Lust auf Musik mit Kontext? Noga Erez bringt zeitgemäßen Electro-R’n’B-Sound, der neugierig macht.

Wenn eine israelische Künstlerin ein Album rausbringt, dann erwartet fast jeder, dass es mehr bedeuten soll. Und dass es irgendwie diesen coolen Tel-Aviv-Sound der Clubnächte hat. Elektrobeats mit dem richtigen Vibe. Noga Erez erfüllt all das mit ihrem Erstling „Off The Radar” – und ist dabei noch so viel mehr.

Hip-Hop meets R'n'B meets Elektro

Wer den politischen mit Hip-Hop durchtränkten R’n’B von M.I.A. feiert, der wird auch Gefallen an Erez finden. In vielen Stücken erinnert sie an die provokative britische Sängerin, deren Track „Paper Planes” es sogar in den Film „Slumdog Millionaire” geschafft hat. So bekannt sind Erez’ Songs noch nicht – allerdings sorgte ihr Video zu „Dance While You Shoot”, das 2016 aus dem Nichts auf YouTube erschien, für Furore.

Das mag nicht nur an den krassen Bildern und der Schnittästhetik liegen, sondern allen voran auch an den Themen, die Erez in ihren Stücken anspricht. Staatliche Überwachung, manipulative Medien, sexuelle Übergriffe – die junge Israelin nimmt kein Blatt vor den Mund. Kein Wunder, wenn man in einem Land aufgewachsen ist, dessen Gesellschaft tief gespalten ist.

Harte Themen, harter Sound

Mit diesem Grundkonflikt Israels hat sich die Musikerin sehr intensiv auseinander gesetzt, wie sie über „Dance While You Shoot” erklärt: „Der Song handelt davon, zu realisieren, dass man nicht ohne die Regierung leben kann, weil sie deine Grundversorgung sicher stellt. Gleichzeitig aber nehmen sie einem das Geld, lassen einen im Dunkeln darüber, was wirklich hinter den Kulissen abgeht. Obwohl es eigentlich Themen sind, die uns alle etwas angehen.”

So viel offen ausgesprochene Wut hört man selten in Israel. Noga Erez traut sich was und das stellt sie mit ihren experimentellen Sounds auch zur Schau.

Abseits vom Radar, wie ihr Albumtitel eigentlich verlauten lässt, ist Noga Ergez keinesfalls. Sie ist nah am Zeitgeist und beobachtet akribisch ihre Umwelt und die Gesellschaft in der Welt.

Ihre Musik bringt vielleicht auch die zum Grübeln, die sich sonst eher selten mit sperrigen Fragen wie Zwei-Staaten-Lösung oder Politik im Allgemeinen auseinandersetzen. „Ich möchte Menschen das Gefühl von Nachdenklichkeit und Inspiration vermitteln, gleichzeitig aber auch eine Form des Eskapismus und Spaß anbieten”, fasst sie ihr kreatives Schaffen selber zusammen.

Ihr Herz schlägt für Tel Aviv

Tel Aviv ist die Heimatstadt der 27-Jährigen – was nicht ohne Grund in jedem einzelnen ihrer Songs durchflackert. So ist sie in dem Video zu ihrer Single „Toy” über den Dächern der israelischen Metropole. Alles wirkt verfahren und doch steht einem so viel offen. Eine Parabel auf die jüdische Gesellschaft in Israel: Der Nahost-Konflikt ist zu verfahren, es stehen sich Palästinenser und Israelis gegenüber. Und dennoch träumt gerade die israelische Jugend von Freiheit und Frieden.

Welche Reichweite dieser Konflikt eigentlich hat, ist ihr erst im Laufe der Zeit bewusst geworden: „Als ich wirklich aufmerksam darauf wurde, was da abgeht – die Komplexität und wie es das normale Leben auf beiden Seiten beeinflusst – war meine Reaktion, mich davon abzugrenzen.” Ein drastischer Schritt, der dazu führte, dass Negez ihren Fernseher rauswarf und seitdem keine Nachrichten mehr schaut.

Fast genauso radikal ist auch das Konzept hinter ihrer Musik. Das Faible für elektronische Musik kommt nicht von ungefähr. Lange war sie Background-Sängerin bei der Indiefolk-Band „The Secret Sea“, gleichzeitig hat sie Komposition studiert und sich im Jazz versucht.

Richtig aufgegangen ist sie aber erst beim Beatbasteln. Gemeinsam mit dem Produzenten Ouri Rousso entdeckte sie die Vielfalt, die elektronische Musik bieten kann. So entstand Schritt für Schritt ihr Debütalbum „Off the Radar”.

Ein Konzeptalbum, das sich gar nicht so anfühlt wie ein monothematischer Klotz. Als wäre man hautnah dabei im israelischen Alltag der Jugend in diesem Land. Zwischen Konflikt, Diskurs, Religion, Natur und Elektro-Clubnacht.

„Off The Radar“ von Noga Erez ist am 02. Juni 2017 bei City Slang erschienen Foto: CitySlang

Quelle: Noizz.de