Zusammen mit Vanessa Mai „rockte“ er die „STARnacht am Wörthsee“ – inklusive Vollplayback und Choreo!

„Du brauchst 'n Typ, der für immer die Eins ist. Ich steh' vor deiner Tür, wenn deine Straße mir einfällt“, rappt Olexesh im ORF2, Sängerin Vanessa Mai stimmt den Refrain an: „Das Gefühl, du stellst alles auf den Kopf. Und ich steh' zwischen so viel Fragen. Viel zu viel, zu viel Worte in mein'm Kopf.“

Ja, wir sind immer noch etwas konfus über das Resultat dieser musikalischen Zusammenarbeit.

Aber funktioniert ja ganz gut: Mai im urban-lässigen sexy Hip-Hop-Chick-Look, Olexesh gewohnt „real“ wie immer und beide singen über Liebe. Dazu noch dieser Pseudo-Skandal: Singt Vanessa Mai da etwa „Fotze“? Ach nee, nur „Worte“. Aber: Hip-Hop ist in der deutschen Mainstream-Popkultur angekommen. Und fast so normal wie all die neuen deutschen Pop-Poeten mit Tim Bendzko, Max Giesinegr und Co.

Und um dieses Faktum noch einmal besonders zu betonen und den damit einhergehneden Generations-übergreifenden Faktor auch zu würdigen, jetzt also: ein Auftritt von Olexesh bei der Schlagersendung „STARnacht am Wörthsee“.

Nicht die Sendung ist das Problem

Dass das Moderatoren-Duo Barbara Schöneberger und Alfons Haider Olexeshs „Slang“ imitieren? Geschenkt. Genauso, dass im Hintergrund halbnackige Tänzerinnen sich auf einem BMX-Rad rekeln. Und auch, dass Vanessa Mai einen Sport-BH mit der Aufschrift „Schlager“ (ernsthaft?!) trägt.

Viel mehr Sorgen sollte uns das Aufkommen des neuen deutschen Über-Genres „Schlager-Rap“ machen. Das vereint nämlich so ziemlich alles, was die deutsche Musik-Szene (also die, die auch in den Charts erfolgreich ist), so abartig kommerziell macht. Und die Veranstaltung am österreichischen Wörthsee ist wie ein Abzieh-Klebe-Tattoo davon.

Dass der deutsch-ukrainische Rapper Olexesh nicht unbedingt für den krassen Hardcore Straßen-Rap à la Bushido oder Fler steht, dürfte jedem klar sein. Dafür muss man sich nur einmal seine Hit-Single „Magisch“ anhören:

Fast schon eine Spur zu kitschig, verklärt Olexesh da seine Angebetete, osteuropäische Beats paaren sich mit US-Pop-Mainstream Sounds  zu denen „der Junge aus dem Viertel“ rappt – oder auch mal singt.

Die Lyrics sind so plakativ einfältig, dass es einem fast den Atem verschlägt. Eigentlich geht es doch nur darum: Ich will dich, ich bin so geil, komm her. Klar, andere US-Musiker stehen indem nichts nach. Und auch Cloud-Rapper RIN und Bausa sind davon nicht weit entfernt, wenn sie über Liebe machen, verliebt sein und ihre Online-Shopping-Abenteuer sinnieren. Direkt und ohne Umschweife – das scheint heute gut anzukommen. Schlagermusik steht dem in nichts nach.

Die inszenierte Kooperation zwischen Vanessa Mai und Olexesh (was für eine Insta-Lovestory) treibt diesen Gedanken aber auf die Spitze.

Nicht nur, dass der Rapper mit ukrainisch-weißrussischen Wurzeln 2018 zu den erfolgreichsten deutschen Interpreten zählt und Vanessa Mai umgekehrt zu den erfolgreichsten weiblichen Charts-Interpretinnen. Beide verkörpern auch ein gewisses Image.

Olexesh, der Junge von der Straße, der es geschafft hat, berühmt zu werden. Vanessa Mai, die junge, gutaussehende Pop-Schlagersängerin, die Omis genauso gut finden wie ihre Enkel. Sogar in der Jury von DSDS hat es die Sängerin schon gebracht. Diese beiden Welten zusammenzubringen ist – rein marktstrategisch gedacht – so genial, das hätte niemand besser planen können.

Die Verbindung zwischen Schlager und Rap ist ja an sich nix Neues. Bushido und Karel Gott hatten auch schon ihren Moment. Und auch wenn die Alter-Ego-Band „Schwarzwälder Kirschtorten“ von K.I.Z. das Phänomen und die Schnittstellen zwischen Schlager und Rap eher persifliert, so zeigt es doch zumindest, dass irgendwas daran die Massen fasziniert. Ich meine, wie weit sind wir, wenn die 257ers mit leicht rechtspopulistischen Tendenzen durchtränkten Andreas Gabalier einen Song für MTV Unplugged aufnehmen?

Rap und Schlager sind die beiden Cash-Cows der deutschen Musikindustrie.

Schlager und Rap – zumindest im deutschen Sprachraum – sind sich in vielem allerdings schon ähnlicher als es auf den ersten Blick erscheint. Höchst inszenierte Performances mit ihren eigenen Codes, die nichts mehr mit den eigentlichen Subkulturen zu tun habe.

Allerdings befriedigen sie beide unterschiedliche Zielgruppen: Der Schlager die konventionellen Spießer, die am liebsten nichts Neues erleben wollen. Der Rap die jungen Rebellen mit eher coolem Image. Die  sind eigentlich auch scheiße unsicher, aber das muss man ja nicht gleich zeigen.

Im Hintergrund schreiben schon lange nicht mehr Helene Fischer oder Fler ihre Songs selber. Ja, es gibt sogar Songwriter, die schreiben am Morgen harten Bushido-Track und am Mittag ein Liebeslied für Helene Fischer. Geil, oder? Nico Santos ist zum Beispiel so einer. Der hat 2017 nicht nur Helene Fischers Hit „Achterbahn“ mitgeschrieben, sondern auch Bushidos Song „Papa“. Wie das zusammen geht, mag jeder selbst für sich entscheiden.

Beide Gruppen zusammen zu bringen ist wie ein Familientreffen: Eigentlich ist man ganz anders, aber man redet trotzdem miteinander. Man kennt sich ja. Und Cousin Peter, der leidenschaftlich gerne Fler hört, freut sich doch, wenn er mit Cousine Sandra einen gemeinsamen Nenner hat, über den sie sich bei WhatsApp austauchen können – Dank, Schlager-Rap.

Quelle: Noizz.de