Der britischen Pop-Star im Vier-Augen-Gespräch zu seiner neuen Platte „You Know I Know“.

Olly Murs, Kundenberater, 25, aus Witham, Essex – so begann vor neun Jahren in der britischen Castingshow „X-Factor“ eine internationale Karriere. Den Song den er damals in der Audition sang: „Superstition“ von Stevie Wonder.

2018, im Hier und Jetzt, hat Olly Murs sechs Alben veröffentlicht, vier seiner Titel landeten in den britischen Charts auf Nummer Eins (darunter auch der Hitsong „Troublemaker“ mit Flo Rida). Er ist zweiter bei eben jenem „X Factor" geworden, hat die Sendung einige Jahre später mit moderiert, war dort Gast und ist aktuell Coach beim britischen „The Voice”. So ganz kann er sein Casting-Ich nicht abschütteln.

>>Mehr zu Castingshows: Ist das deutsche „X Factor“ besser als „The Voice“ oder „DSDS“?

Aber wieso auch? Schließlich hätte er ohne „X Factor“ niemals seinen aktuellen Bekanntheitsgrad erreicht. Und ein Feature mit Snoop Dogg für den neuen „Johnny English“-Film wäre für den 34-Jährigen wohl auch eine Utopie. Im Interview geht er zumindest sehr reflektiert mit dem Business um – und da wird aus dem witzigen Typen auf einmal ein etwas ernsterer Olly.

NOIZZ.de: Welche Rolle spielen Castingshows eigentlich heute noch in deinem Leben?

Olly Murs: Sie sind ein Teil von mir und ich finde sie auch wichtig für die Popwelt. Jeder, der irgendwas Schlechtes über sie sagt, macht mich wütend. Es irritiert mich. Ich glaube wirklich, diese Shows sind eine Form der Unterhaltung – und sie haben mir die großartige Möglichkeit gegeben, dieses Leben zu führen.

Glaubst du, ohne „X Factor“ hättest du deinen Durchbruch nicht geschafft?

Das kann man so nicht sagen. Aber zumindest beim britischen „X Factor“ habe ich einfach ein sehr professionelles Umfeld erfahren, das uns als Künstler vor und nach den Shows wirklich geholfen hat. Ich hatte das erste Mal die Chance, Dinge zu sehen, rumzukommen und vor einem großen Publikum aufzutreten. Das ist nicht selbstverständlich. Das bedeutet natürlich nicht, dass dir alles einfach so zufliegt. Ich musste da viel Herzblut reinstecken. Ich musste alles geben, Woche für Woche bei jedem Song, Fans mobilisieren, dass sie für mich voten.

Was ist dann für dich das Besondere an Castingshows?

Naja, diese Talentshows helfen Menschen, die vielleicht sonst nicht die Möglichkeit dazu haben, ihre Träume zu erfüllen.  

Du bist aktuell auch Coach bei „The Voice“ in Großbritannien – ist das als „X Factor“-Veteran nicht etwas komisch?

Haha, nein. „X Factor“ geht weiter und ich bin nicht aus der Welt. Ich werde immer mit der Sendung verbunden bleiben. Aber ich mag „The Voice“ für genau das, was ich gerade eben erklärt habe. Das ist nicht anders als bei „X Factor“. Ich hatte eine fantastische Zeit bei allem was ich da jemals gemacht habe, egal ob als Kandidat, Gast oder Moderator – das Einzige was ich noch nicht bei „X Factor“ gemacht habe, war selbst Juror zu sein. Wer weiß, das kommt bestimmt noch! 

>>Lest hier unsere Kritik zur aktuellen Staffel von „The Voice of Germany“

Olly weiß, dass er Charme hat, wie er auf sein Gegenüber wirkt und dass er mit einer gehörigen Portion Witz gesegnet ist. Mit diesem Image spielt er in seinen Shows und Musikvideos. Wahrscheinlich gehört er in seiner britischen Heimat zu den sympathischsten TV-Gesichtern, die das Land zu bieten hat. Aber nicht nur das: Der Sohn lettischer Einwanderer kann auch noch verdammt gut singen. Bei seiner X-Factor-Teilnahme 2009 lag ihm das ganze TV-UK zu Füßen, als er mit einem ähnlich charmanten Pendant, nämlich Robbie Williams, „Angels“ im Duett sang.  

Manchmal muss sich Olly aber auch mit Kritik rumplagen. Zu oberflächlich, immer nur Pop-Musik. Für Murs schließt sich gute Musik und Massenkompatibilität nicht aus – ganz im Gegenteil.

NOIZZ.de: Du bist bekannt für deine Hits – viele kritisieren die Popmusik genau dafür, dass sie nur noch versucht jedem zu gefallen. Wie siehst du das?

