Die US-Musikerin hat ein Album für all die Einsamen gemacht, die versuchen okay mit ihrer Einsamkeit zu sein.

Wie in einem Märchen, wenn die Prinzessin nach einem tausendjährigen Schlaf aufwacht, klingen die Streicher zu Beginn auf "Norman Fucking Rockwell!", dem Titeltrack auf Lana Del Reys sechsten Studioalbum. Dass es sich hierbei aber nicht um eine Märchenprinzessin, sondern eben die Queen of Sadcore handelt, wird spätestens klar, wenn die US-Musikerin da singt: "You fucked me so good, I almost said: 'I love you'".

Der Opener gibt den Ton an für die folgenden 13 Stücke: minimiert im Klang, durch die zurückhaltenden Streicher, die Klavierklänge und die Gitarrensounds. Nichts klingt wie das Allerlei, das sich derzeit in den Charts tummelt. Beweis gefällig?

Im September 2018 veröffentlichte Lana Del Rey eine Mini-EP mit zwei Songs: "Mariners Apartment Complex" und "Venice Bitch". Erster zeigte eine andere Lana als je zuvor, eine selbstbestimmtere Lana, die jemanden an die Hand nimmt und den Weg weist. Lana ist nun die Person, die andere anstimmt, mehr über sich selbst zu lernen. Die Musik wie gewohnt melancholisch, wenn auch bereits reduziert durch die Piano-Begleitung. Nicht so wie auf "West Coast" oder "High By The Beach".

Auf "Venice Bitch" wiederum befreit sich Del Rey von allen gängigen Trends und Zwängen der Musikindustrie: Das Stück ist über neun Minuten lang. In Zeiten von Streaming gleicht dies einem Selbstmord. Songs werden oft unter drei Minuten gehalten, um die Zuhörer nicht zu vergraulen und garantiert im Radio gespielt zu werden und auf alle 0815-Playlists zu kommen. Lieder fangen mit dem Refrain an, um möglichst schnell einen Ohrwurm zu garantieren und in den 30-sekündigen Snippets auf iTunes zu überzeugen. Lana scheint all diese Schnelllebigkeit nicht zu interessieren. Stattdessen nimmt "Venice Bitch" den Hörer mit auf einen psychedelischen Trip, getrieben von Synthesizern und Gitarren. Echte Gitarren. Die Arrangements sind so ausgeklügelt und detailverliebt, das Herzblut springt einem geradezu in die Hörgänge. Im September 2018 hätte man bereits ahnen können, dass "Norman Fucking Rockwell!" ein Album ist, das bleiben wird.

Zum ersten Mal arbeitete Lana mit dem Produzenten und Songwriter Jack Antonoff zusammen – und genau diese Zusammenarbeit scheint Del Rey verdammt gut zu tun. In ihrer achtjährigen Karriere, 2011 schaffte sie den Durchbruch mit "Video Games", blieb die New Yorkerin ihrem Sound zwar treu: Immer etwas traurig, meist langsam, nie tanzbar – höchstens im Remix, alles andere ist Del Rey zuwider –, aber leider fehlte es auch immer wieder an großen Melodien, an Leichtigkeit, an Mut zum Fehler.

Und nun ist da eben "Norman Fucking Rockwell!" – Lanas bestes Werk bis dato

Es fängt beim Artwork an, geht über die Musik bis hin zu den Videos. Auf dem Cover hält sie sich an Duke Nicholson fest, dem Enkelsohn von Schauspieler Jack Nicholson. Die beiden befinden sich auf einem Boot vor L.A., das Wasser ist seither ein wichtiges Thema in Lanas Musik: Es bedeutet Ruhe, Kraft und Zuflucht. Auf "13 Beaches" ("Lust for Life", 2017) sang sie bereits über eine Begebenheit, während der sie 13 Anläufe brauchte, um einen leeren Strand nur für sich zu finden. Im Video zu "High By The Beach" rettet sie sich in ein Strandhaus, schießt einen Paparazzi-Helikopter ab. Die Message: Das hier ist mein Rückzugsort. Nun ist ein ganzes Album ihr Rückzugsort.

Weiter im Text: Die Pose auf dem Cover symbolisiert die Frau, über die sie auf "Mariners Apartment Complex" singt: "You lose your way, just take my hand / You’re lost at sea, then I’ll command your boat to me again / Don’t look too far, right where you are, that’s where I am / I’m your man".

