Ein Interview mit den Machern – über Manuellsen im Café und die politische Zukunft Deutschlands.

Vassili Golod und Jan Kawelke sind Volontäre des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und die neuen heißen Eisen im deutschen Podcast-Feuer. Seit August 2018 verbinden die beiden jeden zweiten Mittwoch Aktuelles aus Politik und Rap – Vassili mit Anzug und weißem Hemd, Jan in Hoodie von Champions und Ankle-Hosen.

In ihrem Podcast Cosmo Machiavelli spannen die beiden einen Bogen von Interviews mit Manuellsen und Martin Schulz, über Verschwörungstheorien im Rap bis hin zum Brexit oder Donald Trump. NOIZZ hat die beiden sympathischen Nachwuchs-Journalisten getroffen und sich erklären lassen, wieso Rapper bei Politik in eine Anti-Haltung verfallen, was an Merkels Sprache falsch ist und wie Deutschrap und die Politik gerettet werden können.

NOIZZ: In eurem Podcast verbindet ihr zwei Welten, die im deutschsprachigen Raum selten so intensiv ins Gespräch gekommen sind. Wie genau würdet ihr denn euer Konzept hinter Cosmo Machiavelli beschreiben?

Jan Kawelke: Zwei Freunde, ein Rap-Nerd und ein Politik-Head, treffen sich alle zwei Wochen und erklären sich gegenseitig ihr Herzensthema ...

Vassili Golod: ... und entdecken dabei ganz viele Überschneidungen und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Bereichen. Politik und Rap sind eh im Austausch. Wir bilden dafür nur eine Plattform, schaffen Diskurs und ordnen ein.

Dafür, dass es euch erst seit August 2018 gibt, habt ihr schon ganz schön was gerissen. Eure Gäste zählen zu den deutschlandweiten Hochkarätern in Rap und Politik und ihr wart im Januar 2019 sogar für den Goldenen Blogger nominiert, auch wenn es im Endeffekt „nur“ für den zweiten Platz gereicht hat. Wie viel Zeit muss man in einen Podcast stecken, der so schnell so erfolgreich ist?

Jan: Wir sind noch bis Ende März 2019 Volontäre beim WDR. Das heißt, Machiavelli läuft „nebenbei“. Wir stecken fast unsere gesamte Freizeit in den Podcast – jeden Tag, jedes Wochenende. Bei so emotionalen und wichtigen Themen ist es uns wichtig, dass wir keinen Schrott erzählen. Wir bereiten uns auf jede Episode intensiv vor.

Vassili: Dementsprechend aufwändig recherchieren wir die Themen, fragen Expertinnen und Gäste an.

Wie stehen deutsche Rapper denn zu Politik?

Vassili: Ganz viele Rapper sagen, dass sie unpolitisch sind, obwohl sie starke politische Haltungen haben. Manuellsen zum Beispiel hat uns direkt am Anfang gesagt: „Geh mir weg mit Politik.” Und dann haben wir zwei Stunden in Mülheim in einem Café zusammengesessen und über Demokratie, Polizeigewalt und Rassismus gesprochen. Und immer wieder haben sich Leute dazu gesetzt und mitdiskutiert.

Und genau das wollen wir: diskutieren. Die Leute, die da zu uns an den Tisch kamen, haben alle politische Meinungen. Nur, niemand fragt sie danach – wann redet auch schon mal jemand mit den Jungs von der Straße? Die sind nicht unpolitisch, die sind nur unter sich.

Jan: Die stört einfach der Politik-Begriff. Natürlich sind es politische Menschen, aber sie sind verdrossen von den Politikern und deren Vorstellung von ihnen.

Vassili: Für viele Straßenrapper ist Politik super abstrakt: „Die ganzen Anzugträger aus der Politik.“ Da sind Politiker Menschen, die kompliziert sprechen und nichts besser machen. Aber man merkt es leider auch am Beispiel von Angela Merkel: eine kluge Frau und Kanzlerin, die leider einfach keine Sprache spricht, mit der sie die Menschen erreicht. Selbst wenn sie politisch richtige Entscheidungen trifft, kommuniziert sie die so kompliziert und unzugänglich, dass man nicht wirklich checkt, was dahinter steckt.

Ist das ein Problem der Politik? Was müsste eurer Meinung nach geschehen, damit Rap und Politik besser miteinander reden?

Vassili: Es gibt eben diese beiden Parallelwelten. Da gibt es Leute wie Manuellsen, die verdrossen sind von der Politik und sich deswegen aus dem gesellschaftlichen Leben „rausziehen“. Er sagt: „Wir haben kein Problem, wir leben gut hier. Aber Politiker? Das sind noch größere Gangster als meine Jungs von der Straße.“ Damit macht auch er es sich ein bisschen einfach: Jeder hat die Pflicht sich zu informieren und nicht einfach pauschal zu kritisieren.

