Klimawandel solle auch Spaß machen, sagte die Sängerin mal in einem Interview. Wie das klingt, kann man nun auf ihrem neuen Album hören. Dass das trotzdem eine ernste Angelegenheit ist, verdeutlicht Grimes auf "Miss Anthropocene" genauso unmissverständlich.

Claire Boucher, oder einfach nur "c", den meisten wohl eher unter ihrem Künstlernamen Grimes kennen, spaltet. Die einen können nichts mit ihrer Musik anfangen, eine visionäre Fusion aus Electro-Avantgarde und dann doch ziemlich massentauglichen Pop-Momenten. Die anderen finden das Gesamtkunstwerk Grimes aus eben jenen Gründen so faszinierend. Dazu ein Image, dass blöderweise allerlei Männerfantasien bedient, aber auch ziemlich emanzipiert erscheint.

In letzter Zeit wurde Grimes oft auf ihre Verbindung zu und Beziehung mit Tesla-CEO Elon Musk reduziert oder wurde deswegen häufiger zum Thema auch abseits ihrer Musik. Dass das nicht nur unfair ist, sondern ihrer Ausdrucksform als emanzipierte Künstlerin überhaupt nicht gerecht wird, stellt sie mit ihrem neuen Album abermals unter Beweis.

Vielleicht hat sie auch deswegen so sehr damit gehadert, "Miss Anthropocene" in die Welt zu schicken, aus Angst, man könne etwas missdeuten oder weniger Ernst nehmen – der Releasetermin wurde mehrmals verschoben, lange gab es nur einzelne Songs als Kostprobe. Dabei muss sie sich mit dieser Platte vor niemanden verstecken.

Grimes erwartet ihr erstes Kind.

Kann Klimawandel überhaupt Spaß machen?

Auf "Miss Anthropocene" exerziert Grimes den Klimwandel zwischen Party und dystopischem Cyberpunk in allen Details – ein Gesamtkunstwerk, das fordert, anstrengend ist, aber auch seine leichten Momente hat. Auf Songs wie "So Heavy I Fell Through The Earth", "Darkseid" oder "4 ÆM" (eine Abkürzung, die bei allen Klatschtanten wieder Spekulationen auslösen wird) wird die Zerstörung unseres eigenen Planeten zu einer wummernden, sich aufbäumenden Klangwelt, die bedrohlich über uns schwebt und zugleich zaghaft zart hingenommen wird – so zart wie Grimes Gesang.

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Dabei bedient sie sich einer plakativen Science-Fiction-Ästehtik, Bilder, erotisch angehaucht, aber auch so futuristisch wie "Blade Runner", "Matrix" und "Metropolis" in einem. Dazu passt, dass sie quasi parallel zur Veröffentlichung ihres neuen Albums auch Star im "Cyberpunk 2077"-Game wurde. Dort übernimmt sie Voice-Acting für den In-Game-Charakter "Lizzy Wizzy", einem wahnsinnig populären Popstar im "Cyberpunk 2077"-Universum. Ihr reales Leben in der virtuellen Welt quasi, eine Metaebene mit der Grimes zu gerne auch im wahren Leben spielt.

In den für Kritiker wohl viel zu gefälligen und poppigeren Stücken à la "Delete Forever" oder "You'll Miss Me When I'm Not Around" kann man Luft holen, sich von den Dämonen der Zeit erholen. Sanfte Gitarren, Melodien, die an einen ruhigen Tag im Bett erinnern. Gleichzeitig verhandelt Grimes in diesen Songs aber nicht nur globale Weltkrisen, sondern auch die eigenen Krisen:

"I see everything, I see everything. Don't you tell me now that I don't want it. But I did everything, I did everything."

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Wenn die globale Krise zum individuellen Problem wird

Es sind Fragen des Erwachsenwerdens mit denen sich Grimes als junge, mittlerweile emanzipierte Frau mit Anfang 30 auseinandersetzen muss. Was hat man bisher auf dieser Erde hinterlassen, was geschafft? Wie geht man mit den Mitmenschen um? Die Tatsache, dass sie nun auch Mutter wird, verleiht dem nochmal einen ganz besonderen Anstrich.

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Diese ganz individuelle Ebene spiegelt sich auch im Albumtitel wider. Das Anthrozopän, das Erdzeitalter indem wir uns gerade befinden, sieht die Erde in einer Epoche die stark vom Einfluss des Menschen auf die Umwelt geprägt ist. Der Begriff ist relativ jung, wurde erst 2000 vom niederländischen Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen gemeinsam mit Eugene Stroemer geprägt. Für Grimes selbst ist Miss Anthropocene eine Metapher auf den Klimawandel, die als Superheldin auf die Erde kommt.

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Eine Zukunftsvision, die ausweglos erscheint: Klimawandel, Artensterben, Anstieg des Meeresspiegels, Ressourcenknappheit – ein scheinbar nicht aufzuhaltender Prozess, der aber auch neue Chancen bietet, weil er uns zum Umdenken zwingt. Die Verzweiflung dieser Einsicht schimmert durch die Tracks: Schreie, schrille Gitarren und experimentelle Synthsizer schillern durch die fabelhaften Melodien der einzelnen Stücke, deren Texte auf der einen Seite so kryptisch und doch so direkt sind. So singt sie in "New Gods" die Zeilen:

"Oh, you're all I know. But what can I do if I can't see, you're too bright. Broken glass that shines in northern lights. So I pray, but the world burns."

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Am Ende ist "Miss Anthrocopene" also auch ein Abbild des realen Lebens. Eine Momentaufnahme, in der wir im Bewusstsein des Schreckens auch einfach leben und uns manchmal eben leichter oder schwerer fühlen. "Ich will, dass der Klimawandel Spaß macht", sagte Grimes mal in einem Interview mit dem Magazin "Crack". Irgendwie hat sie das auf eigenartige Weise mit diesem Album geschafft. Es ist nicht ihr größtes Werk, aber eins das zum Nachdenken anregt. Und das sollten wir in diesen Zeiten vielleicht ohnehin öfter.

Hier kannst du alle 10 Tracks von "Miss Anthropocene" hören:

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  • Quelle:
  • Noizz.de