sich die Engländerin seit Jahren für die Rechte von Frauen und der LGBTQ-Community einsetzt, findet Charli, dass sie persönlich keine politischen Songs schreibt. Dabei sind viele ihrer Hits Hymnen für starke Frauen, die nichts und niemanden brauchen außer sich selbst. So wie ihr Song „Body of my own“ von ihrem Album „Sucker“. In dem Popsong mit 80er-Jahre-Powerelementen verabschiedet sich Charli von einem Lover, der sie nicht richtig befriedigt. Stattdessen verlässt sie sich auf ihr eigenes Können im Bett, was ihr am Ende eh viel besser gefällt.

Auch mit ihrem Musikvideo zu dem Hit „Boys“ setzte die Britin ein Zeichen. Der Clip ist eine Kampfansage an die sexistischen Darstellungen von Frauen in Musikvideos. Charli dreht darin den Spieß einfach um: statt freizügiger Videogirls begeben sich bekannte, männliche Musiker in dem Musikvideo in sexy Posen, essen lustvoll oder waschen knapp bekleidet Autos. Damit machte die 26-Jährige die Doppelmoral der Darstellung von Frauen und Männern in der Musikindustrie ziemlich deutlich.

Inspiriert fühlt sich die Künstlerin übrigens hauptsächlich von ihren Freunden und Musikproduzenten A. G. Cook oder Sophie Xeon. Doch auch „1999“-Partner Troye Sivan hat seinen Eindruck in Charlis Leben hinterlassen: „Troye hat mich wahnsinnig inspiriert. Seine bloße Gegenwart – er hat so eine beruhigende Ausstrahlung, ganz anders als ich – war toll. Er ist so eine großartige Stimme für die LGBTQ-Community. Er ist furchtlos. Er steht zu sich und seiner Story und erzählt sie auf ehrliche Art und Weise.“

Wenn sich Charli Musiker für eine Kollabo aussucht, achtet sie übrigens nicht direkt darauf, dass sie dieselbe Message verbreiteten. Stattdessen achtet sie auf ein anderes Detail. „Es ist immer toll, wenn man dieselben Werte hat, aber ehrlich gesagt ist es für mich eher wichtig, dass ich mich mit anderen Künstlern gut verstehe. Ich muss sie mögen. Wenn es Freunde sind, macht es am meisten Spaß. Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, die wirklich Interesse daran haben und mir nicht von meinem Label aufgedrängt werden.

Doch das Musikbusiness besteht nicht nur aus spaßigen Kollabos mit Freunden, sondern auch aus viel Stress. Interviews, Songwriting, Touren und Reisen – als hauptberufliche Musikerin mit weltweitem Bekanntheitsgrad hat Charli einiges auf dem Zettel. Dass das nicht immer gut für die mentale Gesundheit ist, zeigt sich aktuell an Beispielen wie Selena Gomez oder Zayn Malik.

Das anstrengende Leben als Popstar kennt auch Charli XCX mittlerweile zu gut: „Das Musikbusiness laugt einen wirklich sehr aus und es ist definitiv ermüdend, aber ich glaube, man muss einfach manchmal Nein sagen und sich Urlaub nehmen. Manchmal fällt mir das persönlich aber schwer. “

2015 musste Charli tatsächlich Nein sagen und den zweiten Teil ihrer „Sucker“-Tour absagen. Für sie ein Tiefpunkt: „Ich war so unglücklich, weil ich während der Tour nicht kreativ sein konnte und auch die Tour selbst mir nicht richtig gefallen hat. Ich hatte einfach überhaupt keine Inspiration mehr. “

Eine Krise wie vor drei Jahren hatte sie seitdem glücklicherweise nicht mehr. „Ich habe seitdem eine bessere Balance gefunden. Ich bin mittlerweile so positiv geworden. Ich glaube, man muss sich einfach mit guten Leuten umgeben. Ich arbeite zum Beispiel mit alten Schulfreunden zusammen, die ich kenne, seit ich 13 Jahre alt bin. Sie wollen einfach immer nur das Beste für mich und können mir auch mal sagen, wenn ich eine Pause einlegen muss. Auf der anderen Seite pushen sie mich auch. Man braucht einfach eine gute Balance und Menschen, die dich nicht ruinieren, sondern denen du vertrauen kannst.

Seit Charli XCX diese Balance gefunden hat, ist sie so ziemlich ständig voller Inspiration, erzählt sie mir. Gerade arbeitet sie an „futuristische Popmusik“, hat aber noch keine Ahnung, ob die Musik auf einem Album, einer EP oder einem Mixtape landen wird. Ihre Fans sehnen sich bereits nach einem neuen Album, schließlich ist ihr letztes Studiowerk „Sucker“ schon vor vier Jahren erschienen. Wann neuer Stoff kommt, weiß Charli allerdings noch nicht.

Gute Nachrichten gibt es für Fans trotzdem: 2019 möchte die Engländerin eine Headline-Tour machen. Ihre Fanbase in Deutschland kennt die Sängerin übrigens noch nicht so gut. „Ich weiß nie, ob ich in Deutschland eine richtige Fanbase habe, weil ich hier bisher so selten gespielt habe. Ich möchte auf jeden Fall bald in Deutschland auftreten, vor allem in Berlin! Meinst du, das würde gut gehen?“, fragt sie sich mich am Ende unseres Interviews ganz ehrlich. Ich bejahe euphorisch. So ziemlich jeder, den ich kenne, liebt die Tracks von Charli XCX.

Wer die Interpretin noch immer nicht kennt, sollte sich mal den Song „Girls Night Out“ reinziehen. Die Partyhymne fast ihre Kunst am besten zusammen, findet die 26-Jährige. Hier könnt ihr in den Song von Charli XCX reinhören:

Quelle: Noizz.de