Mannheim tritt Berlin mit diesem Hip-Hopper kräftig in den Arsch.

Bisher hielt Brutos Brutaloz ungebrochen den Titel für schlechten Rap. Ihm fehlt es an Flow und Style, Taktgefühl und überhaupt allem Musikalischen. Er hat ein großes Ego und eine noch größere Klappe und das reicht halt, um mit schlechter Musik Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das ist auch schon anderen gelungen. Don't hate the player hate the game!

Doch jetzt kommt Julien Ferrat. 1991 und – Bäng! – weg der Titel für schlechten Rap. Von Lichterfelde in die Neckarstadt. Wie hat er das geschafft, den Doping-Baron vom Thron zu stoßen? Ach was, vom Thron zu bomben!

Er ist der harmlos aussehende Don vom Neckar. Mannheimer Stadtrat. Zuerst musste er die Linkspartei verlassen und ist nun Teil der Familien-Parteioder auch nicht, er firmiert quasi als Alleinregent der „Familien-Partei im Mannheimer Gemeinderat“. Julien Ferrat sorgte bereits mit anderen Rap-Videos für Aufsehen, bangt gerne „Bitches jede Nacht hart“, klagte gegen seine Ex und wurde sogar mal richtig mies geprankt, was eine der langweiligsten Geschichten des Internets ist. Julien Ferrat möchte gerne mit Gangster-Image die Seele des Hip-Hop verkörpern und soziale Missstände anprangern. Er möchte mit seiner Kunst, dem harten Rap ernst genommen werden. Mannheim ist das neue Detroit. Aber Stadtrat Ferrat kann noch mehr …

Während Brutos Anabolika vertickt, steht Julien nur vage dem Vorwurf gegenübergestellt, Unterschriften an der Uni gefälscht zu haben. Also wie ist es möglich, noch weniger vom „Flow und Style, Taktgefühl und überhaupt allem Musikalischen“ zu verstehen?

Ey, Julien, was ist mit dir los?

Ich gebe Dir den Gnadenstoß.

Hast Du denn keinen Boss in der Hos‘?

Mein Rap ist supergroß.

53 Sekunden hat es gedauert, um diese zwei Bars zu schreiben. 53 Sekunden feinster Rap. Ich mache darin klar, wen ich disse und wie ich ihn durch eine verbale, künstlerisch-überspitzte Form zur Strecke bringe, ihn über sein Männlichkeitsgefühl an der Ehre packe und mich und meine Skills gnadenlos erhöhe.

Dabei kann ich gar nicht rappen, und die soeben produzierten 24 Wörter haben nicht einmal den kleinsten künstlerischen Wert – wenn da nicht Julien Ferrat wäre. Im direkten Vergleich funktelt meine Rapkunst wie ein Diamant neben einem Schlammloch. Julien, meinst du das eigentlich ernst?

Alter, wie kannst du denn Zeilen rappen, die mit denselben Wörtern enden. Keinen Hauch von Anstrengung bei der Arbeit mit der Sprache. Hier die Auflistung Deiner Reime:

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (geht klar)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (auch okay)

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (Wiederholung)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (Wiederholung)

… dass dich jeder hasst. – … Willkommen im Knast. (gab's das nicht gerade?)

… Gesetze gebrochen. – … Menschen erstochen. (billo, aber geht)

… Mannheim-Neckarstadt. – … so geht das ab in meiner Stadt. (Dreck)

… Messerstecherei. – … Massenschlägerei. (ei, ei, ei)

… Straße gemordet. – … Strafe gefordert. (nicht ganz sauber, aber passt gut)

… kein Ponyhof. – … im Knasthof. (gleiche Wörter reimen sich immer, was soll das?)

… schnell einsam. – … kein Gemeinsam. (perfekt)

… noch Freunde hast. – … richtig Scheiße im Knast. (Has(s)t VS Knast, wie oft denn noch?)

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (WH)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (WH)

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (WH)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (WH)

… Drogen vertickt. – … Leben gefickt. (schon 1000 mal gehört! Siehe Straßenabitur oder Diese beiden oder Jeder Arsch hat seinen Preis usw.)

… und geklaut. – … Leben verbaut. (ordentlich.)

… weitaus schlimmer. – … und zwar für immer. (alright)

… eine teure Karre. – … er hatte eine Knarre. (gähn)

… Schutzgeld gezahlt. – … mit seinem Leben bezahlt. (wir lieben billig)

… ihn abgeknallt. – … seine Kohle gekrallt. (na okay)

… Blut vergossen. – … Tränen vergossen. (solide)

… brutal. – … normal. (basic)

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (WH)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (WH)

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (WH)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (WH)

… Selbstmord im Knast. – … wenn du nur Sorgen hast. (schon wieder??!)

… gewünscht. – … gelyncht. (auf monnemerisch funktioniert's immerhin)

… kalt – … alt. (buh)

… nicht schön im Bau. – … alle kommen aus dem Plattenbau. (BUH!)

