Mit "Mare" will die italienische Sängerin aus Berlin ein Zeichen setzen – wir haben mit ihr über das Thema Seenotrettung gesprochen.

Meer klingt nach Urlaub, Sonne und Spaß. Aber alleine in diesem Jahr sind im Mittelmeer bereits mehr als 900 Menschen auf der Flucht nach Europa ertrunken. Ein Problem, das uns alle in Europa seit 2015 beschäftigt und nach wie vor aktuell ist.

Deswegen gibt es immer mehr Hilfsorganisationen, die im Mittelmeer unterwegs sind, um Flüchtlinge, die von Schlepperbanden auf eine gefährliche und oft auch noch unsichere Reise geschickt wurden, in Seenot zu retten. Das Problem: In einigen EU-Ländern, wie etwa Italien, wird Seenotrettung als Beihilfe zur illegalen Einwanderung kriminalisiert.

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Helfer drohen oft jahrelange Haft- oder hohe Geldstrafen. So wie etwa zuletzt der "Sea Watch 3"-Kapitänin Carola Rakete. Das Thema bewegt nicht nur die Politik, sondern auch Künstler. Caterina Barbieri ist als Missincat seit 2006 unterwegs und schreibt Songs, die unter die Haut gehen. Zwar lebt sie seit mehr als zehn Jahren in Berlin, ist aber gebürtige Mailänderin.

Das Thema Seenotrettung geht ihr auch deswegen ganz besonders nahe, weshalb sie den Song "Mare" geschrieben hat. Ein Statement, mit dem die Berliner Künstlerin ihren Teil zur Unterstützung der Seenotrettung im Mittelmeer beitragen möchte: In "Mare" kommt ein Mensch zu Wort, der auf der Flucht ertrunken ist und nun vom Grunde des Meeres zu uns spricht.

Entstanden ist der Song bereits 2015, als sich die Flüchtlingskrise in Europa zuspitze. Es ist nicht der erste politische Song von Missincat. Schon in ihrem bisher erfolgreichsten Song "Made of Stone" zwei Jahre zuvor hat sie Geflüchteten eine Stimme gegeben.

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Nun möchte die Multiinstrumentalistin und Produzentin ein weiteres Mal auf die Belange von Refugees aufmerksam machen und die Arbeit der Seenotretter*innen mit ihrer Kunst unterstützen. Zusammen mit der Veröffentlichung beginnt sie eine Spendenkampagne für Sea-Watch.

Grund genug für uns, mit Missincat über das Thema zu sprechen

NOIZZ: Dein neuer Song heißt "Mare" und es geht um Seenotrettung. Wieso ist dir das Thema so wichtig?

Missincat: Seit 2014 sind im Mittelmeer über 18.000 Menschen ertrunken. Es ist die gefährlichste und tödlichste Grenze der Welt. Wenn wir jemanden sehen, der in der Spree zu ertrinken droht, oder wenn jemand ein Unfall hat, helfen wir selbstverständlich oder rufen den Notarzt. Wir überlegen nicht lange, wir machen das einfach, wahrscheinlich instinktiv. Es ist unsere Natur – als Menschen. Im Mittelmeer befinden sich Menschen täglich in Lebensgefahr, und es wird kein Notarzt gerufen. Im Gegenteil, es wird behauptet, dass der Notarzt oder andere nicht retten dürfen. Wenn das passiert, ist klar, das etwas schief läuft.

NOIZZ: Du hast den Song bereits 2015 geschrieben, aber erst jetzt veröffentlicht. Wieso?

Missincat: Ich habe den Song zu einem Zeitpunkt geschrieben, als die Zahl derer, die vor dem Krieg in Syrien flüchteten und dabei im Mittelmeer umkamen, stieg. Der Song erzählt die Geschichte eines Manns, der im Mittelmeer ertrunken ist, keiner wird ihn suchen oder finden, er ist eine Zahl geworden. Aber dieser Mann war jemand wie du und ich, er hatte eine Geschichte, eine Familie, Freunde. Er war ein Sohn, ein Bruder, ein Vater, er war geliebt, und er hat geliebt. 

Das Album fertig zu schreiben und zu produzieren, so dass es jetzt veröffentlicht werden kann, hat ein paar Jahre gedauert. Das Thema des Songs ist aber heute leider immer noch und wieder total aktuell, und ich hoffe, dass ich mit dem Song das Bewusstsein der Leute für die Situation schärfen und sie aufrütteln kann!

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NOIZZ: Ist das Thema nicht gerade für dich als Italienerin mit so jemanden wie Salvini als Innenminister aus der Ferne nur schwer zu ertragen?

Missincat: Salvinis Politik und Sprüche sind furchtbar. Leider ist das aber nur die Spitze des Eisbergs. Europa versagt dabei, eine gemeinsame Lösung für die Seerettung im Mittelmeer zu finden, und das gibt Salvini die Chance, den Leuten zu sagen, dass Italien mit dem Problem allein gelassen wird, und seine innenpolitischen Machtkämpfe auf Kosten von Menschenleben zu führen.

NOIZZ: Was glaubst du, könnte eine Lösung für dieses Problem sein?

Missincat: Ich glaube, der erste Schritt muss sein, zwischen Seenotrettung und Immigrationspolitik zu trennen. Die Menschen müssen vor dem Ertrinken gerettet und in Sicherheit gebracht werden, das heißt auch nicht zurück nach Libyen. Das darf gar nicht erst zur Debatte stehen. Das gebietet die menschliche Ethik.

Die Politiker müssen aufhören, die NGOs, die im Mittelmeer Menschen aus Seenot retten, zu verteufeln und zu kriminalisieren. Im Gegenteil, sie sollten mit den NGOs zusammenarbeiten, um das Mittelmeer weniger gefährlich zu machen. Fragen der Immigration sind komplex. Da gibt es keine einfachen Antworten. Das muss aber von der Frage der Seenotrettung getrennt werden.

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NOIZZ: Glaubst du, ein Song wie deiner kann noch mehr Bewusstsein für das Problem schaffen?

Missincat: Musik hat die Kraft, die Seelen der Menschen zu berühren. Ich hoffe deshalb, das mein Song dazu beiträgt, das Bewusstsein der Leute für die dramatische Lage auf dem Mittelmeer zu schärfen und, dass er Mitgefühl weckt. Es wäre toll, wenn sich meine Botschaft weiter verbreitet und zu Spenden oder Unterstützung für die NGOs führt.

Wie ihr helfen könnt, erfahrt ihr bei uns auf Instagram!

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  • Quelle:
  • Noizz.de