Ein Selbstversuch nach meinem Geschmack.

Ich sitze im Bus nach Friedrichshain, in meiner Hand eine Flasche Sprite. Darin die leckerste Weinschorle-Mischung meines Lebens. Ich öffne die Flasche, und ein penetranter Weingeruch füllt die Sitzgruppe, ich nehme einen großen Schluck. Nur wenige Sekunden danach habe ich das Gefühl, mein Gesicht schmilzt ab. Kennst du das, wenn der Alkohol gefühlt sofort in dein Gesicht geht und das nicht nur knallrot, sondern auch 100 Grad heiß wird? Ja, so eben.

30 Minuten später treffe ich meine Kollegin Lisa vor der Mercedes-Benz-Arena in Berlin, sie hat zwei kleine Flaschen Pfeffi für uns in der Hand. Und ein Kokoswasser. Wir sind hier schließlich immer noch in der Hipster-Hauptstadt. Es ist der 13. Juli, und die K-Pop-Band Monsta X spielt heute im Zuge ihrer "We Are Here"-Tour vor tausenden kreischenden Monbebes, wie sich die Fans von Monsta X nennen, ... und uns.

Die Band Monsta X Foto: Sony Music Entertainment

Wir können kein Koreanisch, wir kennen keinen Songs, aber wir sind betrunken. Sehr sogar. Nachdem wir den Pfeffi geext haben, betreten wir die Halle, auf dem Weg zu unseren Plätzen fällt mir auf, wie verschwommen alles ist. Ich habe meine Brille vergessen und bin auch noch sturzbetrunken. Das kann ja was werden. Ich bin echt froh, dass ich nicht die Treppen des Unterrangs runtergefallen bin, als wir bei unserem Platz ankommen. Lisa scheint sich noch ganz gut zusammenzureißen. Sie verträgt einfach mehr als ich.

Es wird dunkel in der Halle, und auf der Bühne bewegt sich etwas. Soviel kann ich erkennen. Das Kreischen hat Madison-Square-Garden-Niveau.

Die Bühnenshow von Monsta X Foto: Noizz.de

Die Musik setzt ein und ist – überraschend geil!? In meinem Delirium lasse ich mich in die Popmusik mit nicem Bass komplett reinfallen. Dass die Texte auf Koreanisch sind, bis auf ein, zwei englische Wörter, ist mir vollkommen egal. Ich reihe mich einfach in die kreischenden Girls und Boys um mich herum ein.

Die Blicke von Lisa und mir treffen sich – wieso macht das gerade so Spaß? Mit jedem Schluck Bier werde ich selbst mehr zum Monbebe. Nicht nur musikalisch bin ich überraschend schnell am Start, visuell ist die Produktion auch einfach fire. Man sieht direkt, wie viele Millionen in dieser Show – und den möglichen Schönheits-OPs der Boys – stecken.

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Beim Monsta-X-Konzert war Bier ein Spaßgarant Foto: Noizz.de

Spätestens als die sieben Südkoreaner Shownu, Wonho, Minhyuk, Kihyun, Hyungwon, Joohoney und I.M. ihren Song "Party Time" performen, lebe ich mein bestes Leben. Alles ist bunt, laut und tanzbar. Letztes Jahr haben wir uns das Phänomen noch von außen betrachtet, heute sind wir mittendrin. Ich habe sogar mehr Spaß als damals, als ich mir 2013 ein unverschämt teures Ticket für One Direction gekauft habe, die in der selben Arena aufgetreten sind. Damals hatte ich aber – zur Verteidigung von 1D – auch kein Blut mit 50 Prozent Pfeffi-Weinschorle-Körperchen.

Nach der Hälfte des Konzertes ebbt die erste Euphorie ab und weicht einem Fragezeichen in meinem Kopf. Die Mitglieder von Monsta X können anscheinend nur wenig Englisch, bis auf Sätze wie "Let's go, Berlin!". Das wäre ja auch gar nicht schlimm, wenn es nicht so verdammt ungewohnt und merkwürdig wäre, wenn ein aufgeregter Dolmetscher versucht, die Wortfetzen zu übersetzten, die man über das Kreischen der Fans überhaupt noch verstehen kann. Dass er Sätze beginnt und nicht beenden kann, ist also kein Wunder.

Die Lightsticks der Band waren zahlreich vorhanden Foto: Noizz.de

Das Ganze wird dann nur von den Einspielern zwischen einzelnen Song-Blöcken getoppt, die die Band aus Südkorea im Gepäck hat. Dabei zeigen die einzelnen Mitglieder unterschiedlichste, absurde Tutorials. Von ASMR mit Chicken Wings über Amateur-Kochshows bis hin zu Sportübungen. Alles irgendwie extrem sexualisiert, wie der gesamte Abend.

Eine erfolgreiche Bottle-Cap-Challenge soll es auch gegeben haben, daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern.

Nicht nur die 10 Minuten langen Zwischen-Videos, sondern auch jede Bewegungen und jeder Tanzmove der perfekt gestylten Koreaner wirkt erotischer als erwartet. Kein Wunder, dass wir mit unseren Bieraugen, die Menschen generell attraktiver aussehen lassen, hin und weg sind und uns sogar unsere Favorites aussuchen. Erst als Monsta X dann in Schuluniform auf der Bühne steht, erwachen wir aus dem Fangirl-Traum. That escalated quickly.

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Leicht müde und mit mächtigem Druck auf der Blase verlassen wir nach gut zwei Stunden volle Monsta-X-Dröhnung die Arena und sind immer noch überraschend euphorisch über unsere Alkohol-meets-K-Pop-Erfahrung. Die Musik ist einfach verdammt gut produziert, die Bühnenshow auf Hochglanz poliert und die Bandmitglieder zurecht das Ziel vieler Groupie-Fantasien. Die Boyband-Formel funktioniert eben international … auch auf Koreanisch.

Und es gibt wohl kein besseres Mittel, um die kleine kulturelle Distanz zwischen Mitteleuropa und Asien zu überbrücken als Pfeffi, Bier und Weinschorle.

Quelle: Noizz.de