Ihr neues Album erinnert uns nämlich daran, wie eine coole Welt aussehen könnte, in der wir wirklich keinen Fuck auf Gender und Co. geben. Und machen ganz nebenbei auch ziemlich gute Laune. Wir haben Sophie und Nastasja aus der Band getroffen, um mit ihnen über Clementinen, die Kraft von kolaborativer Musik und Gleichberechtigung zu sprechen.

"I know in the end we're one creation. Where do you pick your rights to judge? Cause it's about what someone does. (...) Let me count all the times I have tried to fake. All my thoughts, my concerns for someone else's sake. So I tell you I am done, I'm so sick of it all." Nein, das ist kein feministisches Manifest oder ein Ausschnitt aus Cynthia Nixons Viralclip "Be A Lady They Said", sondern Zeilen aus den Song "The Bad, The Good, The Ugly" von My Ugly Clementine.

Der Sound von My Ugly Clementine klingt wie der einer edgy Slackerband, mit schön viel Gitarren. Dessen Heimat vermutet man wohl eher in den USA, vielleicht irgendwo bei Seattle oder in Portland, wenn nicht in den Staaten, dann doch Australien, Neuseeland – bestimmt aber nicht in Wien. Aber genau daher kommen Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs, Kathrin Kolleritsch und Nastasja Ronck. Und was noch viel mehr fasziniert angesichts dieser Tatsache ist, das alle vier aus total unterschiedlichen musikalischen Ecken kommen.

Sophie kennen viele als Teil des Electro-Pop-Duo Leyya, Mira ist Sängerin der Avantgarde-Pop-Band 5K HD und macht unter dem Namen Schmieds Puls jazzigen bis folkigen Pop. Kathrin hingegen hat in ihrer österreichischen Heimat mit ihrem queer-feministischen Rap-Soloprojekt KEROSIN95 für Furore gesorgt, Nastasja macht Neo-Soul in der vierköpfigen Band LUCID KID. Alle also keine Neulinge – und haben sich nun für ein ganz neues Projekt zusammengefunden.

"Es war sehr spannend", sagt Sophie als wir sie zusammen mit Bandkollegin Nastasja Mitte Februar in Berlin treffen. "Vor allem, weil wir alle vier einen sehr großen Anspruch haben, alles perfekt zu machen. Wir haben extrem viel geprobt und darüber gesprochen", erklärt sie die Startphase der vier sehr individuellen Musikerinnen. Ihr Hintergrund hatte aber auch Vorteile, wie sie weiter sagt: "Dadurch, dass wir alle so viele andere Projekte nebenbei haben und das auch schon so lange machen und auch professionell darin sind, war das echt ein Riesenvorteil: Wir waren sehr fokussiert."

"Es geht um die Musik, nicht um unser Geschlecht."

Damit das Vorhaben funktioniert, mussten alle vier neue Wege gehen und sich ausprobieren. "Da hat man dann auch mal Lust neue, andere Dinge auszuprobieren. In der Formation und auch an den Instrumenten waren wir neu", erzählt Nastasja. Das führte dann am Ende dazu, dass alle vier singen, wann immer ein Song am besten zu ihnen passt. Eine Frontfrau gibt es nicht. Das hat etwas mit ihrer Bandphilosophie zu tun, ist aber auch Teil ihrer Identität.

"Es geht um die Musik, nicht um unser Geschlecht", war der erste Satz, den Sophie im Gespräch fallen ließ. Diese Grundhaltung zieht sich wie ein roter Faden durch alles, was My Ugly Clementine tun – und das ist auch verdammt gut so. "Wir sind zu viert, alle spielen ein Instrument und singen. Es gibt keine Person, die das dominiert", findet Nastasja. Das führe auch zu einer ganz speziellen Dynamik auf der Bühne, wenn sie live spielen: "Wir wollen das Publikum dann in unseren Kreis holen. Wenn wir dann auf der Bühne im Halbkreis stehen, kommunizieren wir mehr miteinander. Wir wollen Spaß haben, wollen das Publikum, die Energie spüren lassen."

My Ugly Clementine

Für Sophie wäre es ohnehin viel zu schade, wenn nur eine singen würde: "Das Tolle ist ja auch, dass wir einfach vier wirklich sehr charakteristische und unterschiedliche Stimmen haben. Jeder Song hat dadurch auch einen neuen Charakter. Wieso sollte man sich da limitieren?" Mit dem Projekt hat sich Sophie einen lang gehegten Traum erfüllt, bei dem es in erste Linie natürlich um den Spaß an der Musik selbst geht. Dass sie dafür auch noch drei andere tolle Frauen begeistern konnte, war eher Zufall und hat nichts mit einer Girl-Power-Mission zu tun, wenngleich Geschlechterkonflikte in ihren Songs natürlich auch eine Rolle spielen – weil es eben ihr scheiß Alltag ist.

