Immer perfekt, immer unter Druck: In Südkorea sind junge Erwachsene bereit, einen hohen Preis zu zahlen für ihren Ruhm und ihre persönliche Freiheit.

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt für einen K-Pop-Star. Eigentlich so ziemlich das Ungewöhnlichste, was man überhaupt machen kann. Joohoney, Mitglied der K-Pop-Band Monsta X, zieht sich vorläufig aus der Band zurück, um eine Pause zu machen. Der Grund, den er dafür ganz offen gegenüber den Fans angibt, ist allerdings ein Tabubruch für viele Südkoreaner: Der 25-Jährige sagt, er will sich Zeit für seine Mental Health nehmen.

Junge Südkoreaner reden nur selten über ihre Gefühle, schon gar nicht über ihre Probleme. Eigentlich kapseln sie sich eher ab. Das ist für uns als Westeuropäer ziemlich unvorstellbar, aber für viele junge Südkoreaner ihr Leben lang so. Umso mehr verwundert das ausführliche Statement, das Monsta X auf ihrem Twitter-Account posten.

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Dort heißt es, Joohoney habe wiederholt unter Angstzuständen gelitten. Nach einer ausführlichen Beratung mit seinen Bandkollegen und seinen Ärzten, habe er sich entschlossen, so lange eine Pause zu machen, bis es ihm besser geht. Die offene Art mit der der Musiker seinen Ausstieg begründet, dürfte ihm schwer gefallen sein.

Denn in einem Business, das von Perfektionismus lebt, sind Makel schwer zu vermarkten. Hinzu kommt, dass in der südkoreanischen Gesellschaft jedes Scheitern einer persönlichen Niederlage gleichkommt. Eine Scham, mit der viele nicht umgehen können. In jüngster Vergangenheit häufen sich die Todesfälle in der K-Pop-Szene: Sängerin Sulli, die sich prominent für feministische Themen einsetze, Ex-Kara-Mitglied Goo Ha-Ra sowie Schauspieler Cha In-Ha nahmen sich vermutlich selbst das Leben. Es waren drei prominente Todesfälle innerhalb kurzer Zeit, alle litten an psychischen Problemen.

Höchstwahrscheinlich hat Joohoney von Monsta X nun die Reißleine gezogen, bevor es gar nicht mehr gegangen wäre. Man sollte ihm gratulieren. Denn der Druck in dem Business ist enorm, Stillstand und Pausen sind selten. Im August 2019 etwa kündigte die Erfolgsband BTS eine Pause an, um wieder zu Ruhe zu kommen, nachdem sie mehr als ein Jahr lang nonstop auf Welttournee waren, zwischendurch Videos, neue Songs aufgenommen haben und jede Menge Interviews geben mussten. Die Pause dauerte keine zwei Monate. Bereits im September vermeldeten die Bandmitglieder, sie würden sich wieder an die Arbeit machen.

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Wer soll so zur Ruhe kommen?

Um zu verstehen, unter welchen Druck viele K-Pop-Stars stehen, auch wenn sie auf der Bühne und auf Social Media immer strahlend-gut gelaunt aussehen, muss man erst einmal verstehen, wie man zum K-Pop-Star wird. Die meisten Bands oder Solokünstler wurden in einer Art Akademie ausgebildet. Dafür mussten sie erstmal eine Art Aufnahmeprüfung bestehen, jedes Jahr bewerben sich Tausende für einen Platz an diesen Ausbildungsstätten, die von den Labels selbst betrieben werden. Die derzeit erfolgreichsten und größten sind Big Hit, zu denen auch BTS gehören, JYP und SM Entertainment, deren Gruppen auch in China sehr beliebt sind.

Aber die Ausbildung alleine ist keine Erfolgsgarantie. Nur die Besten, werden zu einer Gruppe zusammengecastet. Wenn die Karriere dann startet, zahlt man mit seinen Einnahmen Schritt für Schritt die ungefähr ein bis zwei Millionen Dollar schwere Ausbildung an die Labels zurück, so Isabelle Opitz, Chefredaktorin vom K-Pop-Magazin "K*bank" in einem Feature von "Deutschlandfunk Kultur". Eine riesige finanzielle Last, die man mit Perfektion erfüllen und abarbeiten muss.

