Wie die Jugend in Tiflis um ihre Freiheit kämpft.

Eigentlich wollte ich einen Artikel schreiben über die aufblühende queerfreundliche Technokultur in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Einen Text darüber, wie erfreut ich war über die großen Fortschritte, die das krisengeschüttelte Land in so kurzer Zeit gemacht hat – und das alles in einem erzkonservativen, orthodoxen Umfeld.

Im April erst hatte ich die vielfältige Metropole im Kaukasus besucht, um über die Technoszene zu recherchieren. Aber seit dem letzten Wochenende ist alles anders, die Realität hat nicht nur die Tifliser Subkultur wieder eingeholt, sondern auch mich und meine Hoffnung auf einen progressiven, queerfreundlichen Osten.

Was ist passiert?

Im größten und bekanntesten Techno-Club der Stadt, dem europaweit bekannte Bassiani, und im kleinen sympathischem Café Gallery hat die Polizei in der Nacht auf Samstag brutale Razzien durchgeführt. Der angebliche Grund dafür sind fünf Drogentote in den letzten drei Wochen, die auf eine unbekannte Substanz zurückzuführen sind. Das Bassiani selbst bestreitet den Zusammenhang zwischen den Toten und dem Club.

Ich kann dazu meinen Eindruck schildern: Im Bassiani ist mir nicht ein Dealer begegnet, auf den Toiletten wird tatsächlich gepinkelt und nicht – wie in anderen Clubs – ein stundenlanges Happening abgehalten. Die einzig sichtbare Droge bei meinem Besuch war Alkohol, in Form von Wodka und Bier.

Aber zurück zu den Ereignissen. Während der Razzien kam es zu Protesten vor dem Bassiani. Die friedlichen Spontandemonstrationen endeten in heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mit den Maschinengewehren stürmten diese den Club und zeigten – laut Bassiani-Manager Makuna Berkazaschwili – mit den Maschinengewehren auf den DJ. Anschließend wurden alle rausgeschmissen. Etwa 60 Protestanten wurden in dieser Nacht verhaftet.

Ähnliche Szenen spielten sich im Café Gallery ab. Die Polizei drang auch hier mit schweren Maschinengewehrgeschütz ein und bedrohte die Partygäste. Das Bassiani meinte in einem Statement, dass im Vorfeld rechts gewandte populistische Gruppen die Schließung des Clubs gefordert hätten.

An dieser Stelle muss ich kurz auf die Geschichte des Bassiani eingehen:

Der Club wurde 2015 eröffnet und erreichte schnell Bekanntheit durch ein hochkarätiges internationales Line-up und seine liberale Politik, die eher selten ist für diesen Teil der Welt. Im Bassiani fanden bis dahin die einzigen offiziellen Schwulenpartys mir dem Namen Horoom statt. Diese waren zwar vor allem „men only“, aber für die junge Szene der Stadt ein wichtiger Schritt in Richtung Emanzipation.

Der Club war überhaupt erst durch seine liberale, progressive queerfreundliche Haltung in den Fokus westeuropäischer Medien gelangt und hat sich dadurch ein weltoffenes Image erarbeitet. Die Tifliser Gay- und Techno-Community ist stolz auf ihren internationalen Club.

Diese Haltung führte zum Wandel in der Stadt.

Viele Touristen kamen deswegen nach Tiflis. Das machte auch anderen Club-Betreibern Mut, einen liberalen Raum zu eröffnen, der Platz für ein junges, alternatives Publikum bietet – so etwa dem Café Gallery und dem Khidi. Eine Jugend, die nach Freiheit und Selbstausdruck lechzt. Eine Jugend, die ausgelassen ohne Dogmen feiern will.

Wie ging es nach der Razzia vom Wochenende weiter?

Das georgische Innenministerium veröffentlichte am Sonntag ein Video, das den angeblichen Drogenhandel auf offener Straße und im Club-Kontext zeigt. Das Ministerium verlautete weiterhin, acht Dealer verhaftet zu haben. Worin der Zusammenhang der Verhaftungen mit dem Café Gallery und dem Bassiani besteht, wird allerdings nicht erklärt. Das riecht stark nach einem Politikum.

Das Bassiani selbst beschreibt die Situation als eine „endless smear campaign“, eine endlose Schmutzkamapagne von rechten Gruppierungen, denen die liberalen Clubs ein Dorn im Auge sind. Zwei der Mitbegründerinnen des Bassianis, Tato Getia und Zviad Gelbachiani, sind inzwischen ebenfalls verhaftet worden. Auf Facebook schreibt der Club: „Die Rechten werden immer radikaler.“

Wie ist die georgische Drogenpolitik?

Die Drogengesetze in Georgien sind drakonisch, lange Haftstrafen drohen schon bei kleinsten Drogenbagatellen. In Russland sind Technoclubs bereits verboten; als vorgeschobener Grund werden Drogenhandel und drogeninduzierte Todesfälle genannt. Bei meinem Besuch im Bassiani erzählte mir eine junge Russin, dass deshalb viele Russen nach Georgien kommen, weil es dort Technoclubs gäbe und es in Russland nicht möglich sei, so zu feiern.

Wie erging es Georgien in der Vergangenheit?

Georgien ist ein Land, das sehr stolz auf seine lange Geschichte ist: Die georgische Sprache ist im Kaukasus schon seit Jahrtausenden dokumentiert, das Alphabet einzigartig. 1991 wurde Georgien nach fast 180-jähriger russischer Herrschaft unabhängig und orientiert sich seitdem politisch nach Westen. In den Regionen Abchasien und Südossetien gab es seitdem jedoch Konflikte, die 2008 im russisch-georgischen Krieg mündeten. Georgien hat derzeit keine Kontrolle über die Regionen.

Dennoch bleibt das Land unabhängig, wenngleich erzkonservativ. Der orthodoxe Glaube hat seit dem Ende des Kommunismus wieder an Bedeutung gewonnen. Prachtkirchen werden gebaut, während Teile der lokalen Infrastruktur marode sind.

Seit 2008 hatte das Land Zeit, sich zu erholen. Die Jugend ohne Jugend wollte sich diese zurückholen. Techno fand den Weg in die Partyszene.

Wie reagiert die georgische Jugend und der Rest der Welt auf die Ereignisse?

Am Samstag fand ein großer Protest-Rave vor dem georgischen Parlament statt. Die globale Dance- und Technoszene spricht ihre Solidarität aus, Künstlerinnen wie Black Madonna oder der Amsterdamer Club „De School“ teilten bei Facebook den Slogan „We dance together, we fight together“; Selbst in Berlin fand am Sonntag vor der georgischen Botschaft im Tiergarten eine kleine Protestdemo statt.

Georgiens Subkultur muss weiterkämpfen.

Jetzt gilt es für Georgiens Jugend, nicht aufzugeben und weiterzukämpfen. Einen Kampf gegen die restaurativen, allzu rechten Kräfte. Für die Freiheit. Am Beispiel Georgien ist zu sehen, dass die Freiheit der Clubkultur ganz schnell wieder vorbei sein kann, wenn man nicht ständig für sie kämpft.

Auch hier in Deutschland sind extrem rechte Kräfte wieder sehr präsent. Clubkultur ist mehr als nur Party, sie bedeutet Freiheit. In diesem Sinne: „We dance together, we fight together!“

Quelle: Noizz.de