Mit ihren ehrlichen Songs – Hybriden aus Pop und R‘n’B – gehört die dänische Sängerin nicht nur zu den derzeit vielversprechendsten Künstler*innen aus Skandinavien. Jada hat auch keine Scheu, offen über das zu sprechen, was die junge Generation bewegt. Dazu gehören neben Mental Health und Body Positivity eben auch Tabuthemen wie Nacktbilder.

Seien wir ehrlich: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit hat jeder von uns schon einmal ein Nacktbild verschickt oder eines erhalten – egal ob nun etwas offenherziger oder eben auch nicht. Das eine kam vielleicht ungewollt, andere wiederum mit voller Absicht. Es ist ein Phänomen.

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Auf der einen Seite haben Dickpics und Titten-Selfies ein pornöses Schmuddelimage, man schämt sich fast schon in dem Moment, indem man auf "Senden" geklickt hat. Auf der anderen Seite machen wir es trotzdem immer wieder und finden es – ja, auch irgendwie sexy. Es sei denn, man bekommt ungefragt ein Schniedelbild, da verhält sich die Sache natürlich anders.

Mit dieser Ambiguität von Nacktbildern hat sich auch die dänische Sängerin Jada auseinandergesetzt. Jadas Musik lässt sich perfekt in die neue Welle an Songs einordnen, die irgendwie einen klassischen R‘n’B-Vibe versprühen, in ihrem tiefsten Inneren aber einfach nur verdammt gut produzierter Pop sind – und gerade deswegen so nah am Puls der Zeit sind und ihrer Hörer in den Bann ziehen.

So auch ihre Single "Nudes". Der Song landete sofort auf Platz eins der dänischen Airplay-Charts, was wohl nicht nur an der Message des Songs lag, sondern auch an dem ziemlich ungewöhnlichen Musikvideo zu der Single. Dort zeigten sich Jadas Fans nackt.

Hier kannst du Jadas ehrliche Video zu "Nudes" sehen:

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Für Emilie Mølsted, wie Jada im ganz normalen Leben heißt, war der Song eine neue Erfahrung. Denn anders als sonst, hat sie hier nicht nur über eigene Erfahrungen gesungen, sondern wollte damit das Gefühl einer ganzen Generation einfangen – zumindest nimmt sie das so wahr. Die Lyrics in “Nudes” betonen, wie wichtig es ist, ganz man selbst zu sein – insbesondere, wenn man mit dem Internet groß geworden ist. Jada ist 27, ihre ganze Jugend und auch ihr junges Erwachsensein spielten beziehungsweise spielen sich in diesem Medium ab.

Es ist ein paradoxer Ort: Zum einen fühlt man sich anderen auf der ganzen Welt durch das Internet eng verbunden, es kann zum anderen aber auch verdammt einsam machen. Wie sie diese Gratwanderung selbst erlebt, hat sie uns im Interview anvertraut – und auch, wieso es wichtig ist, seinen Gefühlen manchmal einfach Luft zu machen, auch wenn es sich dabei einfach nur um den Impuls handelt, ein Nacktbild von sich an jemand anderen zu verschicken.

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Jada im NOIZZ-Talk: "Das sind nur meine verdammten Nippel, nicht ich!"

NOIZZ: Was hat dich dazu inspiriert, mit "Nudes" einen Song über das Versenden von Nacktbildern zu schreiben?

Jada: Wenn ich einen Song schreibe, gehe ich unvoreingenommen an die Sache heran – ich nehme mir nicht vor: 'Oh, heute schreibe ich mal einen Song über dieses wichtige Thema!' Es kommt vielmehr einfach so – bei "Nudes" war es zum Beispiel so, dass ich einfach den Refrain gesungen habe und mir eigentlich erst danach so richtig klar geworden ist, über was ich da singe. Es war keine Wahl, der Song hat mich eher gefunden. Das Thema hat mich dann aber nicht mehr losgelassen: Es ist etwas, dass mich schon öfters beschäftigt hat, und ich glaube, es geht vielen so, auch meinen Freund*innen.

Irgendwie komisch, dass es darüber bisher keinen offenen, ehrlichen Song gab, der nicht irgendwie auch versaut ist …

Jada: Genau, das kam mir dann auch noch in den Sinn. Aber es geht ja nicht nur darum, Nacktbilder zu verschicken, sondern generell, dass man sich auf irgendeine Art und Weise zum Beginn einer Beziehung oder eines Verliebtseins, verletzlich zeigt. Das hat mich auch sehr daran erinnert, wie man als Teenager im Chatroom war und dann irgendwie den ersten Schritt gewagt hat und einfach geschrieben hat: "Ich mag dich."

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Meinst du, es geht dabei auch um Schamgefühle?

Jada: Oh, ja! Man schämt sich dann einfach so sehr. Vor allem kurz danach, weil man es gar nicht richtig einzuordnen weiß. Genau darum ging es mir: Der Song sollte nicht moralisieren, er soll all die Gefühle, für die man sich sonst viel zu oft schämt, offenlegen. Ich wollte das einfach rauslassen! Ich kenne so viele, denen es so geht. Dabei macht man das ja nicht einfach so, sondern will sich dem anderen irgendwie öffnen, sich sexy präsentieren. Darum geht es schließlich auch.