Einen Einblick, wie hart die Ausbildung ist, gibt diese Video-Reportage:

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Es gibt hunderte aktive K-Pop-Bands, die alle ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen. Mit jedem Jahrgang, der die Akademie beendet rücken neue nach. Um aus der Masse herauszustechen und einen Hit zu landen, muss man sich also schon etwas einfallen lassen – und vor allem auch der Erwartungshaltung der Fans entsprechen.

Das Problem der K-Pop-Szene ist eins der südkoreanischen Gesellschaft

Für uns sind die überaus loyalen Fans mit ihren Choreografien und Leuchtstäben vor den K-Pop-Konzerten ein Kuriosum, über das wir ein wenig lächeln. Aber auch das ist eigentlich ein Ausdruck koreanischer Kultur, die von einem sehr starken Hierarchiegefälle geprägt ist – man hat das zu erfüllen, was von oben kommt, ohne wenn und aber. Dementsprechend erwarten auch die Fans von ihren Lieblingen, dass sie das erfüllen, was sie von ihnen verlangen: Gute Vorbilder sein, abliefern und neue Songs machen, die ihre Fans lieben.

Da nimmt die ein oder andere Band auch schon fast Stalker-ähnliche Zustände in Kauf. Fans, die ihren Stars wochenlang im Taxi folgen, im gleichen Hotel übernachten – nicht unbedingt selten, aber nicht minder Angsteinflößend für die Bands, die damit jeden Tag klar kommen müssen. Darüber reden, tun die wenigsten. Damit wären wir bei einem weiteren Problem angekommen: dem Schweigen.

BTS-Fans vor einem Konzert in Berlin

Südkorea hat die vierthöchste Suizidrate laut WHO. Jeden Tag nehmen sich schätzungsweise 50 Menschen ihr Leben, doppelt so viele wie in Deutschland. Die Folge einer Gesellschaft, die von einem starken Leistungsdruck geprägt ist, der bereits im Kindergartenalter anfängt. Alleine im Jahr 2018 befanden sich laut südkoreanischen Gesundheitswesen rund 40.000 Jugendliche wegen einer Depression in Behandlung – die Dunkelziffer ist wohl weitaus höher.

Ein typischer Schulalltag an einer südkoreanischen Oberschule, an der sich die meisten Jungen und Mädchen bereits irgendwie spezialiseren, um möglichst perfekt für ihre Karriere aufgestellt zu sein, sieht so aus: Du gehst um acht Uhr morgens zur Schule – und bleibst da einfach bis zehn Uhr, manchmal elf Uhr abends. Dazwischen hast du kurze Pausen, in denen du dich mit deinen Freunden austauschen kannst und etwas essen kannst. Wenn der Unterricht vorbei ist lernst du eben.

Wer sich fragt, wie da K-Pop überhaupt populär werden kann: Viele Schüler hören in den Lernzeiten in der Schule mit Kopfhörern ihre Lieblingsmusik während sie Mathe, Bio und Co. büffeln. Südkoreanische Schüler haben wenig Freizeit, außer am Wochenende, gehören Jugendliche und schulpflichtige Kinder tagsüber zu einer Seltenheit auf südkoreanischen Straßen. Schlafmangel und Schlafstörungen sind Volkskrankheiten.

Da ist die Illusion K-Pop-Star zu werden schon überaus verlockend

Wer einen guten Job haben will, muss also viel leisten. Wer nicht mithalten kann, fällt einfach unten durch. Der südkoreanische Staat kennt kein Sozialsystem, das irgendwie auffängt. Auch das erhöht den Druck, abzuliefern. Egal, was du machst. Sollte jemand doch einmal scheitern, ist die Scham sehr groß. Statt sich Hilfe zu suchen, verschanzt man sich im Inneren.

