"Get Ur Freak On." 

Als Cardi B bei den VMAs in einem verdammt engen roten Abendkleid auf die Bühne trat, um Missy Elliott den Award für ihr Lebenswerk zu überreichen, kam sie aus dem Schwärmen nicht mehr raus. Ihre erste Platte, die sie gekauft habe, sei von Missy gewesen. Sie habe Millionen Frauen und auch sie, dazu inspiriert, "für sich selbst einzustehen".

Und dabei ist es kein Zufall, dass Cardi B ihren eigenen Durchbruchs-Hit "Bodak Yellow", den Song über ihre Vergangenheit als Stripperin, in das Storytelling mit einflechtet. Ganz beiläufig erwähnt sie, wie sie Melissa Arnette Elliott, wie Missys bürgerlicher Name lautet, ausgerechnet dann das erste Mal traf, kurz nachdem eben jener Song erschien. Weil so ein Song ohne Missy für sie eben nicht möglich gewesen wäre.

Warum? Dazu kommen wir jetzt.

Denn keine Frau hat so viel fürs Hip-Hop-Game getan, wie Misdemeanor. Ich war elf Jahre alt als "Get Ur Freak on" 2001 raus kam. Ich hatte nichts mit Hip-Hop am Hut, ich war voll into Britney Spears, Destiny's Child und Co.. Aber diese Single und das Video, sie haben mich gekriegt. Missy war so locker-lässig und verdammt cool. Sie war eine Powerfrau, die es nicht nötig hatte, sich zum Objekt zu machen.  

Davor kannte ich Girls im Hip-Hop entweder als arschzeigende Statistinnen im Bikini von 50 Cent und Co. oder à la Lil Kim, die wie ein weiblicher Pimp Felljacken trug, mit ihren weiblichen Vorzügen nicht geizte und ein bisschen das tat, was Nicki Minaj und Cardi B heute perfektioniert haben.  

Missy brach mit diesen Darstellungen von Frauen in Rapvideos

Sie war der Boss. In ihrem ikonischen Clip zu "The Rain (Supa Dupa Fly)" tritt sie als eine Art Michelin-Männchen auf, das im Hummer durch die Gegend cruist. Nichts mit sexy, nichts mit süß. Das war ungewöhnlich. Noch ein Grund wieso jemand wie Lizzo heute sagt, Missy Elliott ist eines ihrer absoluten Vorbilder – denn sie bedient sich einer ähnlichen Ästhetik.

Am verwirrendsten muss für alle wohl gewesen sein, dass Missy nicht nur über selbstbewusste Frauen rappte, sondern auch über Sex und Gefühle, obwohl sie so gar nicht dieser sexy Type war. Damit zeigte sie einer ganzen Generation Frauen: "Hey, es ist okay. Ihr könnt Teil dieser Szene und trotzdem gefühlvoll sein. Man muss nicht nur hart sein."

Sie konnte den Spieß aber auch umdrehen. In "Beep Me 911" etwa, macht sie mit einen Typen Schluss, weil er sie immerzu runterzieht:

"Why you played on me, wasn’t I good enough for you. All those other girls you’ve been with can’t do like I do. Gave you all my dough when you needed it all the time and if you planning on leaving me again then give me a sign."

In der schwarzen Community auch ein oft tabuisiertes Frauenbild

Während Lil Kim mir immer einen Ticken zu ordinär war, hatte Missy die perfekte Balance aus Stil und Trash. Da wusste ich nicht, dass beide eigentlich ziemlich enge Freundinnen sind. Dass beides sehr wohl gut zusammen geht, habe ich erst später entdeckt. Einmal mit einer ganz frühen Single, "Hit Em Wit Da Hee", später mit "Lady Marmelade" – da haben sie sich sogar mit meinen Girl-Pop-Guilty-Pleasures zusammengetan – und zum anderen mit "Let It go". Eigentlich eine Single der R'n'B-Sängerin Keyshia Cole, die Lil Kim und Missy Eliott featured.  

