Erwachsenwerden und Trennungsschmerz - von wegen the next

Sam Johnson sieht aus wie der nächste Sunnyboy mit Gitarre und höchstens drei Hits – könnte man denken. Hörst du seine Songs, wird dir klar: Genau das Gegenteil ist der Fall. Viel mit sunny ist da nicht, und seine Stimme ist alles andere als verwechselbar.

Wir haben den 24-jährigen Briten in Berlin getroffen. Ganz knapp, wie sich im Gespräch herausstellt: Am Vortag erst gekommen, reist er am nächsten Morgen schon wieder nach London. Und dann durch ganz Großbritannien. Gut, dass wir ihn noch erwischt haben.

Es ist heiß, als wir uns zum Gespräch auf die Terasse setzen. Johnson streicht sich eine Surfer-Strähne aus der Stirn und fächelt sich Luft zu. Trotz des langen Tages, den er hinter sich hat, entgleitet ihm nie das Lächeln – die viel beschworene englische Höflichkeit.

NOIZZ: Was war dein erster Kontakt mit der Musik?

Sam Johnson: Als ich ganz klein war, liebte meine Mutter es, die Beatles zu hören. Das muss mein erster Kontakt mit Musik gewesen sein. Und ich weiß noch, als ich einen Walkman bekommen habe und hinten im Auto meiner Eltern saß, habe ich immer diesen einen Song gehört: "My Sharona" von The Knack. Den habe ich richtig geliebt. Das ist die erste Musik, an die ich mich wirklich erinnern kann.

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Kannst du den Moment beschreiben, als du entschieden hast: Ich will Musiker werden?

Sam: Es gab nicht diesen einen Moment, in dem es klick gemacht hat. Musik war erst etwas, das mir Spaß gemacht hat, dann etwas, das mir richtig, richtig doll Spaß gemacht hat und irgendwann etwas, in dem ich echt gut war. Und zum Glück habe ich in meiner Familie ein paar Leute, die mit der Musik erfolgreich geworden sind, sodass ich gesehen habe: Es kann funktionieren. Als ich mit der Schule fertig war, habe ich dann entschieden, dass ich Musiker werden will. Schon in meinen letzten vier Schuljahren bin ich zu Open Mics gegangen und meine Freunde kamen vorbei.

Man kann deine Musik als sehr bodenständig beschreiben, ohne viel Schnickschnack – im Gegensatz zum gegenwärtigen Trend: größer, lauter. Welchen Reiz hat diese Art von Musik für dich?

Sam: Das Gute an Singer-Songwriter-Musik ist, dass es immer Leute gibt, denen sie etwas bedeutet. Trends kommen und gehen. Aber Songs, die jemand aus seiner eigenen Erfahrung singt, sind immer relevant. Natürlich spiele auch ich gerne bei der Produktion herum, aber trotzdem will ich mir mit meiner Musik selber treu bleiben.

Welchen Einfluss hat deine Kindheit auf deine Songs?

Sam: Ich habe einmal den Song "Perfect Circle" geschrieben – der dreht sich darum, ein Einzelkind auf dem Land zu sein. Ich habe mich in meinem ganzen Leben immer ein bisschen einsam gefühlt, und ich glaube, das rührt genau daher. Immer wenn es in meinen Songs um Einsamkeit und Isolation geht, geht es deshalb auch um meine Kindheit.

Welche Gefühle willst du mit deiner Musik in den Hörern auslösen?

Sam: Ich will ihnen das Gefühl geben, dass ich persönlich mit ihnen spreche. In meinen Songs rede ich von meinen eigenen Erfahrungen, aber ich möchte, dass meine Hörer sie für sich selbst interpretieren. Ich möchte nicht explizit, dass meine Musik sie fröhlich oder traurig macht – sie sollen nur irgendetwas fühlen.

Wie stellst du dir deine Hörer vor? Und was glaubst du, in welchen Situationen sie dich hören?

Sam: Ich stelle mir vor, dass sie meine Musik über Kopfhörer hören und nicht durchs ganze Haus wummern lassen. Meine Songs zu hören, ist eine eher leise, persönliche Erfahrung. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass mich Teeanger hören. Eher so Leute zwischen 20 und 30. Das ist nicht mal etwas, das ich so möchte, sondern, ich glaube, dass Leute in meinem Alter sich einfach besser mit meiner Musik identifizieren können: Was ich gerade erlebe und fühle, fühlen sie wahrscheinlich auch. Eins meiner großen Themen ist das Erwachsenwerden, und damit können sich sehr viele identifizieren.

Du bringst bald deine neue EP raus: Welches Lied darauf ist dein Lieblingssong?

Sam: "Stuck Under The Surface". Es ist der traurigste Song auf der EP, und er klingt ein bisschen nach Hymne. Das ist ein besonders persönliches Lied, und es war echt schwer, es zu schreiben. In dem Song geht es um die Trennung von meiner Ex-Freundin, mit der ich sechs Jahre zusammen war und mit der ich eine Fernbeziehung hatte. Beim Schreiben musste ich sehr ehrlich sein, obwohl man von manchen Dingen ja auch nicht will, dass sie an die Öffentlichkeit kommen. Den Song hat sie natürlich noch nicht gehört, weil wir seit der Trennung nicht mehr gesprochen haben.

In "Medicine For My Brain" singst du davon, dass dir die Meinung der großen Plattenlabels egal sei – ausgerechnet wegen diesem Song hast du aber einen Plattenvertrag bekommen. Hat er jetzt überhaupt noch eine Bedeutung?

Sam: Ja, das war eine Riesenüberraschung für mich. Aber natürlich hat er noch Bedeutung, gerade weil ich damit einen Vertrag bekommen habe: Dass es sich offensichtlich lohnt, sich selbst treu zu bleiben.

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Unterstützen dich all deine Freunde und deine Familie mit der Musik?

Sam: Ja, habe ein Riesenglück mit ihnen. Meine Freunde machen natürlich ständig Witze drüber, dass ich Musiker bin und jetzt einen Plattenvertrag habe, aber sie und meine Eltern unterstützen mich sehr. Aber manchmal vermisse ich die alten Zeiten und mein zu Hause auch.

Hast du Angst, der nächste gesichtslose Gitarren-Typ zu werden?

Sam: Es gibt echt ganz schön viele von diesen Typen. Aber diese Art von Musik ist nur ein kleiner Teil von dem, was ich mache, ich arbeite auch gern mit Beats und mache beispielsweise auch rockige Songs. Deshalb glaube ich, dass ich nicht Gefahr laufe, in der Masse unterzugehen.

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Quelle: Noizz.de