Olly Murs: Das muss man im Ganzen sehen. Klar, ich mache Popmusik, das wird sich auch nie ändern. Ich mag es einfach, zu wissen, dass die Leute sich gut fühlen, wenn sie meine Songs hören. Ich selber liebe es zum Beispiel auch, einfach Songs zu hören, bei denen ich nicht genau weiß, um was es geht und was deren Botschaft ist. Ich möchte nur den Song hören und genießen. Manchmal muss Musik auch einfach Spaß machen. Genau das will ich erreichen.

Glaubst du Hip-Hop könnte Pop als Massengenre bald ablösen?

Alles wiederholt sich. Als ich jünger war, so in den 90ern, war Hip-Hop auch ein großes Ding und ist in den Charts gelandet. Tupac, Notorious B.I.G. und so weiter. Und jetzt gibt es eben Drake. Heutzutage ist die Welt offener für alles – mit Spotify kannst du dir alles anhören, was du willst. Manchmal wache ich auf und will Hip-Hop hören, an anderen Tagen eher Pop oder plötzlich Country. Ich glaube Menschen sind heutzutage nicht mehr festgefahren auf eine Sache, die sie mögen. Musik hilft, deinen Emotionen Ausdruck zu geben. Eigentlich ist es doch egal, was man hört. Solange es einem gefällt.  

Zehn Jahre im Pop-Business. Wie man das aushält? Wahrscheinlich mit viel Humor. Jeder Tag von Murrs scheint super durchgetaktet. Bevor es zum Interview geht, hört man Gesprächsfetzen, wie „Wir müssen zum Tee im Buckingham Palace sein, danach geht es weiter...“ - fühlt sich ziemlich surreal an für einen ehemaligen Kundenberater aus Wtham. Sein neues Doppelalbum „You Know I Know” ist für ihn ein bisschen sowas wie ein Resümee seiner Reise durch die schillernde Popwelt. Den Hits und seinen neuen Songs wollte er dieses Mal eine noch persönlichere Note geben.

NOIZZ.de: Wie kamst du auf den Album-Titel?

Olly Murs: Naja, ich wollte ein Hit-Album machen, ohne es gleich „The Hits“ nennen zu müssen – das machen alle und ist abgedroschen. Ich wollte etwas Anderes machen. „You Know I Know“ ist wie eine Sammlung von all dem was ich bisher gemacht habe und noch machen will. „Ollys Greatest Hits“ – das wäre doch albern gewesen. So ist es eine gute Art, mit fast einem Jahrzehnt Musikerdasein umzugehen, und noch immer Lust auf Neues zu haben.

Und was ist dann dabei die „You Know“-Seite, also die, die wir kennen?

Natürlich die Singles und Songs, die ich vorher schon performt habe. So kennen mich die Leute eben.

Und „I Know“ ist dementsprechend brandneu?

Genau. Das gibt den Fans die Chance, gleich zwei Seiten von mir zu erleben. Als ich angefangen habe Musik zu machen, habe ich niemals gedacht, dass ich jemals die Chance haben werde, durch die Welt zu touren, für Interviewtage nach Deutschland zu kommen. Aber ich habe es geschafft und ich liebe es noch immer! Das ist das Beste daran!

Auf den ersten Blick sind die neuen Songs gewohnter Radiopop, massenkompatibel, die bekannten Hits sind auch dabei, ein bisschen Swing. Features mit dem eingangs erwähnten Snoop Dogg und Shaggy auf dem titelgebenden Track „You Know I Know” dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Für den Geschmack mancher haben die Produzenten des Albums ein bisschen zu viel rumgespielt bei den Soundeffects und Backing-Chords, aber man muss Murs eben auch zu hören. Seine Songs habe er schon immer selbst geschrieben – und so entstehen dann Stücke wie „Talking To Myself”: Ein bisschen kitschig, wie eine Romcom an Weihnachten, aber ehrlich und direkt. Es hätte auch ein Song von Ed Sheeran sein können.  

Snoop Dogg hat Olly Murs übrigens noch nie in echt getroffen. „Oh Gott, das wäre so cool, ehrlich. Ich wollte ein Foto uns so machen. Ich liebe ihn als Künstler”, sagt er völlig aus dem Häuschen. Aber so ist das eben im professionellen Business: Dinge werden arrangiert und dann funktioniert es eben. Aber Olly ist sich sicher: „Irgendwann krieg ich meine Chance seine shizzle dizzle Vibes in echt zu spüren. Oder glaubst du nicht?”

„You Know I Know” von Olly Murs könnt ihr hier im Stream hören:

Quelle: Noizz.de