Das Video spiegelt das auch wider …

Jada: Für mich war das der einzig mögliche visuelle Ansatz! Ein Nacktbild ist so etwas Besonderes: Es zeigt, wie du dich selbst sehen willst. Es ist wie ein Selfie. Du bestimmst deine Schokoladenseiten. Das liebe ich so sehr daran, und es ist gleichzeitig verdammt intim. Es zeigt, wie man sich gut fühlt, welches Selbstbewusstsein man hat – das kann auch Power ausstrahlen. Ich finde, genau das zeigt das Video in vielen verschiedenen Facetten.

Auf einer gewissen Weise macht man sich aber auch "nackt" und verletzlich, wenn man so einen intimen Song veröffentlicht – hast du dir Gedanken darüber gemacht, was andere darüber denken werden?

Jada: Meinst du, auch weil ich mich nackt in dem Video zeige? Damit habe ich kein Problem. Ich stehe zu meinem Körper, das kommt aber vielleicht auch von meiner Familie. Wir hatten nie Scham, nackt durch unser Haus zu laufen. Dadurch hat man ein ziemlich offenes Verhältnis zu seinem Körper. Ich fühlte mich nackt nie unwohl. Nur weil Leute meinen Nippel sehen, kennen sie mich nicht, geschweige denn, dass sie mich besitzen. Das sind nur meine verdammten Nippel, nicht ich! Wenn ich mich so zeige, habe ich das selbst so entschieden, und das ist auch ein emanzipativer Akt für mich. Das fühlt sich verdammt richtig an! Genauso ist es, wenn ich über etwas sehr Persönliches singe: Ich habe das entschieden. Ich mag es auch nicht, irgendeine Seite von mir zu verstecken oder herunterzufahren – ich bin nun mal eine sexuelle Person. Ich bin gerne ein großes, ganzes Haus, indem alles offen ist und es viele Räume zu entdecken gibt.

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In dem Song geht es ja auch darum, dass man sich unsicher fühlt oder andere einen ausnutzen, obwohl man sich öffnet. Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Jada: Ich habe viel darüber nachgedacht und vieles ausprobiert – und eines davon war schlichtweg zur Therapie zu gehen. Ich weiß, ich kann mich glücklich schätzen, dass ich einen Platz gefunden habe, dass ich das Geld habe, aber wirklich, es hat so viel für mich verändert. Ich kann dadurch besser verstehen, wieso ich so ticke und welche Denkmuster bei mir angeschmissen werde. Meditation hilft. Ich habe mir ständig eingeredet, ich sei nicht gut genug. Jetzt weiß ich, dass es okay ist, dass diese Gedanken da sind, ich mich ihnen aber nicht hingegeben muss. Sondern mich auf wichtigere Dinge fokussieren muss. Früher habe ich versucht, diese Gedanken auszulöschen oder einfach zu ignorieren. Jetzt bin ich achtsamer.

Hast du das Gefühl, dass es noch immer ein Tabu ist, über Mental Health zu reden?

Jada: Schon – aber ich weiß nicht so recht, woher das kommt. Viele sehen es wahrscheinlich noch immer als persönliche Niederlage an, wenn sie sich dazu entscheiden zu einer Therapie zu gehen oder sich Hilfe zu suchen. Dass wir jetzt anfangen, offener darüber zu reden, ist es ein großer Schritt. Es jagt ja Angst ein, wenn man Probleme hat. Wenn man sieht, dass es vielen anderen auch so geht, nimmt das einem etwas die Angst.

Dein erstes Album hatte den Titel " I Cry A Lot" – bist du auch jemand, der viel weint?

Jada: Absolut, ich weine ständig, egal in welcher Gefühlslage. Viele können nicht damit umgehen. Ich weine, wenn mir etwas zu viel wird, wenn ich wütend bin, wenn ich mich sehr freue, natürlich auch wenn ich traurig bin. Ich kann meine Emotionen so am besten kanalisieren. Wenn die Tränen kommen, lasse ich ihnen freien Lauf, egal weswegen. Die meisten verbinden das dann gleich mit Traurigkeit, aber so ist das gar nicht. Auch wenn ich gerade verdammt wütend auf jemanden bin oder etwas einfach nicht klappen will, weine ich – das ist fast schon kathartisch. Da steckt viel Kraft drin, danach geht es mir eigentlich immer besser.

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Höre hier in Jadas Debütalbum „I Cry A Lot“ rein:

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Eigentlich sollte die Sängerin, die in ihrer dänischen Heimat längst kein Geheimtipp mehr ist, im Sommer bei Europas größten Festival, dem Roskilde, auftreten. Geht aus uns allen bekannten Gründen ja leider nicht.

Aber du musst nicht traurig sein: Wenn du jetzt mehr von Jada hören willst, legst du am besten mit ihrem Debütalbum "I Cry A Lot" los. Das ist zwar schon im vergangenen Jahr erschienen, trägt dich aber auch 2020 gut durch den Sommer – und macht noch mehr Bock auf Jadas neue Songs.

Quelle: Noizz.de