Im Hintergrund steht Los Angeles in Flammen. Ein Hint auf die Feuer, die 2018 in Kalifornien wüteten. Zu dem Zeitpunkt twitterte Lana sehr viel über die Katastrophe, singt auf der aktuellen Single "The Greatest": "L.A. is in flames‚ it's getting hot".

Trotz der ausgeklügelten und gleichzeitig zurückhaltenden Produktion, bleibt Lana immer die treibende Kraft zu jeder Zeit. Wenn Streicher ins Spiel kommen, begleiten diese Lanas Stimme nur – sie übernehmen nie die Führung.

Lyrisch zeigt sich Del Rey von ihrer stärksten Seite

Pop-Poetismus vom Feinsten. Auf "Love Song" zeichnet sie bedeutungsschwere Liebesszenen: "In the car, in the car, in the backseat, I'm your baby / We go fast, we go so fast, we don’t move […] I believe that you see me for who I am / So spill my clothes on the floor of your new car / Is it safe, is it safe to just be who we are?"

Auf "Fuck It I Love You" heißt es: "And if I wasn't so fucked up, I think I'd fuck you all the time". Del Rey spielt mit Worten, lässt sie fließen und so Geschichten entstehen.

Es sind die kleinen Dinge, die "Norman Fucking Rockwell!" groß machen

Das verspätet gehauchte "Arms" auf "California", das einminütige Outro auf "Cinnamon Girl", wenn der Schellenkranz auf "How to disappear" einsetzt oder die kulturellen Referenzen zum Ende von "The Greatest" (unter anderem auf Kanye West). Was Lana im Vergleich zu anderen Sängerinnen an Stimmvolumen fehlt, kreiert sie instrumental an Drama. Die Songs bauschen sich auf, warten darauf, sich zu entladen ("The Greatest") und verstummen dann ganz klangheimlich.

"Norman Fucking Rockwell!" lässt Fehler zu, wirkt manchmal wie eine lange Akustik-Session. Lana klingt nicht, als hätte sie jeden Song bis zur vermeintlichen Perfektion eingesungen. Ganz im Gegenteil. Die Imperfektionen machen das Album so besonders. "Norman Fucking Rockwell!" ist erfrischend unkommerziell, ohne dabei ein großes Publikum zu verfehlen.

Neben all dem Lob sind da noch Songs wie "Bartender" oder "The Next Best American Record", die man nicht mögen muss. "Bartender" ist wie eine Freundschaft, von der man sich nicht sicher ist, ob man sie überhaupt will. Bevor man sich überhaupt entscheiden kann, steckt man bereits viel zu tief drin – und beendet sie einfach. So passiert es auch mit "Bartender". Der Song hört einfach auf, ohne Ankündigung. Lana lässt den Hörer mit Fragezeichen im Gesicht zurück – doch der hat keine Wahl, als einfach nur zu akzeptieren.

"The Next Best American Record" wurde bereits 2017 geleakt und sollte auf dem Vorgängeralbum "Lust for Life" 2017 erscheinen. Die Verse sind, im Gegensatz zum Rest des neuen Albums, sehr sperrig. Sie wollen nicht gefallen, ecken an. Dafür gleitet der Chorus umso leichter ins Gehör – verschwindet allerdings genauso schnell wieder.

Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte Lana das Video zu ihrem Sublime-Cover "Doin' Time":

Auf "Norman Fucking Rockwell!" macht Lana Del Rey das, was sie will

Im Gegensatz zu den Alben zuvor, ist NFR nicht so drückend, selten bis niemals überkandidelt. Es ist in seiner Imperfektion perfekt. Immer wieder bricht Lanas Stimme ab, hier und da scheint sie aus den Melodien auszubrechen, singt unerwartet davon. Als würde man Verstecken spielen – doch Lana hat nichts mehr zu verstecken.

>> Lana Del Rey postet Song zu den US-Attentaten

Stattdessen liefert sie wunderschöne Melodien und Songs, die so zerbrechlich sind, dass sie vor Stärke strotzen. Lana Del Rey ist eine Poetin, eine Sängerin, eine Musikerin. Sie hat ein Album für all die Einsamen gemacht, die versuchen okay mit ihrer Einsamkeit zu sein. Für die, die sich Liebe wünschen, sie verzweifelt suchen. Das Album ist so klar und stringent produziert, dass am Ende nie wieder die Frage im Raum stehen wird, wer Lana Del Rey eigentlich ist: Lana Del Rey ist der letzte (fucking) Rockstar, den wir auf dieser Erde haben.

>> Endlich: Lana Del Rey gibt Details zum neuen Album "Norman Fucking Rockwell!" bekannt

Quelle: NOIZZ-Redaktion