Wir haben den wundersamen Newcomer aus Toronto vor seinem Konzert in der Kantine Berghain getroffen.

"Musik ist eine universelle Sprache. Mehr braucht man eigentlich auch gar nicht", sagt mir Seth Nyquist, während wir etwas verfroren an diesem kalten Oktobertag vor der Kantine des Berghains hocken. Im Hintergrund spielt irgendjemand ein krasses Techno-Set ab, wir selbst sitzen draußen, hören die Spatzen und den Straßenlärm. Berlin eben.

"Wenn ich in Europa unterwegs bin, ist es irgendwie ganz anders als zuhause in Toronto", sagt er. Für ihn sei Toronto ein Melting-Pot an Kulturen, die aber alle noch für sich existieren, eine Stadt, die sich erst noch finden müsse. "Wenn ich in London bin, fühlt sich das irgendwie anders an. Da ist es ganz selbstverständlich, dass sich all die verschiedenen Einflüsse im Alltag integrieren."

Seth kommt ein bisschen schüchtern rüber. Ganz ruhig und ein wenig in sich gekehrt, wenn ich mit ihm über seine Musik reden will. Ganz anders als viele Künstler, die ähnlich experimentelle und dennoch erfolgreiche Musik machen. Denn Seth macht unter dem Künstlernamen MorMor Songs, die eine Mischung aus Singer-Songwriter gepaart mit avantgardistisch-experimentellen Klangwelten darstellen. Irgendwo zwischen Indie-Pop und Neo-Soul.

Eine Mischung, die sofort in ihren Bann zieht. Sein Song "Heaven's Only Wishful" etwa beginnt mit einem irritierenden Schrei, ehe er seinen Zuhörer dann tief hineinzieht in einen entspannten Groove, den man in Dauerschleife laufen lassen könnte. Vielleicht hat der Song deswegen bereits fast fünf Millionen Aufrufe auf Spotify und nochmal genauso viele das dazugehörige Video auf YouTube.

"Ich hab gar nicht bemerkt, dass der Song so abgeht", sagt mir Seth und grinst dabei in sich hinein. Als ich erwidere, dass ich das nicht ganz glauben kann, sagt er nur, dass Freunde ihn auf einmal zugetextet hätten, dass er sich doch mal die Views auf YouTube anschauen sollte. "Ich achte echt nicht auf Zahlen, das ist mir einfach nicht wichtig. Ich mache Musik um der Musik willen, nicht um irgendwas damit zu beweisen. Ständig zu checken, wie gut dein Song gerade im Vergleich zu anderen abschneidet, kann auch schnell zu einer Sucht werden. Du checkst ständig und kannst nie genug davon kriegen. Das will ich einfach nicht."

Überhaupt, so scheint es ein bisschen, ist der 27-Jährige wie eine entschleunigte Version Mensch inmitten einer verdammt schnelllebigen Zeit. "Ich plane nie irgendwas wirklich, ich mache es einfach." Dadurch bekäme seine Musik auch etwas sehr Intuitives, er habe kein echtes Rezept. "Manchmal ist es ein Vogel, der mich inspiriert, manchmal ist es irgendein anderes Geräusch auf der Straße. Musik kann alles einfangen, das ist das Schöne."

Er hätte sich auch nie etwas anderes vorstellen können, als Musik zu machen. Zwar habe nie jemand in seiner Familie vorher künstlerische Ambitionen gehabt, aber er sei immer darin bestärkt wurden, das zu tun, was er für richtig hält: "Diesen Rückhalt zu spüren, ist so unglaublich wichtig", sagt er jetzt.

Dass er mehr sein will, als einfach nur ein anderer Musiker aus Toronto, seiner kanadischen Heimatstadt, in der er groß geworden ist, spiegelt sich auch in seinem Künstlernamen. "Es klingt ein bisschen wie 'more, more'. Ich mag diesen Gedanken, dass man noch etwas mehr will von allem", erklärt er mir. Gleichzeitig ist der Name aber auch eine Hommage an seine verstorbene Großmutter, die er "MorMor" nannte.

"Sie war mir wirklich sehr wichtig", erzählt er. Als Adoptivkind habe sie ihm in der Familie einen kulturellen Hintergrund gegeben und ihm ständig neue Perspektiven gezeigt. "Vielleicht bin ich deswegen so neugierig und will mich nicht festlegen." Ähnlich hält er es auch mit seinen musikalischen Vorlieben.

Wenn man ihn nach musikalischen Vorbildern fragt, bekommt man keine genaue Antwort. Er höre sich zwar sehr gerne Björk, James Blake und Joy Division an, aber richtig beeinflusst fühle er sich davon nicht. Wenn er etwas hört, was ihm gefällt, dann ist das eben so. Das sei alles sehr intuitiv bei ihm. "Wenn ich selber Musik mache, gehe ich da ziemlich frei dran. Meistens ist ein Sound zuerst da, dann komponiere ich und erst dann kommt der Text. Meistens zumindest."

Seths Lyrics hingegen tendieren dazu, sehr nachdenklich zu sein. Ein bisschen so, als entfliehe er der Wirklichkeit. "Manchmal denke ich viel zu viel über die Dinge nach. Ich drehe es immer wieder um, manchmal ist es zu viel des Guten." Vielleicht ist das auch der Grund, wieso man sich nach einer Session mit MorMors Songs ein bisschen fühlt, als käme man gerade frisch aus einer befreienden Therapiesitzung. Ruhig, geerdet, aber auch sehr nachdenklich.

Auf dem Rückweg höre ich mir auf der S-Bahn-Fahrt noch einmal MorMors EP "Some Place Else" an. Als ich fertig bin, ist es, als sehe ich die Welt mit etwas anderen Augen. Offener, für die kleinen Dinge und die feinen Nuancen dazwischen.

Wer Musik von Künstlern wie James Blake, Charlotte Day Wilson, Shamir oder eben Björk mag, wird sich in MorMor sofort verlieben. Denn er bringt all diese Welten zusammen. Auf seine ganz eigene, virtuose Weise.

Hier kannst du in seine aktuelle EP "Some Place Else" reinhören:

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Quelle: Noizz.de