Wir haben die Schottin in ihrer Wahlheimat Berlin auf einen Ingwer-Zitronen-Tee getroffen.

Wenn es um Musik geht, dann ist Großbritannien so etwas wie das Mekka aller Indie-Jüngerinnen und -Jünger. Die Beatles, Rolling Stones, Arctic Monkeys, Lily Allen, Pulp, Blur, The 1975 – von der Insel kommen so viele unendlich gute Acts, dass es manchmal so scheint, als begünstigen Tee, Grauschleier und Nieselregen automatisch eine Popkarriere.

"Es ist so kalt da, da ist man automatisch oft in seinem Zimmer und macht Musik", sagt Charlotte Brimner während sie – und da wären wir wieder in der Klischeehölle – an ihrem Ingwer-Zitronen-Tee nippt.

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Es ist Mitte Mai, ein außergewöhnlich sonniger Tag in Berlin, Charlottes neuer Wahlheimat. Ende vergangenen Jahres kehrte sie ihrer Heimat, dem schottischen Dundee, den Rücken und zog nach Deutschland. Okay, eben nicht irgendwohin, sondern nach Berlin.

Normalerweise läuft das bei britischen Künstlern doch eher so: Sie versuchen sich zuerst in den kleinen Pubs ihrer Heimatorte, fernab vom Trubel der Millionenstadt an der Themse. Wenn ihre Songs gut ankommen, dann geht es irgendwann nach London. Weil es dort einfacher ist, dort sind die Labels, die Studios und alle anderen Musiker. Für Charlotte, die als Be Charlotte auf der Bühne steht, kam das irgendwie nicht in Frage.

Lieber Berlin als London

"Ich weiß, eigentlich ist das so. Aber Berlin fühlte sich für mich irgendwie richtiger an. Bevor ich umgezogen bin, war ich hier auch am meisten. Und es ist recht günstig." Hmm, ob da auch ein bisschen Brexit-Vibes mit reingespielt haben? "Haha, ein bisschen", gibt sie zu – besser man habe jetzt schon alles geklärt, als wenn es später dann doch nicht mehr möglich ist.

"Im Vergleich zu London ist Berlin auch so entspannt, alle sind viel relaxter", findet sie. Außerdem sei Berlin eine gute Stadt, um sich zu vernetzen. "Hier leben so viele kreative Künstler und Songwriter", sagt sie, "ich bin ein riesengroßer Milky-Chance-Fan. Jetzt konnte ich mit dem Produzenten zusammenarbeiten. Das ist echt cool!" Auch wenn sie da ziemlich nervös war, wie sie zugibt.

Es gebe aber auch Dinge, die sie an ihrer Heimatstadt Dundee durchaus vermisse. "Vor allem das Essen. Nicht, dass wir krasse Delikatessen bei uns hätten. Aber ich vermisse das Comfort Food. Ich hab hier zum Beispiel ewig lange nach den richtigen Baked Beans gesucht!" In Glasgow und Dundee wusste sie halt, wo alles war, und hier ist alles neu.

Im Moment pendele sie ziemlich viel hin und her, zwischen Berlin und Edinburgh, dann mal nach London. "Das ist schon cool, aber auch anstrengend", sagt sie. Dennoch fühle sie sich in Berlin zu Hause. Charlotte gehört zu einer Generation europäischer Jugend, die es eben nicht anders kennt, als ohne große Probleme zwischen Deutschland, England, Frankreich oder Spanien hin und her zu reisen, zu leben und zu arbeiten.

Das könnte sich jedoch bald ändern.

In ihren Songs gibt sich Charlotte zwar nicht explizit politisch, aber: "Irgendwie ist doch alles, was du sagst, auch politisch." Über Feminismus zu singen, sei genauso politisch, genauso, wie über den Klimawandel zu reden. "Es ist gut, zu inspirieren und dann etwas zu tun."

Ihre Musik sind kleine verspielte Pop-Schnipsel, denen man ihre großen Vorbilder anhört. Sie kommen aus Rap, Soul, aber auch dem Brit-Pop und Folk. "Ich liebe Kendrick Lamar, Taylor Swift und Paolo Nutini und Tracey Chapman. Aber auch ganz Klassisches wie Bob Dylan."

Früher habe sie viel Folk-Musik im Singer-Songwriter-Style gemacht, ehe sie sich getraut hat, ihre eigene Popmusik zu machen. "Mit Synths und allem. Dann habe ich angefangen, meine Inspiration auch aus YouTube-Videos zu suchen."

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Oft singt sie über Unsicherheiten, Selbstzweifel und wie schwierig es manchmal sein kann, sich richtig zu verhalten. Die Melodien zu den schweren Themen sind aber federleicht und sagen: 'Ey, Kopf hoch. Du schaffst das schon!' So singt sie in ihrer Single "Do Not Disturb" etwa:

"I figured it out that you didn't run away cos you hate ne. You hate what I said and I couldn’t take it back but don’t blame me."

