„In Songs erzähle ich auch nur das, was für mich Wahrheit bedeutet und ich liebe einfach das, was ich mache.“

Wenn es einen Song gibt, dem man 2017 nicht entkommen konnte, dann war es wohl „No Roots“ von Alice Merton. Der Song ging richtig steil: Nummer eins in mehreren Ländern weltweit, sogar in den USA war der Song ein Hit. Alice spielte in der Latenight-Show von James Corden und plötzlich wusste jeder, dass sie im Laufe ihres jungen Lebens sehr oft umgezogen war und sich deswegen eigentlich nirgendwo so richtig daheim fühlte.

Umso schwieriger also, bei dem ganzen Trubel Zeit für ein richtiges Album zu finden – indem nicht ein Stück dem anderen gleicht. Um das verwirklichen zu können, musste Alice nicht nur mit ihrem besten Freund ein eigenes Plattenlabel gründen, sondern auch viele Umwege gehen.

Gut zwei Jahre lang hat sie an den Songs für ihr Debüt „MINT“ gewerkelt, so lange bis alles gepasst hat. Elf Songs, die ein bisschen erklären sollen, was in den vergangenen drei Jahren in Alice Leben so passiert ist. Und das ist ganz schön viel!

Wir haben die sympathische Sängerin zum Interview in ihrem Berliner Label Paper Plane Records getroffen und mit ihr über das „Business“, Minze und auch über Kollegah und Farid Bang gesprochen.

Alice Merton im Interview: „Meistens gebe ich dann eine komische Antwort"

NOIZZ.de: Okay bringen wir das gleich hinter uns: Wenn ich mit „No Roots“ anfange, was denkst du dann?

Alice: Ich hasse es! Nein, aber mal ehrlich: Wenn mich in einem Interview jemand fragt, wofür „No Roots“ eigentlich steht, ärgere ich mich schon ein bisschen. Dann denke ich mir, oh Mann, hat diese Person keine Recherche gemacht? Das habe ich sehr, sehr oft erzählt – wieso ich keine Wurzeln habe. Meistens gebe ich dann irgendeine komische Antwort.

Nervt es dich, dass viele dich auf diesen einen Hit reduzieren?

Alice: Ich werde immer die Art Musik machen, die mir gefällt und nicht, um erfolgreich zu werden. Das kann man machen, wenn man will. Das ist auch nicht so mega-mega schwer.

Wie meinst du das?

Alice: Du kannst einen Hit nie voraussagen, aber du kannst deine Musik darauf ausrichten, was gerade in den Charts gut läuft, holst dir ein Feature mit rein, dass gerade gut in den Charts läuft.

Aber du hast auch schon mit anderen Künstlern zusammengearbeitet.

Alice: Für mich sind das Ausnahmen. Wenn ich ein Feature mache, muss es wirklich hundert Prozent passen. So wie bei Tom Odell. Ich bin seit Jahren Mega-Fan von ihm. Er war einer der ersten Künstler, die mich zum Songwriting inspiriert haben. Da habe ich dann natürlich sofort zugesagt. Wie er Klavier spielt! Das war ein wahnsinniger Traum mit ihm so etwas zu machen. Ich kann das noch immer nicht fassen, dass ich ihn jetzt so ganz normal kennen gelernt habe und mit ihm einen Song teile.

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Ist das auch der Grund, wieso du dein eigenes Label betreibst?

Alice: Zum Teil. Ich sag nicht, dass Major-Labels etwas Schlechtes sind. Die machen ja ihren Job gut. Aber für mich als Künstlerin merke ich einfach, dass ich nicht in dieses Konzept reinpasse.

Inwiefern?

Alice: Wenn ich ein Foto-Shooting mache und die sagen: ‚Hey, das Cover ist geil und du solltest so und so aussehen …‘ und ich sag dann dazu nein, dann bleibt es dabei auch. Wenn es mir gefällt, super, dann bin ich offen für Vorschläge. Du solltest ja auch Ratschläge annehmen, ausprobieren schadet nie. Aber ich möchte mich nie gezwungen fühlen.

Merkst du denn manchmal einen Unterschied, wie du als Frau behandelt wirst? Du kennst ja beide Seiten: das Musikbusiness als Künstlerin und Geschäftsfrau.

Alice: Ich bin sehr viel unterwegs, deswegen bin ich eher im Hintergrund, wenn es um Deals geht. Meistens geht da mein Manager Paul mit dem Team hin und ich bespreche vorher mit ihm, was wir wollen. In Amerika vertreiben wir unsere Musik nicht selber, weil wir den Markt da überhaupt nicht kannten. Deswegen haben wir da ein Partnerlabel, dort merke ich aber keinen Unterschied. Wenn ich mit denen spreche, sprechen wir alle auf Augenhöhe. Anders ist es, wenn es ums Musikalische geht.

