Wir haben mit dem Watergate-Besitzer gesprochen.

Ich gebe es zu, ein angewidertes Stirnrunzeln war auch mein erster Impuls, als ich die News gelesen habe: Amazon Prime stellt Berliner Techno-Serie vor. Und dann auch noch dieser schrecklich uncoole Promo-Shot der geplanten Hauptdarsteller Karoline Herfurth und Jannis Niewöhler mit dem Fernsehturm im Hintergrund. Voll berlinmäßig und so.

Die hochkarätige deutsche Besetzung in allen Ehren, aber die Handlung klingt tatsächlich haarsträubend: Ein drogensüchtiger, sexvernarrter junger Club-Promoter hilft der Polizei bei der Ermittlung eines Organhandelskandals in der Clubszene durch russische und arabische Clans. Spielen soll das ganze wohl im Berghain – wegen der unnachgiebigen No-Photo-Policy wurde im KitKat, im Kraftwerk und im Watergate gedreht.

Ist damit also der endgültige Ausverkauf der Techno-Szene besiegelt? Watergate-Besitzer Steffen Hack sieht's entspannt. "Die Szene verändert sich eben und ist im Vergleich zu früher viel härter geworden. Man muss halt sehen, wo man bleibt", sagt er uns am Telefon.

Erst vor Kurzem hatte das Watergate eine Mietverdopplung hinnehmen müssen. Der Club, der zwischen Friedrichshain und Kreuzberg am Spreeufer liegt, wechselte den Besitzer. Der will jetzt Profit aus dem Gebäude in Top-Lage schlagen.

"Wir leben im Kapitalismus, der Sell-out in Berlin macht auch vor uns nicht Halt. Auch wir werden gefickt", sagt Hack schlicht. Als Club sei man mittlerweile eben auch auf andere Einnahmequellen angewiesen. Beinah täglich kämen Anfragen von Menschen, die ein Stück vom Hype-Kuchen abhaben wollen. Angst vor einem Imageschaden des Clubs habe er nicht.

"Es ist eben der Lauf der Dinge. Wenn man mit etwas Erfolg hat, wird es populär. Und wenn es schließlich mehr Menschen feiern, fühlt sich die ursprüngliche Crowd in ihren Idealen verraten. Aber Idealismus ist teuer. Da wo wir sind, sind wir nicht, weil wir konsequent waren", sagt Hack. Er ist sich sicher: Ohne die Touristen und den internationalen Hype um Berlin könnte das hiesige Nachtleben so, wie es ist nicht existieren.

Zu dieser Erkenntnis kam Autor und Journalist Tobias Rapp übrigens bereits 2009. Mit seinem Buch "Lost and Sound: Berlin Techno und der Easyjetset" untersuchte er die Szene unter der These: Techno ist tot – zumindest offiziell.

Er stellte heraus, dass der sogenannte Easyjetset – also die Feierwütigen, die mit dem Billigflieger für ein Wochenende aus dem europäischen Ausland in die Berliner Clubs jetten – zentraler und vitaler Bestandteil der Berliner Clubszene sei. Das Touri-Bashing kann man sich also echt langsam mal sparen.

Interessant ist, dass das Buch um dieselbe Zeit erschien wie der Spielfilm "Berlin Calling" über den Berliner DJ und Produzenten Paul Kalkbrenner. Während Rapps Analyse eher szeneinterne Fachlektüre blieb, löste der Spielfilm einen regelrechten Techno-Hype aus und eröffnete vielen überhaupt erst den Weg in diese Subkultur. Mir übrigens auch.

Paul Kalkbrenner prägte lange das, was sich der „Mainstream“ unter Techno vorstellte. Ohne den Film hätten viele wahrscheinlich nicht mal gewusst, dass Techno nach 1999 noch weiterexistierte. Und war das schlimm?

Bernhard Amelung sieht darin eine ganz natürliche Entwicklung innerhalb der Musikkultur. Er beobachtet und kommentiert die Szene seit Jahren – unter anderem auf seinem Blog emotional content. „Diese Wogeneffekte gab es schon immer. Die Reibungen zwischen Under- und Overground. Mayday vs. Loveparade", analysiert Amelung. Für ihn ist klar: Im Kraftfeld dieser Pole kann eine Szene wachsen, mit Clubs, Labels, Agenturen und allem was dazu gehört.

Amelung kritisiert den romantisierten Blick vieler darauf, was Techno und Clubkultur heute sein sollen. „Die Nische braucht das Kapital, damit Kultur in diesen Räumen überhaupt stattfinden kann“, sagt der Journalist. „Es ist naiv zu denken, dass eine Szene nach knapp 40 Jahre immer noch eine Grassroots-Bewegung ist wie Mitte der 80er. So ist es nicht mehr.“

Das Watergate sei in seinen Augen immer schon den Kompromiss mit dem Mainstream eingegangen, um die Subkultur zu finanzieren. Am einen Abend den Laden mit Oliver Koletzki voll machen, um in einer anderen Nacht Undergroundgrößen wie Kerri Chandler oder Carl Craig zu buchen. Wobei die Grenzen zwischen Sub und Main da natürlich auch fließend sind. Wenn das Watergate nun seine Räumlichkeiten für eine Serienproduktion hergäben, fließe das Kapital indirekt ja auch zurück in die Szene.

Die kommerzielle Verbreitung der Techno-Szene durch eine Serie wie "Beat" findet Amelung grundsätzlich nicht problematisch. Entscheidend sei die Art, wie die Szene dargestellt werde. Wenn man in "Beat" nur ein ausschließlich weißes, heterosexuelles Mittelstandsmilieu im Club zeigen würde, würde man den Wurzeln der Szene in der queeren schwarzen Subkultur nicht gerecht. Man denke an John Travolta in "Saturday Night Fever", der dafür sorgte, dass eine ursprünglich schwarze und lateinamerikanische Szenemusik der queeren Community als kitschiges Zerrbild im Mainstream ankam.

Als zwei Jahre später der bürgerliche Backlash kam (die "Disco-Demolition-Night" 1979 forderte unter dem homophoben Slogan "Disco Sucks" dazu auf die eigenen Discoplatten zu zerstören) war Disco vorbei – zumindest im Mainstream. Im Underground lebte Disco aber weiter und kam einige Jahre später als House wieder an die Oberfläche – Wogeneffekte eben.

Der viel gefürchtete Ausverkauf scheint somit ein Mythos und fordert indirekt vielleicht sogar einen Erneuerungszwang in einer Szene, die es sich in ihrer globalen Vormachtstellung allzu gemütlich gemacht hat.

Quelle: Noizz.de