Wenn deine Interview-Zeit plötzlich halbiert wird (WTF?!).

Sind wir mal ganz ehrlich: Was schafft man in sieben Minuten? Ein Frühstücksei kochen, der besten Freundin über Sprachnachricht eine Zusammenfassung der letzten Nacht liefern, einmal von meiner Wohnung zum Ostkreuz fahren. Laut Parship müssten das sogar anderthalb Menschen sein, die sich in dieser Zeit verlieben, yeah right.

Es gibt aber auch Dinge, von denen man schon vorher weiß, dass sie eher nicht in sieben Minuten passieren können: ein Interview zum Beispiel.

Nichtsdestotrotz, in genau dieser Situation befinde ich mich gerade mit der britischen Pop-Band Bastille, die im Rahmen der Telekom Street Gigs nach Berlin gekommen ist. Am 14. Juni erscheint ihr neues Album "Doom Days".

Die Pressefrau schaut genervt auf die Leopardenuhr an ihrem Handgelenk und schlürft unruhig Milchkaffee. Aus Zeitgründen wurde nicht nur die Interviewzeit verkürzt, sondern auch die Band gesplittet: Kyle und Dan sind zum Video-Interview abkommandiert worden (der wichtigere Part der Band fällt also schon mal weg). Und während ich nun panisch versuche, die Hälfte meiner Fragen zu streichen, hat Will, der Bassist der Band, den Ernst der Lage erkannt: Er antwortet mir während unseres Gesprächs schnellstmöglich und ein bisschen gehetzt. Der inoffizielle Fokus unseres Gesprächs: die Apokalypse.

Bastille, das sind die überglücklichen Sunnyboys aus London, wie sonst kann mir einer die übermäßig-euphorischen Songtitel wie "Joy", "Overjoyed" und "Happier" erklären, die sie immer so glattgebügelt raushauen?

Auch dieses Mal schmeißen die Jungs auf ihrem Album 'ne richtig fette Party. Das hat aber andere Gründe, als man zunächst denken könnte – und damit sind wir schon mitten im Interview. Und Will antwortet auch sogleich:

Will: "Doom Days" ist quasi ein Konzeptalbum. Es geht um diese eine fiktive Party. Der erste Song erzählt vom Beginn um Mitternacht und der letzte ist "Joy", wo man gerade auf dem Küchenboden aufwacht und sich die zermarternden Gedanken wieder zurück in deine Gedanken fressen."

NOIZZ: Feiern, um zu vergessen? Auch immer eine gute Möglichkeit, Eskapismus zu betreiben.

Chris: Nachdem das letzte Album auch von den Texten her etwas dunkler war, wollten wir dieses Mal etwas machen, was komplett Spaß macht und eine Ablenkung vom Alltag ist. Der Sound ist insgesamt elektronischer und partytauglicher. Wir vergessen für eine Nacht all den Mist, der so passiert, mit dem man konfrontiert wird, und feiern einfach so wild und solange wir können.

Ist das das vorherrschende Gefühl bei Künstlern momentan? Reicht die Realität nicht aus, um gelebt zu werden?

Will: "Na ja, man wird momentan schon mit ziemlich viel Scheiß konfrontiert, und ja, zwischenzeitlich fühlt es sich auch so an, als wäre jede Party die letzte vor der Apokalypse. Aber eine Apokalypse kann ja auch für einen persönlich passieren. Das Ende einer Beziehung oder einen Plan, den man schlussendlich doch aufgeben muss.

Und was kommt nach dem Ende der Party und dem Aufwachen?

Will: Ganz ehrlich: Da kann man sich dann nur auf das berufen, was wirklich wichtig ist. Zwischenmenschliche Beziehungen. Freunde und Familie, die einen aus den negativen Gedanken reißen können. "You're a sweet relief, you saved me from my brain" ist eine Zeile auf "Joy" und beschreibt ganz gut, was wir damit meinen. 

Wenn man also als Band das Gefühl hat, auf die momentane Stimmung der Gesellschaft zu reagieren, versucht ihr manchmal auch nach dem Zeitgeist zu gehen um Musik zu schreiben?

Chris: Nein, das war noch nie unser Ding, und das könnten wir auch gar nicht. Wir gehen ins Studio, probieren viel rum und machen einfach, worauf wir Bock haben, ob es dem Zeitgeist entspricht oder nicht. Und in unserem Tourbus ist immer noch Dr. Dre das Einzige, worauf wir uns einigen können.  

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Mit dieser, ähm, Dr.-Dre- Offenbarung fühle ich einfach, dass wir alles in diesem Gespräch erreicht haben, was da so zu erreichen wäre. Bevor ich gehe, bedanke ich mich noch einmal dafür, dass sie das Interview mit mir durchgezogen haben, bevor sie gleich für zwei Stunden auf die Bühne müssen. Stressiger Job. 

Chris wirft mir ein lachendes Kopfschütteln zu. "Honey, ich habe zwei Jahre lang in einem KFC gearbeitet. Glaub mir: Das hier ist kein stressiger Job ..."

Quelle: Noizz.de