LANY sind zurück: Noch dieses Jahr veröffentlichen sie ihr drittes Album. Im Zoom-Gespräch erklärt Sänger Paul Klein, warum er stolzer Amerikaner ist und was sein Songwriting mit Rasenmähen zu tun hat.

Paul Klein mag Kurt Cobains Strickjacke, "Die sah an ihm aus, als hätte er so richtig in ihr gelebt! Die hatte kleine Löcher von seinen Zigaretten und so." Generell mag er Klamotten, die nicht nur wie Deko an ihren Träger*innen aussehen. Wie beim jungen Johnny Depp etwa: "Der hatte immer Farbflecken auf seinen Shirts, weil er ständig gemalt hat," erzählt Klein begeistert. Er sitzt vor einer Wand, die beklebt ist mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Schnipseln – unter anderem sind darauf eben auch Cobain und Depp zu sehen.

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Eines der Bilder an Paul Kleins Wand: Johnny Depp mit Farbkleksen auf dem Shirt. Kate Moss ist auch dabei. Ihre Klamotten haben keine Flecken.

"Durch den Bildschirm siehst du das nicht, aber eigentlich ist die gesamte Wand voll. Ich habe Sachen gesammelt, die mich inspirieren, um unsere eigene visuelle Seite für die nächste Platte zu ergründen," erklärt er im Gespräch. Teilweise hat Klein seine Zeit in der Corona-Isolation mit diesen Schnipseln und Fundstücken verbracht: Sich inspirieren lassen, Bilder und Kunst gesucht, versucht herauszufinden, was ihm als passend vorkommt. Ihm ist die visuelle Seite ebenso wichtig wie die Musik.

LANY veröffentlichen dieses Jahr ihr neues Album

Als Corona losging, war die neue Platte schon zu großen Teilen fertiggestellt. Geschrieben wurde sie 2019, man nahm gemeinsam in Nashville auf. "Mama's Boy" wird sie heißen. Zur Vision des dritten Langspielers von LANY äußert Klein sich auf dem bandeigenen Instagram-Account: "Heute bin ich, wer ich bin, wegen des Ortes, an dem ich aufgewachsen bin." Er bekennt sich als Fan einfacher Werte und findet, dass schon das präzise Mähen von Gras einem Heranwachsenden beibringen kann, alles, was man tut, mit einem gewissen Perfektionismus zu tun – etwa Songs schreiben. "Ich denke, es ist schön, seine Eltern anzurufen und Respekt vor Älteren zu haben. Ich finde es schön, der Person die man liebt, Blumen zu kaufen und die Tür aufzuhalten. Und ich kann nichts Falsches daran finden, an einen Gott zu glauben und zu hoffen, dass es jemandes Absicht war, dass man am Leben ist."

Gottesfurcht, Gentleman-Ambitionen und die Verneigung vor der älteren Generation – klingt, als hätte der 32-Jährige zu neuem Konservatismus gefunden. Oder anders gesagt: Der Insta-Post könnte auch von CDU-Liebchen Philipp Amthor stammen. "Ganz so ist es nicht!", Klein lacht, "ich glaube nur, dass wir ein Stück unserer Kindheit ewig mitnehmen." Er erzählt, wie er immer wegwollte, aus den Nicht-Orten, mitten im amerikanischen Nirgendwo. Wie er hart arbeitete um möglichst schnell in die große Stadt zu kommen. Heute lebt er in Los Angeles – wenn er nicht gerade mit seiner Band tourt.

Paul Kleins Amerikanischer Traum

Im neusten Video zum Song "Good Guys" präsentiert sich Klein als Hipster-Cowboy, der vor Sehnsuchtskulisse abwechselnd zu Pferde, in der Wanne oder beim Heu tragen zu sehen ist. Aus europäischer Sicht eine Bilderflut amerikanischer Stereotype. Etwas, dass sofort auffällt – vermutlich vor allem jetzt, wo wir in News und Artikeln immer wieder davon hören, wie gespalten Amerika zu sein scheint. Corona öffnet die Schere zwischen Reich und Arm, Trump lässt seine Bevölkerung zugunsten der Wirtschaft im Stich und auf den Straßen demonstrieren unzählige PoCs für ihre Grundrechte und gegen rassistische Polizeigewalt. Ist da das gezeigte Amerika Paul Kleins ein existenter Ort oder nicht mehr, als ein wohlwollender Traum?