Jan: Die andere Welt sind natürlich die Politiker. Vassili und ich hätten uns ja ohne den Podcast wahrscheinlich auch nicht in dieses Café in Mülheim gesetzt. Das war aber total wichtig, dass wir das gemacht haben. Eine Annäherung kann nur über einen Dialog entstehen. „Hingehen und reden“ – das ist meiner Meinung nach genau der richtige Ansatz und auch genau das, was wir mit unserem Podcast tun.

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Welche Möglichkeiten hat da die Politik, einen positiven Einfluss auszuüben?

Vassili: Was die Politik generell tun kann und muss, ist, bei der Sprache anzusetzen. Die muss besser – heißt: leichter – zu verstehen sein. Dafür darf man natürlich keine Inhalte wegbrechen. Man braucht schlicht und ergreifend Menschen, die gut erklären können. Mit einer klareren Sprache werden Parteien es auch wieder schaffen, sich besser voneinander abzugrenzen. In den letzten Jahren hatte man ja eher das Gefühl, alles sei in der Mitte zusammengeschmolzen.

Vassili Golod und Jan Kawelke Foto: Lukas Wenninger / Cosmo Machiavelli

Jan, was sind deiner Meinung nach aktuell die drei größten Herausforderungen, vor denen Deutschrap steht?

Jan: Verschwörungstheorien, Sexismus, Homophobie. Ich habe da aber zumindest beim Sexismus die Hoffnung, dass es sich in den nächsten Jahren bessern wird und vor allem Rapperinnen erscheinen, die groß werden und bei denen überhaupt keine Rolle spielt, welchem Geschlecht sie angehören – wie bei Cardi B.

Da sind wir doch auf einem ganz guten Weg, oder?

Jan: Ja, das hoffe ich. Es gibt auf jeden Fall immer mehr Rapperinnen, die sich durchsetzen: Haiyti, Juju, Nura. Und es gibt eine neue Generation von Journalistinnen, die mit einer starken Haltung auftreten: Miriam Davoudvandi beispielsweise oder Salwa Houmsi, die ja gerade auch eine sehr erfolgreiche Petition gegen R. Kelly gestartet hat.

Generell wünsche ich mir für Deutschrap 2019 noch mehr Diversität: sowohl inhaltlich, als auch, was den Sound angeht. Aber das ist ja das Gute an Rap in Deutschland: die unfassbar schnelle Entwicklung und Integration von Neuem.

Vassili, wie sieht es da deiner Einschätzung nach in der Politik aus?

Vassili: Ich glaube, es wird in sehr kleinen Schritten besser. Trotzdem: Was Frauen angeht, ist das immer noch viel zu wenig. Wir haben aktuell den männlichsten Bundestag seit 20 Jahren – das ist halt einfach nur traurig. Die Gesellschaft ist in Politik und Kunst immer noch nicht verhältnismäßig abgebildet.

Was wünscht du dir in Sachen Politik für die nächsten Jahre?

Vassili: Es stehen extrem wichtige und richtungsweisende Wahlen an: die Europawahl, drei Wahlen im Osten Deutschlands und 2020 dann schon die Präsidentschaftswahl in den USA.

Ich wünsche mir weltweit, dass demokratische Parteien, die mit dem Herzen und voller Leidenschaft für Demokratie einstehen, den richtigen Ton treffen und Menschen wieder überzeugen und erreichen. Es bringt nichts, lauter zu schreien als die Populisten. Am Ende macht es der richtige Ton.

Und was erwartet uns in Zukunft von euch?

Jan: Die Themenliste ist schon jetzt irre lang: Wir wollen eine Folge in London über den Brexit und Grime machen. Außerdem ist natürlich auch die Europawahl ein wichtiges Thema für uns. Nigeria ist gerade auf der Wunschliste, aber ein bisschen komplex von der Organisation her. Im Sommer möchten wir gerne auf Festivals auftreten. Gerade waren wir zum ersten Mal in Hamburg bei einem Podcast-Festival auf der Bühne – und das war mega!

Eure letzten Worte ...

Vassili: Jeder, der den Podcast hört, soll seine Lieblingsfolge einer Person zeigen, die sich eigentlich nur mit Rap beschäftigt und einer, deren Herz für die Politik brennt. Und wir freuen uns, wenn uns Leute schreiben! Wir diskutieren auch gerne über die Folgen hinaus weiter über Themen. Cosmo Machiavelli ist ein … ein Diskurs ... ein … Topf?

Jan: Ein Papierkorb? (lacht)

Vassili: Nein ... eine ... eine offene Halle, in die jeder rein kann! Jeder kann seine Gedanken äußern, aber sie gehen auch nicht verloren.

Jan: Lass es vielleicht einfach mit den Metaphern, ist schon okay (lacht). Wie rappt Yassin: „Was nützen die schönsten Metaphern, wenn's die dümmsten nicht raffen.” (lacht)

Vassili: Aber hier ist es umgekehrt! (lacht)

Jan: Ja: „Was nützen die klügsten Leute, wenn die Metaphern scheiße sind?!“ (lacht)

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Alle alten und neuen Folgen von Cosmo Machiavelli könnt ihr bei iTunes hören.

Quelle: Noizz.de