… früher immer Schellen. – … abgeführt in Handschellen. (BUUUUUHHH!!!!!)

… umgeben von Gewalt. – … meist der nächste Halt. (boring, aber okay)

… sieht sich vor Gericht. – … mein Lieblingsgericht. (Gericht auf Gericht, Horst!)

… Freiheit – … frei sein. (brav)

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (WH)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (WH)

… Ehrenmann – … Ehre, Mann. (WH)

… Zelle, die du hasst. – … Lifestyle im Knast. (WH)

„Du denkst du bist ein Ehrenmann, doch im Knast hast du keine Ehre, Mann.“ … „Der Tatort: Mannheim-Neckarstadt. Ja, so geht das ab in meiner Stadt.“ Nichts.

Booooriiiing

Der benutzte Beat ist genauso eintönig wie die Stimmmodulation. Wo ist der Beat, wo der Rhythmus?Was ist das überhaupt für ein Refrain, der lahmste Teil des Songs? Kein Gefühl für das Gerappte, keine Authentizität. Aber davon mal abgesehen, schreit das Video in jedem Frame nach whack.

Es beginnt mit der Einblendung „Die Glorifizierung von Straftaten endet meist beim Haftantritt“ und endet mit der Schwarzblende über den noch laufenden Zoom und die darauffolgende Einblendung „Bundesweit sind rund 60.000 Menschen in Haft, rund 700 in Mannheim.“

Hier hat Julien dem Video einen ernsten Anstrich geben wollen. Oberlehrerhafter Fact-Porn, der die Kunst umrahmt. Leider Bullshit!

Hier umrahmt nichts die Kunst. Der künstliche Regen im ersten Bild, die 20-Zentimeter-Ramschfigur der Justitia, der Ton wie aus dem Becher (Dicker, musst du rangehen ans Mic! Poppfilter nicht vergessen! High-Pass-Filter anmachen! Echt, ist doch nicht so schwer!). Es wird umrahmt, aber von Kunst keine Spur.

Es hört nicht auf: die sich immer wiederholenden Zeilen, die sich immer wiederholenden Bilder.

Es ist so billig, es tut weh.

Der Rap wird auf platteste Weise bebildert. „In der Nacht werden Menschen erstochen“ und gezeigt wird ein Küchenmesser mit Blut, das nach Marmelade aussieht. Besser geht bei diesem Video immer. Hier ein kleiner Hinweis, falls der Don von Monnem im nächsten Video wieder Blut fließen lassen will.

Rückendeckung gibt es für Julien Ferrat vom Kumpel DooN, dem man wenigstens glaubt, was er sagt. Rauchige Stimme, Atzensprech, alles klar. Doch gleich beim nächsten Gimmick des Videos kommt der Unglaube zurück.

„Witaly fuhr eine teure Karre“, bebildert mit einem Typen mit riesigen Schlüsselbund, der wie ein Nappel auf sein Auto zugeht. Glück, dass gerade ein weißer Porsche in der Nachbarschaft herumstand, oder warum braucht man für einen 911 Carrara GTS einen monströsen Schlüsselbund, an dem man sich auch noch festklammert? Sieht so ein Porschebesitzer namens Witaly aus?

Weiter geht's: „Und ja, er hatte eine Knarre“. Hier sieht man eine blitzsaubere Baretta 92 FS, wahrscheinlich in der Softair-Version. Es folgt eine Szene mit Kopfschuss ohne Rückschlag und Blutpfütze, die nach Wasserfarbe auf dem Boden aussieht.

Entschuldigung, jede Szene ist Müll. Selbstmord im Bau – Bild: Typ von hinten, der seinen Kopf senkt und dabei eine Schlinge um den Hals trägt. Noch nie was von Physik gehört, seit wann sieht denn ein erhängter Körper so aus? Und auch der Knoten würde niemals halten.

Mancher wird im Knast auch gelyncht – Bild: große Hand, die einem Typen die Gurgel zusammenpresst und dann schon fast zärtlich so verharrt.

Fast alle kommen aus dem Plattenbau – Bild: Plattenbau im Gegenlicht, alles ersäuft im Schatten.

Als Kind gab es früher nur Schellen – Bild: Typ, der ewig mit ausgeholter Hand verharrt und dann – schön langsam – dem Kind damit am Gesicht vorbei fährt. Schnaaarch.

Am Ende kommt Julien noch mit „U-Haft, man sieht sisch vor Gerischt. Deine Henkersmahlzeit ist mein Lieblingsgerischt. Doch isch geniesse sie in Freiheit, denn isch liebe das Freisein“. Wer ist denn „sie“, muss sich das Pronomen nicht nach dem Genus des zu ersetzenden Nomens richten, welches immer das zuletzt genannte Nomen ist?

Egal, danke für die Moral.

Quelle: ZEITjUNG