Manche nennen ihn "Summer Sad Boy" - für uns ist der 24-Jährige Newcomer nicht weniger als die wohl intensivste Offenbarung, die uns die Glasgower Neo-Soul-Szene bieten konnte.

Wer schon einmal in der schottischen Metropole Glasgow war, wird das einmalige Flair der Stadt aufgefallen sein: Die einst glorreiche Hafenstadt hat dank Deindustrialisierung ihre besten Zeiten hinter sich. Bis in die 60er Jahre hinein, lebten Menschen in heruntergekommenen Hinterhäusern, Ruinen viktorianischer Zeit, danach in neu geschaffenen Sozialbauten ohne Raum für Individualität – die zu noch mehr sozialer Ungerechtigkeit und abgehängt sein führten. Menschen sterben in Glasgow eher als in jeder anderen britischen Stadt. Das Phänomen ist auch bekannt als "Glasgow Effect".

Auf der anderen Seite ist Glasgow dank seiner zahlreichen Hochschulen auch eine ziemlich szenige Stadt – viele aufregende Newcomer aus Großbritannien kommen aus der Hafenstadt. So auch Sänger Joesef, der uns mit seinen Songs zwischen smoothem Soul, Motown-Grooves, die er mit Hip-Hop-Beats und Jazz-Gitarren paart. Wenn man so will, ist seine Musik der ideale Soundtrack für so eine ambivalente Stadt wie Glasgow.

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Ambivalenz in Perfektion

Fast alle der Stücke auf seiner Debüt-EP "Play Me Something Nice" drehen sich um die Themen Liebe und Verlust – eingefangen in einem schwebend-leichten Sound und seiner einmaligen Stimmfarbe. Er mag es, den Widerspruch in sich zu vereinen. Die Initialzündung für die Songs seiner erste EP lieferte der Zerfall seiner ersten Beziehung zu einem Mann, den er eben ganz besonders geliebt hat – wie es ist, auf einmal ohne die Liebe und Vertrautheit des anderen auskommen zu müssen.

“Es geht um eine Art Nostalgie und Liebe, die auch nachdem sich der Staub gelegt hat, weiter verweilen”, erklärt er. In seinen Songs überträgt er den privaten Schmerz aber auch auf Probleme, die uns alle angehen, die sich wie das Symptom einer Krankheit über unsere Gesellschaft gezogen haben. Etwa, wenn er im titelgebenden "Play Me Something Nice" sing: "it's me who is lost".

Manchmal erinnern seine Songs in ihren feinen, Zuckerwatten-leichten und subtilen Untertönen an eine junge Amy Winehouse, wenn man aber mit Joesef ins Gespräch kommt, merkt man, dass seine Heimat der Beton Glasgows ist – sein Witz ist manchmal derb, aber herzlich (Ihr wisst, was wir meinen, wenn ihr unser Speeddate lest ...).

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Dass wir seine Musik dementsprechend gut finden, damit sind wir nicht die Einzigen. Von der BBC wurde er Anfang des Jahres auf die Longlist des renommierten "Sound of 2020" geschafft.

Zwischen Singlerelease und Tourstress, konnten wir den Glasgower für ein wirklich kurzes Speeddate gewinnen – und wie kann man sich da am besten kennenlernen, als wenn man die Sätze des anderen einfach beenden lässt? Ja, wir wissen: Fast schon romantisch – Joesef weiß damit aber sehr gut umzugehen.

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NOIZZ-Speed-Date mit Joesef: 12 Sätze, um sich endgültig in ihn zu verlieben

NOIZZ: Das erste was ich heute nach dem Aufwachen getan habe, war ...

Joesef: ... pissen zu gehen!

Mein absoluter Lieblingssong im Moment ist ...

... "Look On Down From The Bridge" von Mazzy Star.

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Ich mag es, wenn ...

…. Leute witzig sind.

Ich hasse es, wenn ...

… Menschen Dinge zu ernst nehmen.

Ich würde lieber gerne nicht so sehr ...

… über mich selber reden.

Das Beste, was mir bisher 2020 passiert ist, war als ...

… ich im Maida Vale Studio spielen durfte – und ich war das erste Mal in New York, das war echt cool!

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Das Mieseste, was mir jemals passiert ist, war als ...

… ich weiß, wirklich nicht, ob ich da nur eine Sache sagen kann – es war manchmal eine kollektive Ansammlung von Scheiße.

Live zu spielen fühlt sich an wie ...

… wenn ich dabei bin, jemanden zu besiegen, der größer als ich ist.

Einen Song zu schreiben ist für mich ...

… manchmal einfach, manchmal belastend, aber immer Spaß.

Ich wusste, dass ich Musiker sein möchte, als ...

… ich würde mich noch immer nicht einen Musiker nennen – ich gehe immer noch davon aus, eines Tages wieder hinter der Bar zu stehen und zu arbeiten.

Das letzte Mal, dass mir jemand etwas schönes vorgespielt hat war als ...

… meine Mum mir eine Aufnahme meines Großvaters vorspielte, in denen er gesungen hat – das war vor ein paar Jahren zu Weihnachten und es war wirklich sehr schön.

Dinge, bei denen ich nicht nachgebe, sind ...

... Ignoranz – dafür habe ich gar keine Zeit!

Alles, was ich immer wollte, waren ...

… eine gute Zeit und manchmal auch etwas Zeit für mich selbst.

Als ich zuletzt Limbo gespielt habe …

... ich habe noch nie Limbo gespielt – ich bin so flexibel wie ein Backstein!

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Für mich ist ein Liebhaber ...

… wortwörtlich jede*r.

Der Duft von Kerosin erinnert mich an ...

... Glasgow, woher ich komme. Ich weiß, es ist eigentlich ein Treibstoff für Flugzeuge. Aber ich assoziiere jede Art von Benzinduft mit der Stadt – es ist für mich ein beruhigender Duft. Klingt das seltsam?

Ich habe realisiert, dass ich jemandes Liebe nicht brauchen würde, als ich wusste, dass ...

... es reine Zeitverschwendung ist.

Am 1. März spielt Joesef in der Kantine Berghain in Berlin sein bis auf Weiteres einziges Deutschland-Konzert. Nicht auszuschließen, dass aber einige Festivaltermine für den Sommer folgen könnten. Du willst mehr von Joesef hören? Auf das Debütalbum musst du noch ein bisschen warten. Aber seine EP "Play Me Something Nice" kannst du schon auf Spotify hören.

"Play me Something Nice" von Joesef:

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  • Quelle:
  • Noizz.de