Dass das so ist, ist kulturell tief verankert. Ab etwa 600 nach unserer Zeitrechnung erlangte der Konfuzianismus in Korea zunehmend ab Bedeutung. Die Philosophie prägt bis heute die südkoreanische Gesellschaft wesentlich. Der Konfuzianismus zielt auf eine Harmonie zwischen Mensch und Natur ab, dazu gehört es dementsprechend sich demütig gegenüber der Natur zu verhalten. Und auch, möglichst wenig Emotionen zu zeigen.

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Auch das Genre K-Pop versucht diese gesellschaftliche Ordnung Aufrecht zu erhalten. Der Wunsch makellos sein zu wollen, spiegelt sich überall: Interviews sind selten persönlich, es gibt nur inszenierte Bilder und Auftritte. Wenn dann doch mal ein Skandal ans Tageslicht kommt, schlägt er umso krassere Wellen. So wie etwa im Falle von Goo Ha-Ra. Bevor sie starb, wurde sie mit einem Sex-Video von einem Ex-Freund erpresst. Dazu kamen Differenzen mit ihrem Management und Fans, die sie aufgrund des Sex-Videos cybermobbten.

Das Business kann also ziemlich unerbittlich sein

Fehler verzeiht keiner. Wer sich öffentlich zu seinen Schwächen bekennt trifft damit nicht, wie wir denken würden, auf Mitgefühl, sondern wird kritisiert. Was eben nicht in das gängige Bild der traditionellen, koreanischen Gesellschaftsordnung passt, wird angefeindet. Das zeigt sich besonders gut am Beispiel des offen als schwul lebenden und agierenden Sänger Holland. Außerhalb seiner südkoreanischen Heimat kommen seine Songs, in denen er oft auch über gleichgeschlechtliche Liebe und Beziehungen singt, ziemlich gut an.

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In Südkorea aber haben seine Videos ein +19-Rating, das heißt, Jugendliche dürfen seine Videos, in denen zwei Männer sich küssen, nicht sehen. In den etablierten Medien Südkoreas wird er nur selten thematisiert. Getreu dem Motto: Solange man nicht darüber redet, gibt es das auch nicht.

Auch die überhöhten Schönheitsideale innerhalb der südkoreanischen Gesellschaft – egal ob bei Mann oder Frau – tragen zu einem höheren Leistungsdruck bei. Obwohl Südkorea zu einer der stärksten Wirtschaften im asiatischen Raum gehört, gibt es nur wenige wirklich gut bezahlte Jobs. Um die zu kriegen, muss man überall besonders gut sein. Bildung allein reicht da schon lange nicht mehr, auch ein perfektes Aussehen gehört dazu.

Viele Studienanfänger lassen sich operieren, um ihre Karrierechancen zu erhöhen, manchmal bezahlen sogar die Eltern die OP. Das ist kein Phänomen der reichen Oberschicht, sondern zieht sich bis hin zur besser situierten Arbeiterschicht. Eine Lidfalten-OP ist in Südkorea so normal wie bei uns ein Kajalstrich. Einige K-Popbands bewerben die OPs sogar und machen den Trend noch populärer.

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Gibt es Hoffnung?

Immer mehr angehende K-Pop-Stars wollen diese Umstände nicht mehr einfach so hinnehmen. Sie wollen sich selbst produzieren, eigene Texte schreiben. Das Internet gibt ihnen dazu die Möglichkeit. Aber es ist ein harter Weg. Solange die Macht noch immer bei den großen Labels liegt und auch der internationale Siegeszug des K-Pops sich fortsetzt, wird es für solche Künstler extrem schwierig sein, sich durchzusetzen,

Dass ein populärer Name wie Joohoney sich nun öffentlich dazu entscheidet für seine Mental Health eine Auszeit zu nehmen, ist schon mal ein Zeichen in die richtige Richtung. Dass die Entscheidung von seinem Label mitgetragen wird, hat umso größere Signalwirkung an andere.

Hier bekommst du umgehend Hilfe, wenn du selbst betroffen bist

NOIZZ berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um keinen Anreiz für Nachahmung zu geben – außer, Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit.

>> K-Pop und der Ruhm: Suizide zeigen Schattenseiten der Branche

Wenn du selbst depressiv bist, Suizid-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de).

Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

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  • Quelle:
  • Noizz.de