Vor gut zwei Jahren veröffentlichte sie ihre Debüt-Single "Machines that Breathe", ein Ohrwurm mit ernsten Hintergrund. Es geht darum, dass wir manchmal einfach nur funktionieren und alles wie automatisiert einfach an uns vorüberzieht – dabei wäre es manchmal einfach besser, alles einfach langsamer anzugehen.

So jung und doch so ernst, wie passt das bitte zusammen?

Im Falle von "Do Not Disturb" wollte sei einfach ein Gefühl einfangen, dass wohl jeder kennt: "Ich glaube, dass jeder ab und zu Raum braucht, um mit Sachen klarzukommen, wir aber in einer Welt leben, in der alles immer unmittelbar und sofort passieren soll." Sie hätte einfach nie nur übers Partymachen oder Jungs schreiben können, "das war einfach nicht mein Leben als Teenager. Ich fühlte mich schon immer etwas ruhiger".

Allerdings, greife sie nicht gleich zum Bleistift, wenn sie wütend ist und schreibt Protestlieder. "Ich könnte eigentlich überall Songs schreiben, egal wo ich bin." Meistens kommt die Inspiration für sie aus ganz alltäglichen Dingen, die sie umgeben und bedrücken. „Manchmal spiele ich aber auch einfach nur ein bisschen vor mich hin und denke dann – uh, das klingt toll.“

Auch wenn Charlotte auf der Bühne sehr selbstsicher wirkt, fühlt sie sich eigentlich sehr unsicher, was sie in ihren Songs auch thematisiert: „Ich habe zum Beispiel riesiges Lampenfieber und Bühnenangst. Es fällt mir schwer, einfach loszulassen.“ Am Anfang sei sie so nervös gewesen, dass sie nur dagestanden habe. Sie konnte nicht reden und habe einfach nur gespielt. "Erst nach und nach habe ich gelernt zu performen und das Gefühl zu genießen." Für sie ist das Musikmachen, aber auch ein Mittel, um sich selbst zu finden.

"Als ich in Dundee anfing, Folkmusik zu machen, habe ich wie die anderen gesungen." Weil sie es einfach wusste, dass das anderen schon gefällt. Es habe eine Weile gedauert, bis sie selbstbewusst genug war, ihrer eigenen Stimme zu vertrauen: "Ich finde es in Ordnung, dass die Menschen wissen, dass ich mir das hier hart erarbeitet habe, und möchte meine Geschichte nicht als eine Art Märchen darstellen. Ich weiß jetzt, wer ich sein will und wie meine Musik klingen soll."

Dieses Gefühl versucht sie auch, mit ihrem Künstlernamen ein bisschen zu transportieren.

Denn darüber habe sie sich wirklich lange den Kopf zerbrochen: "Ich wollte einen Namen haben, der eine Botschaft hat, allgemeingültig ist. Ich wollte mich nicht auf ein Genre festlegen." Sie möchte nicht einfach belanglose Popnummern machen, die auf Spotify ziehen und dann automatisch ein Hit werden. "Ich hoffe, dass meine Texte die Zuhörer ermutigen, ihre innere Stärke zu finden und ihren Wert nicht so sehr in der Bestätigung von anderen zu suchen" – Stichwort Generation Instagram. 

Alle sollen einfach so sein, wie sie sein wollen. Manchmal habe sie nämlich das Gefühl, dass junge Leute heutzutage viel unsicherer seien, als sie sich nach außen hin präsentieren. "Aber ich mag es, dass wir viel offener als früher sagen, was uns gefällt und was nicht. Wir geben unserer Generation eine Stimme", sagt sie.

Dabei spiele es für sie keine Rolle, ob man in einer Partei sei oder irgendeiner NGO. "Wir sind viel politischer engagiert als die Generation vor uns, ohne politisch zu handeln." Das gefalle ihr eben auch so gut an Berlin: "Hier habe ich das Gefühl, jeder kann sich so geben, wie er gerade will. Das fühlt sich gut an."

Als sie 17 war und begann, sich zu kleiden, wie sie wollte, dachte sie, London sei der Sehnsuchtsort, an dem sie das alles verwirklichen könnte. Aber eigentlich, so weiß sie jetzt: "Ist das hier nochmal ein ganz anderes Level von Selbstverwirklichung."

Am nächsten Tag wird Charlotte nach Edinburgh reisen, um bei einem Festival in Perth aufzutreten. Dann geht es weiter nach Hamburg zu einem Interview-Marathon und dann wieder nach Schottland. Was macht sie nur, wenn das bald mit dem Brexit nicht mehr so einfach ist? "Haha, wir Schotten kommen dann alleine wieder zurück. Das ist nur eine Frage der Zeit." So sieht also europäische Zuversicht aus.

Übrigens hat uns Be Charlotte auch eine exklusive Akustik-Single eingespielt. Ein Album steht zwar auf ihrer Bucket-List, aber erstmal kommen ein paar EPs und Songs.

Hört hier "Do Not Disturb" in der NOIZZ-Akustik-Version

Quelle: Noizz.de