Hast du da schlechte Erfahrungen gemacht?

Alice: Am Anfang wurde ich sehr oft nicht ernst genommen als Künstlerin. Die Mehrheit der Produzenten sind männlich. Das ist dann einfach krass. Da wurde man dann eher belächelt. ‚Kleine, wir machen das jetzt so, wie ich das mache.‘ Das ist jetzt zum Glück anders.

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Dein Label hast du zusammen mit deinem besten Freund und Manager, Paul Grauwinkel, gegründet. Ist das nicht superschwierig mit seinen Freunden zusammenzuarbeiten?

Alice: Wenn man einen Streit hat, ist man doppelt traurig. Weil man sich mit der Arbeit streitet, aber auch mit dem besten Freund. Und das tut nochmal mehr weh. Aber ich bin froh, dass ich mit Freunden zusammenarbeite, weil sie das, was ich umsetzen will, genau verstehen.

Sie verstehen die Vision und werden immer ehrlich sein. Das finde ich extrem wichtig. Man muss immer mit Menschen zusammenarbeiten, denen man auch vertrauen kann.

Kann es sein, dass du manchmal etwas stur bist?

Alice: Naja, ich bin einfach ehrlich. In Songs erzähle ich auch nur das, was für mich Wahrheit bedeutet und ich liebe einfach das, was ich mache. Aber ich muss mich nicht immer durchsetzen. So zu denken ist gefährlich, denn irgendwann will dann niemand mit dir zusammenarbeiten. Du musst auch lernen nachzugeben in bestimmten Fällen. Wenn etwas funktionieren soll, ist Teamarbeit wichtig.

Lass uns über dein neues Album sprechen. Das heiß „MINT“. Das musst du uns erklären …

Alice: Um ehrlich zu sein, bin ich einfach aufgewacht, und wusste, dass es „MINT“ heißen soll. Ich habe mir die ganze Zeit überlegt, welches Wort umfasst am besten all das zusammenfasst, was ich in den vergangenen drei Jahren erlebt habe. Ich habe mir die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen. Und dann kam es eben über Nacht.

Hat das denn eine tiefere Bedeutung?

Alice: Es hat für mich zuerst überhaupt keinen Sinn ergeben, es war einfach da – und dann irgendwie doch. Ich habe mir dann überlegt, was die Pflanze Minze für mich eigentlich bedeutet: Sie ist etwas Frisches und eine Pflanze, die immer in meinem Leben war. Sie passt ganz gut zu mir.

Apropos, was in den letzten drei Jahren passiert ist: Du hast den letzten Echo in der Kategorie „Künstlerin Pop national“ gewonnen! Wie war der Abend für dich?

Alice: Ich war sehr verwirrt an diesem Tag.

Okay …

Alice: Ich kannte die zwei Typen, Kollegah und Farid Bang nicht. Ich wusste nicht, dass es diesen Song gibt. Ich war davor in Amerika, davor auf Europatour, ich habe nichts mitbekommen davon. Wirklich nichts.

Dann stand ich damit Campino auf der Bühne und musste seinen Preis halten, während er seine Rede da gehalten hat und ich war so superverwirrt. Ich dachte mir, klar alles was er sagt ist superrichtig. Aber auf was bezieht sich das?!

Wurdest du aufgeklärt?

Alice: Ich habe meinen Manager gefragt, was das war. Und das war irgendwie krass, weil ich das alles erst danach erfahren habe. Zu Hause habe ich mir den Song dann angehört und dachte: ‚Krass, ah deswegen gingen die alle so ab.‘ Das hat sich sehr komisch angefühlt.

Wieso?

Alice: Na, da sind so viele Rapper da draußen, die über so einen Scheiß rappen und da regt sich keiner auf. Oder erst seitdem die beiden da den Echo gewonnen haben.

Hat von dir eigentlich irgendwer gefordert, dass du deinen Preis zurückgeben sollst

Alice: Ich habe danach E-Mails von Leuten bekommen, die meinten, ich solle meinen Echo zurückgeben. Und ich dachte mir, wieso, nein?! Ich wollte eigentlich nur einen Song über mein Leben schreiben, hatte das Glück, das der sich oft verkauft hat, habe jetzt einen Preis dafür bekommen und soll den jetzt wegen zwei Volldeppen zurückgeben? Fand ich total übertrieben.

Hier kannst du „MINT“ in voller Länge im Stream hören:

Quelle: Noizz.de