Mit seiner neuen Single "Pink und Blau" rechnet er mit gängigen Geschlechterklischees ab. Grund genug für uns, mehr von Mister Me zu erfahren.

Habt ihr euch auch schon mal gefragt, wer oder was eigentlich genau bestimmt, was "typisch männlich" oder "typisch weiblich" sein soll? Micha Meißner aus Einbeck in Niedersachsen hat es. Bekannter ist er unter seinem Künstlernamen "Mister Me", er war einst Rapper, und das hat ihm inzwischen den Spitznamen "der Rapper unter den Singer-Songwritern" eingebrockt.

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Wer nun aber glaubt, dass hier der nächste neue Deutschpoet mit schnulzigen Texten um die Ecke kommt, der hat die Rechnung ohne Mister Me gemacht. In seinen Songs geht es um ernste Themen, verpackt in einer schillernden Klangwelt, die klar die Handschrift von Produzenten und Klez.e-Frontmann Tobias Siebert trägt. So reflektiert Mister Me in seiner neusten Single "Pink und Blau", wie unkritisch akzeptierte soziale Normen in festgefahrene Strukturen münden können.

Der Refrain ist da mehr als eindeutig:

"Als wär'n es immer Farben, die wir bleiben / Die, die 'gleich' und 'Gleichsein' unterscheiden / Alle tragen Stempel auf der Haut / In Pink und Blau." 

Und es stimmt schon: Eigentlich sind wir doch viel weiter als nur das Eine oder das Andere zu sehen. Trotzdem erwischen wir uns viel zu häufig dabei, dass wir selber oft in diesen Schubladen denken und handeln. Genau damit möchte Mister Me aufräumen.

Wir haben Micha a.k.a. Mister Me ausgefragt: über seinen Song, seine Hip-Hop-Vergangenheit und natürlich auch über seine Musik. In nur sechs Fragen (okay, fast – wenn man die Nachfragen weglässt ...)

NOIZZ: Mister Me, dein Song trägt den Titel „Pink und Blau“. Findest du, dass sich in Geschlechterrollen vorgefertigte Klischees in der Gesellschaft am deutlichsten manifestieren?

Mister Me: Ja, aber natürlich nicht nur. Die Klischees manifestieren sich ja vor allem dadurch, dass wir sie stetig reproduzieren in der Öffentlichkeit, in unseren Begegnungen, in der Art, wie wir Kinder erziehen und bilden usw. Unsere Gesellschaft gibt das strukturell vor, wer wie zu sein hat, wer zu den Gewinnern gehört und wer nicht. Was die Norm ist und was nicht. Das ist ja das Gefährliche, dass wir uns so schnell mit der "Norm" begnügen und dann alles, was außerhalb davon ist, "komisch" finden und dann nicht mehr zulassen. Und am Ende verwischt total, ob du eigentlich so bist, wie du bist, weil du dich dafür entschieden hast oder weil dir das deine Gewohnheit vorgibt.

Kann man sich davon denn nicht auch lösen?

Mister Me: Ich glaube, dass das total schwer ist. Das geht nicht von heute auf morgen, das ist ein Prozess. Aber es liegt, denke ich, in unserer Verantwortung, den Prozess in Gang zu setzen – gerade auch in den Geschlechterrollen, wo dem Mann das "weich sein" total abgesprochen wird und er in seinem Zwang, "hart" zu sein, auch noch alle anderen Geschlechter unterdrückt.

 Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Mister Me: In meinem Album "Das Ende vom Hass" geht es vor allem um das Thema Versöhnung. Ich hab das irgendwann letztes Jahr beim Schreiben für das Album gemerkt, dass es mich bei allen Songthemen im Kern immer wieder dahinzieht.

Weil es so universal ist?

Mister Me: Versöhnung kann auf allen möglichen Ebenen und Themenfeldern stattfinden. Wenn ich mir unsere Gesellschaft mit allen Ungerechtigkeiten anschaue, dann ist Gleichberechtigung natürlich ein großes Thema. Eines, was mich selbst betrifft, weil es mich immer arg fertig macht, wenn ich sehe, wie Menschen, die nichts dafür können, benachteiligt werden. Mir geht es da mit meiner Hautfarbe und meinem Geschlecht ziemlich gut. Und auch ich habe nichts dafür getan, dass ich bestimmte Privilegien habe. Ich frag mich dann, wo man ansetzen kann.

Und was ist dein Ergebnis?

Mister Me: Am Effektivsten ist es, immer bei sich selbst anzusetzen. Weil das, was du außen in der Gesellschaft sehen kannst, auch immer in dir drinnen stattfindet. Schließlich wurde ich innerhalb dieser Gesellschaft erzogen und geformt. Ich hatte damals, bevor ich den Song schrieb, eine Trennung auf Zeit von meiner Freundin. Der Deal war aber, dass wir weiterhin gut befreundet bleiben und Ansprechpartner sind, gerade in der schweren Zeit der Trennung.

