Wir trafen Sängerin Heather Baron-Gracie und quatschten mit ihr über das erste Album ihrer Band.

Wenn man ein Bild von Pale Waves sieht, erwischt man sich schnell dabei, in verkappten Klischees zu denken. „Oh, noch eine Gothband, die sind ja so wie The Cure“, aber nichts da. Zwar verehrt Frontsängerin Heather Baron-Gracie die Band um Robert Smith – um ein Haar hätte die Band sogar ihr Idol getroffen, als sie anlässlich des 40. Jubiläums von The Cure bei deren Ehrenkonzert im Hyde Park auftraten.

Aber das Schicksal: Sie mussten weiter reisen zum nächsten Auftritt, ehe sie ein Wort mit dem Strubbelkopf wechseln konnten. Und ja, auch der Look  der Band ist von dieser Subkultur maßgeblich geprägt. Aber Pale Waves passen in keine Schublade.

Das mag auf den ersten Blick verwundern. Wer einen Song der Band schon mal in einer Spotify-Playlist oder im Radio gehört hat, würde ohne zu zögern die Musik wahrscheinlich ins Genre Indie-Pop einordnen. Aber ganz so leicht ist es mit Pale Waves dann doch nicht.

„My Mind Makes Noises Too Much“ heißt es im titelgebenden Song ihres Debüts und beschreibt das, was seit jeher viele Teenager durch machen – angesichts der Oberflächlichkeit von Instagram und Co. aber noch viel erdrückender sein muss: Selbstzweifel und Identitätskrisen. Den Song hat Heather selbst geschrieben und handelt vor allem von ihren persönlichen Erlebnissen als sie noch ein Teenager war.

Alles in allem könnte die Musik von Pale Waves auch gut ein Soundtrack für eine Szene beim Abschlussball in einem Netflix-Film sein, so schillernd und dramatisch sind sie arrangiert. Fast schon ein bisschen amerikanisch, dabei kommt die Band eigentlich aus Manchester. Der Stadt die so tragisch-schöne Musiker wie The Smiths oder Joy Division hervorgebracht hat, die immer auch ein bisschen das Morbide faszinierte. Gut, dass düstere und den Hang zur inszenierten Ästhetik haben Heather und ihre Bandmitglieder übernommen.

„Es ist richtig komisch, alleine unterwegs zu sein, ohne die anderen drei, wir machen sonst alles zusammen“, fängt Heather unser Gespräch an. Dabei rede sie sowieso immer am meisten, wenn es irgendwelche Fragen zu beantworten gebe, „aber es ist halt cooler, wenn du weißt dass da noch jemand ist, denn du kennst.“ Da ist sie wieder dieser Funken Unsicherheit, der sich bei der Band wie ein roter Fade durchzieht. Der Clou dabei sei, „sich der Unsicherheit zu stellen“, so Heather. Okay. Ich habe das Gefühl, das könnte ein Gesprächsthema werden.

In vier Jahren zum Debütalbum

In den letzten vier Jahren ging alles ziemlich schnell für das Quartett aus Manchester. 2014 gründete Heather mit ihrer Freundin Ciara Doran, mit der sie in Manchester das Bristish Institute for Modern Music besuchte, die Band „Creek“. Ziemlich bald schon bekamen die beiden aber Verstärkung durch einen zweiten Gitarristen in Form von Hugo Salvani und Bassist Charlie Wood. „Irgendwie war Creek ein doofer Bandname. Ich mein, was soll der schon ausdrücken“, sagt Heather rückblickend. Pale Waves als Bandname ist eher zufällig entstanden. „Die beiden Worte klingen gut zusammen und transportieren ein gewisses Gefühl, das mag ich.“

2015 nahmen sie ein paar Demos auf und ziemlich schnell wurde das Indie-Label Dirty Hit auf sie aufmerksam, die Bands wie Wolf Alice, Ben Khan und auch The 1975 berühmt gemacht haben. Deren Frontmann Matt Haley hat auch seinen Anteil daran, dass Pale Waves 2017 einen Plattenvertrag unterschreiben durften.

„Matt ist ziemlich cool. Er lässt einem den Freiraum, den man braucht um Songs zu entfalten weiß aber auch, was noch das Tüpfelchen auf dem I wäre, um einen Song noch epischer zu machen.“ Klar, dass Matt auch bei dem Debüt der Pale Waves mitarbeiten durfte. Ein bisschen 1975-Einfluss hört man dann auch hier und da raus.