Dass sich ausgerechnet Lil Kim und Missy Elliott zusammengetan haben, die für mich nie so richtig zusammengepasst haben – bis auf die Tatsache, dass sie Hip-Hop machen und eine der wenigen Rapperinen im Game waren – zeigte mir aber schon damals gleich zwei Dinge:

Zum einen, habe ich da verstanden, dass es hart ist als Frau im Hip-Hop. Die beiden haben sich zusammengetan, um ein Zeichen zu setzen. Sie wussten, was sie tun mussten, um sich gegen die Kerle durchzusetzen. Das bedingt zum anderen: Dass sie vielleicht gar nicht so unterschiedlich sind.  

Mit ihrer ersten neuen Single seit fast 14 Jahren, "Throw it Back” und dem dazu gehörigen Video unterstreicht sie ihre Rolle als Rap-Ikone. Sie hat sich eingebrannt in das popkulturelle Gedächtnis. Erste Frau in der Hall of Fame, über 30 Millionen verkaufte Tonträger. 

Für viele ist Missy einfach das Vorbild  

Kein Wunder also, dass ihre Comeback-EP, die von Timbaland produziert ist, den Titel "Iconology" trägt und uns wieder dahin führt, wieso sie eine Ikone geworden ist. Schlichtweg deswegen, weil sie es geschafft hat, sich in einer von Männern dominierten Szene durchzusetzen – und zwar als eine der Ersten.

Liegt vielleicht auch an den Begleitumständen ihres Karrierestarts. Bevor ihr Debüt überhaupt erschien, war Missy Boss ihres eigenen Labels, was mehr als ungewöhnlich war damals. Als "Supa Dupa Fly" dann 1997 erschien, wurde die Rapszene durch gleich zwei Mordfälle erschüttert. Sie verlor sowohl 2Pac, als auch the Notorious B.I.G..

Ironischerweise gibt es von Missy diese eine Anekdote, dass sie ausgerechnet an Biggies Todestag ihn umgelaufen habe. Als ob sein Spirit auf sie übergegangen sei an diesem Tag. Hip-Hop wandelte sich langsam: Weg vom reinen Gangster-Rap hin zu einem Auffangbecken für gesellschaftspolitische Probleme, ohne selbst zu einem zu werden.

Eskapismus durch Spaß und Lust. Genau in diese Lücke passte Missy

Sinnbildlich lässt sie sich deswegen von Männern im Video zu "Throw it Back" auf einer Benz-Sänfte davon tragen und ihre Crew folgt ihr. Nicht umsonst rappt sie da die Zeilen: "I'm a throw it back. I've done a lot, but I ain't got a lot to show for that."

Das viele aktuelle Pop- und Rapstars Missy als ihr Vorbild bezeichnen, liegt nicht nur an ihrer feministischen Seite. Es liegt auch daran, dass sie genreübergreifend agierte. Bevor Missy zur Rapikone wurde, hatte sie in den 80ern und 90ern für etliche R'n'B-Künstler Songs geschrieben, unter anderem etwa für Aaliyah, SWV sowie Jodeci, und war Sängerin der Band Sista. Später schrieb sie Welthits für Mariah Carey, Destiny's Child und Ariana Grande.

R'n'B, Rhythm and Blues, das war eben das Genre der schwarzen Community zu jener Zeit, was eher Frauenkompatibel war. Missy wusste ganz genau wie die Szene tickt, wie sie mit ihr umgehen musste, was sie davon mitnehmen konnte und womit sie brechen musste.

Deswegen klang Missys Sound auf "Supa Dupa Fly" so erfrischend anders als ihre Kollegen. Lag vielleicht auch daran, dass sie sich entgegen aller Regeln für Rap-Charthits der 90er, gegen bekannte Samples entschied. Sie und Timbaland machten ihr eigenes Ding.

Und um wieder im Jetzt anzukommen: Genau das übernimmt sie in "Iconology": Jeder Track trägt in sich diese retroeske Essenz ihrer Anfangsjahre, ist aber so derbe im Jetzt produziert und klingt eben nicht retro. Sondern brandneu.

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Quelle: Noizz.de