"Ich bin stolzer Amerikaner!", konstatiert er. "Und ich bin stolz als Amerikaner neben meinen Schwarzen Brüdern und Schwestern zu stehen und für ihre Rechte einzustehen," ergänzt er. "Wir sind als Land offensichtlich ziemlich kaputt. Wir haben ein ernstes und sehr reelles Rassismus-Problem und ein sehr echtes Polizei-Problem. Und das ist enttäuschend und verletzend. Gleichzeitig bin ich glücklich über all die Menschen, die auf die Straße gehen und zusammen demonstrieren. Das erfüllt mich sehr!"

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LANY: So süß wie Zucker

Nach eigenen Angaben, ist "Mama's Boy" ein sehr persönliches Album geworden. Dass die Jungs um Klein einen nah an sich heranlassen, ist nichts Neues: Auf der Vorgängerplatte "Malibu Nights" konnte man quasi in Kleins zerrissenes Liebeskummer-Herz hineinschauen. Er verarbeitete auf der Platte ganz ungefiltert die Trennung von Musikerin Dua Lipa. Trotz des ganzen Schmerzes schaffen LANY einen groß angelegten und luftigen Sound, der an 80s-Verträumtheit erinnert, sich von The 1975 inspirieren lässt und ganz herrlich eingängig daher kommt. Daran hat sich seit dem ersten Album und auch in Hinblick auf die neue Platte nicht viel geändert: LANY sind musikalisch immer noch sie selbst.

Dua Lipa brach Paul Klein 2018 das Herz. Daraus resultierte das LANY-Alnum "Malibu Nights". Lipa ist aktuell mit Anwar Hadid zusammen – einem Spross der Hadid-Familie.

"Ich wusste allerdings nicht, ob ich noch irgendwas in mir habe, um Songs zu schreiben. Nach Malibu Nights war ich einfach leer," gesteht Klein. Die Beschäftigung mit der eigenen Herkunft, Kindheit und den Eltern scheint aber genug geliefert zu haben, um eine neue Platte zu füllen. Klein selbst beschreibt einzelne Songs von "Mama's Boy" als "total sweet": LANY singen von Dankbarkeit und Aufrichtigkeit. Im Song "I still talk to Jesus" bespricht Klein zum Beispiel, dass er zwar Drogen nimmt, falsche Entscheidungen trifft, trinkt und manchmal nicht so der Vorzeigesohn ist, aber dennoch zu Jesus spricht – also immer noch an eine gute, höhere Energie glaubt und mit dieser im Kontakt ist.

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Zugegeben: Inwiefern man eine solch familienfreundliche Bodenständigkeit nun mit Popstars wie LANY verbindet, kann hinterfragt werden. Die große Rockstar-Pose ist das hier jedenfalls nicht. Aber das Einhalten von vorgefertigten Images war der Band eigentlich schon immer egal: Sie machen Musik, weil sie eine Vision verfolgen und Geschichten erzählen, Menschen zum Tanzen bringen und Kunst machen wollen, wie Klein immer wieder betont.

Und am Ende ist es vielleicht genau das Richtige für den Wahnsinn, der uns aktuell alle umgibt: Wir leben in Zeiten des Umbruchs. 2020 dürfte als folgenreiches Jahr in die Geschichtsbücher eingehen. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, was soziale Verantwortung und was Solidarität ist, wie wir unser Rassismusproblem lösen können, was Systemrelevanz eigentlich bedeutet und wie wir es im schlimmsten Fall hinkriegen, Trumps zweite Amtszeit zu überstehen. Da ist Musik, die einfach ganz unprätentiös und ehrlich nichts weiter möchte, als vom Aufwachsen im Hinterland, von der Liebe zu den Eltern und von einfachen Dingen zu erzählen, das, was wir alle ab und zu brauchen.

Aus unserem letzten Shooting mit LANY in Berlin: Die Jungs waren für Promo zum Album "Malibu Nights" in der Haupstatdt.

Wann das neue Album "Mama's Boy" erscheint, ist noch nicht bekannt. In den nächsten Wochen sollen aber erste Singles der Platte erscheinen.

Quelle: Noizz.de