"Ich schreibe Texte über Dinge, die mich beschäftigen, die mir begegnen und die ich dann verarbeiten will. Natürlich ist das dann auch ein Thema. Deswegen muss ich darüber schreiben, weil es mir wichtig ist. Das heißt aber nicht, dass sich die Band nur darüber definiert", stellt sie klar. Gleichzeitig wollen sie mit den Songs aber auch anderen Mut machen und zum Nachdenken anregen: "Aber eher indem wir sagen: 'Hey, es geht nicht um dein Geschlecht, sondern viel mehr, wie wir miteinander umgehen.'" Für Nastasja liegt das Problem vor allem darin, dass viele Frauen in der Gesellschaft immer noch – oft auch unbewusst – als das schwache Geschlecht dargestellt werden: "Es ist eben oft auch unterschwellig verniedlichend – und das ist das eigentliche Problem. Darauf wollen wir auch aufmerksam machen."

Vitamin- statt Girlpower

My Ugly Clementine

Ihr erstes gemeinsames Album als neugefunden Band trägt den spritzigen Namen "Vitamin C" . Das ist natürlich eine Spielerei mit ihrem Namen – immerhin haben Clementinen ziemlich viel Vitamin C und spiegelt aber auch wieder, wie vielseitig und frisch ihre Songs sind. In Songs wie "Playground" durchleuchtet die Band etwa, wie es im Moment so mit unserer Gesellschaft in Sachen Gleichberechtigung ausschaut: "Just because I have smaller hands, doesn't mean I can't do all the things my male friends do", singen sie da. Im melancholisch angehauchten Closer "Peptalk" geht es dann aber auch um komplizierte Beziehungen und gibt einem gleichzeitig Kraft und Mut, neu anzufangen.

Der Song fängt auch die gesamte Band ein, denn jede von ihnen singt dort eine Strophe. Ein Song der Kraft hat und im streng-gestricktem Spotify-Zeitalter, eigentlich gar nicht funktionieren dürfte, aber gerade durch seine Andersartigkeit besticht. Es ist auch dieser leichte, befreite Zugang zu diesem Thema und die Mischung, die My Ugly Clementines Debüt erfrischend anders machen.

Viele ihrer Stücke auf "Vitamin C" drehen sich um Emanzipation – egal in welcher Form. Für Nastasja eine ganz logische Konsequenz. "Man kann sich von so vielen Dingen emanzipieren, das ist eine Lebensaufgabe", so die Musikerin. In den Zwanzigern und Anfang der Dreißiger wolle man sich selbst finden, selbstbestimmt leben und auch zwischenmenschlich den richtigen Weg finden. "Wir wollen ja eigentlich alle das Bester für uns und für andere. Das funktioniert aber nur, wenn man sich selbst liebt. Aber es ist auch eine Emanzipation von Konstrukten in der Gesellschaft – das ist für jede Person unterschiedlich“, betont sie weiter.

Perfekt locker

Obwohl ihr Bandname natürlich viele Ambivalenzen mit sich bringt und oft auch als Symbolbild für alles, was mit einer Vulva zu tun hat, herhalten muss, kam der Name eher zufällig zustande und ist auch eine kleine Reminisenz an die musikalischen Helden ihrer Jugend. "Es ist eine Spielerei aus Namen wie My Bloody Valentine und damit assoziiert man dann auch gleich irgendwie die Musikrichtung. Das war es dann eigentlich auch schon. Im Laufe der Zeit haben wir mit dem Namen natürlich schon auch noch andere Dinge mit reingebracht, was es für einen einzelnen bedeuten“, sagt Sophie.

Dass sich die Band ausgerechnet für Gitarrenmusik begeistern konnte bei all den unterschiedlichen Genres aus denen sie kommen, lässt sich ein bisschen auch auf ihre Teenagerzeit zurückführen. "Ich wollte dieses Gefühl wieder hervorholen, wie es ist, wenn man diese Musik von früher hört. Das wollte ich bei mir selbst vor allen Dingen hervorrufen", erinnert sich Sophie. Dabei war die Devise ziemlich klar: " Ich wollte alles ganz easy mit Bass, Gitarre, Schlagzeug. Etwas zum Mitsingen, wo man sich ausdrücken kann, im Tanz und so weiter." Und so haben My Ugly Clementine dann eben doch einen gemeinsamen Sound gefunden.

Die vier mögen es mit Vorstellungen und Kontexten zu spielen, sie zu durchbrechen und damit etwas Neues zu schaffen. Und passen deswegen vielleicht besser in den Zeitgeist, als es so manchen konservativen Homies da draußen Recht ist – davon gibt es schließlich auch, ob man es glaubt oder nicht, in der ach so toleranten Gittarenrockwelt, viele.

"Ich frage mich immer, warum dieser Begriff 'all female band‘ überhaupt benutzt wird? Eigentlich sind wir doch nur vier Leute, die Musik machen. Das Gleiche wäre bei Männern der Fall. Nicht mehr und nicht weniger", bringt es Sophie auf den Punkt. Hach ja, wenn es doch so einfach in unserer Gesellschaft wäre. Vielleicht sollten einfach mehr Leute dem Debüt von My Ugly Clementine lauschen. Genug "Vitamin C" haben sie für uns alle.

Hier kannst du "Vitamin C" von My Ugly Clementine hören:

Eigentlich wollten My Ugly Clementine im April auch bei uns live vorbeischauen. Daraus wird jetzt natürlich erst mal nichts. Wann die Themen nachgeholt werden, steht noch nicht fest. Wir halten euch auf dem Laufenden!

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Quelle: Noizz.de