Als ich sie dann nach ein paar Wochen das erste Mal wiedergesehen hab, hatte ich eine komplett andere Sichtweise auf sie. Ich hatte vorher innerlich total den Druck, alle Probleme zu bewältigen und zu lösen, "so als Mann". Und sie auch sehr damit, mir die Probleme zu übergeben, "so als Frau". Nun war ich auf einmal aber nur Freund, Zuhörer, Partner. Einfach, weil wir es nicht mehr "Beziehung" nannten. Das war total interessant für mich zu beobachten, welchem Verhalten ich innerhalb einer Beziehung gefolgt bin, und das nur, weil es mir mal so beigebracht wurde.

Du kommst ursprünglich aus den Hip-Hop – und gerade da ist man oft wenig zimperlich, in "männlich" und "weiblich" zu denken, auch oft mal den Macho raushängen zu lassen, um besonders "stark" zu wirken. Wie problematisch findest du das?

Mister Me: Problematisch finde ich, Hip-Hop immer als Aushängeschild solcher Probleme zu machen. Hip-Hop spiegelt. Genau so wie Fußball. Wenn du da etwa Homophobie findest, dann ist das kein exklusives Problem im Hip-Hop, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Das spricht den Hip-Hop oder einzelne Künstler nicht frei von ihrer Verantwortung, aber vor allem spricht es mich auch nicht frei. Jeder Fingerzeig auf andere sagt auch was über die aus, die mit dem Finger auf andere zeigen. Eine Gesellschaft ist immer ganzheitlich zu betrachten und nicht nur einzelne kulturelle Strömungen.

Das ändert ja leider trotzdem nichts an der Tatsache, dass es diese Probleme in manchen Genres stärker gibt als in anderen.

Mister Me: Ich finde, bei Rap und Hip-Hop gilt es auch zu differenzieren, was Kunst ist und was nicht, und das ist generell eine spannende Frage. Aber um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Ich fand das früher auch ziemlich cool, weil es "dazugehört" hat, und da spreche ich jetzt gar nicht von irgendwelchen Lines irgendwelcher Gangster-Rapper, sondern allein schon vom ständigen Objektivieren und Sexualisieren von Frauen in Videoclips. Das war ja in den 90ern und 2000ern herum total normal. Heute gibt es zum Glück tolle Künstlerinnen und Künstler wie Nura, Ebow, Fatoni und Haiyti, die eine gute Entwicklung auch innerhalb des Hip-Hops aufzeigen.

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Wurdest du denn eigentlich typisch "als Junge" erzogen?

Mister Me: Ich würde nicht sagen dass ich zwingend "typisch" als Junge erzogen worden bin. Aber selbstverständlich schon entlang der "gesellschaftlichen Norm", und die gibt schon genug vor, was "typisch" Junge ist. Ich war generell schon immer eher ein Sensibelchen, introvertierter und eher leise. 

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Was denkst du: Was können wir dagegen tun, nur in so starren Denkmustern zu agieren?

Mister Me: Abwarten. Die inneren Impulse aushalten und gucken, woher die kommen. Nicht immer gleich "Ja, aber ..." rufen. Sondern mal zuhören. Was soll schon passieren? Sich selbst reflektieren und als Teil der Gesellschaft betrachten. Nicht sich als Mittelpunkt sehen. Wir bedingen uns alle gegenseitig. Ich mag dieses ganze Ellenbogen-Ding innerhalb unserer Gesellschaft nicht, aber wir agieren so oft automatisch danach.

Meinst du, wir können irgendwann ohne solche Schubladen leben?

Mister Me: Ich bin mal so naiv, "Ja" zu sagen. Die Zeit ist ja irgendwie auf unserer Seite. Vor 50 Jahren hätten wir so ein Interview vielleicht gar nicht geführt. Nun haben wir so viel Privilegien, dass wir uns darüber unterhalten können und uns darüber Gedanken machen dürfen. Das ist ja was tolles, auch wenn es auf der anderen Seite heutzutage auch echt viele AfD-Nazis gibt. Wir sind jünger als die ewig gestrigen.

Falls ihr jetzt Lust habt, Mister Me live zu erleben: im Herbst geht er auf Tour. Ist zwar noch etwas hin, aber wo, wie und wann, erfahrt ihr hier.

Und falls ihr es gut findet, was der Singer-Songwriter generell so macht und welche Message er mit seiner Musik verbreitet, könnt ihr sein zweites Album auf Startnext unterstützen.

Quelle: Noizz.de