Inzwischen aber lebt Heather, genauso wie der Rest der Band, in London. „Es ist einfach praktischer, weil wir dort einen besseren Anschluss haben.“ Regelmäßig besucht die 21-Jährige aber auch ihre Eltern, die noch in einem Vorort von Manchester leben. „Ich bin sehr Heimatverbunden. London ist cool, aufregend, glamourös. Ich hab manchmal das Gefühl, wir leben dort ein ganz anderes Leben.“

Zurück in ihrer Heimat erwartet sie aber oft ein anderes Bild: „Dort ist es eben schon außergewöhnlich, wie ich rumlaufe. Und plötzlich bin ich wieder die Außenseiterin irgendwie.“ Und damit einhergehen auch wieder die Reaktionen der anderen: „Letztens ging ich über die Straße bei meinen Eltern, und in einem Vorgarten machte ein ältere Mann um die 50 seine Gartenarbeit. Als er mich sah, nannte er mich einfach so aus dem Nichts ‚Frankenstein‘. Was soll das bitte? Ich meine, ich bin 21 und benehme mich nicht so, mir würde niemals einfallen, irgendjemanden so zu nennen.“

Ob sie das Gefühl habe, dass in Großbritannien mehr als in anderen Ländern die Generationen auseinander driften? „Eigentlich nicht“, sie fährt gleich mit einem Aber fort: „Nur durch den Brexit gab es jetzt hier auch etwas Politisches, das dieses Gefühl manifestiert hat.“

Manchmal habe sie das Gefühl, dass das Referendum die Fronten noch mehr verhärtet habe. „Wir sind keine politische Band, eigentlich. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass ich das doch alles schon reflektiere und unterbewusst einbaue.“ Ihre Band stehe für Gleichheit, Toleranz und Diversität. Heather ist es egal, wer ihre Musik hört, ob jung oder alt. Hauptsache, die Message kommt an: „Es ist doch doof, wenn man sich alleine fühlt.“

Dieses Gemeinschaftsgefühl kann man immer wieder bei den Konzerten der Band beobachten. Auch hier hat sich viel getan. Am Anfang habe Heather einfach nur so da gestanden und sich voll auf ihre Gitarre konzentriert, sie war fast wie versteinert.

„Weißt du, ich bin nicht so die Person, die einfach auf andere zugeht und sich öffnet, das braucht Übung.“ Dann habe sie aber gemerkt, wie toll das Live-Spielen eigentlich sein kann, alle singen ihre Songs mit und tanzen. „Das ist ein Wahnsinnsgefühl. Als ich das bemerkt habe, war mir alles egal, wie ich vielleicht eventuell auf andere wirken könnte. Ich mache einfach mein Ding mit meinen Freunden. Und das ist gut so. Und noch cooler ist es, dass andere das genauso toll finden.“

Der Weg bis zum ersten Album hat trotzdem recht lange gedauert. „Es war uns sehr wichtig, dass alles passt, wir wollten nichts überstürzen.“ In ihrer Heimat gelten sie schon als die nächsten Superstars. Der Terminkalender ist voll, ihre EP landete auf Platz eins der UK Charts, die Single „Television Romance“ sogar auf Platz zwei der Single-Charts in ihrer Heimat. „Das ist schon enorm. Irgendwie fühlt es sich manchmal noch immer wie ein Traum an.“

Vielleicht sind Pale Waves aber auch aufgrund einer anderen Tatsache so erfolgreich: Es kommt eben nicht oft vor, dass in einer Band mit Männern und Frauen die beiden weiblichen Bandmitglieder eher federführend sind. „Haha, das ist bei uns irgendwie nie ein Thema gewesen. Es ist halt einfach so, dass wir die Texte und Musik geschrieben haben, Charlie und Hugo entwickeln unsere Ideen dann weiter mit. Ist halt so.“ Manchmal wünschten wir uns mehr „Ist halt so“ in der Welt. Pale Waves machen mit ihrer unaufgeregten, träumerischen Art einen guten Anfang.

Hier könnt ihr das Debüt von Pale Waves „My Mind Makes Noises” im Stream hören:

Quelle: Noizz.de