Rapper und YouTuber Mert hat mit seinem neuen Musikvideo die YouTube-Charts getoppt. Im Song geht es um Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, eine wichtige politische Message. Aber während er auf der einen Seite rassistische Ausgrenzung anprangert, ist er offen homophob. Ein Umstand, der die Fans nicht zu stören scheint. Uns aber schon.

"Ich toleriere Schwule einfach nicht. Ich akzeptiere das nicht. Muss ich das akzeptieren? Nein. Okay, ich sage: Ich bin gegen Schwule. Akzeptiert das, das müsst ihr akzeptieren. Meine Meinung müsst ihr akzeptieren. Aber ich muss nicht akzeptieren, dass einer schwul ist, nein, ich bin dagegen, das ist unmenschlich", tönte Mert 2017 gereizt in einem YouTube-Video, das heute nur noch als Reupload existiert.

Zeitsprung, drei Jahre später. Merts neue Single "Ausländer" thematisiert das von rassistischen Vorurteilen geprägte Leben als Deutscher mit internationalen Wurzeln. "Ja, ich bin ein Ausländer, he, bin ich jetzt kriminell?", rappt Mert im Musikvideo, das das Leben im szenischen Kreuzberg und Neukölln Berlins porträtiert: Haare auf null beim Barbier, Dönerteller und Ayran, Shisha und Backgammon, dicke Autos, schwarzer Tee. Ein empowernder Song, der Menschen mit ähnlichem kulturellen Hintergrund Mut macht, stolz auf das zu sein, was man ist, auch, oder gerade wenn man damit nicht der Norm entspricht.

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Homophobie in den Charts

Tja, und dann muss man unweigerlich wieder an Merts Homophobie denken und fragt sich, wie das eigentlich unter einen Hut geht: Auf der einen Seite am eigenen Leib spüren, wie ungerecht und falsch es ist, für eine kulturelle Außenseiterposition diskriminiert zu werden, und auf der anderen Seite so hasserfüllt und verständnislos gegen Menschen zu hetzen, die genau im selben Boot sitzen.

Passend zum Thema "Homophobie in den deutschen Charts": Ja, auch 2020 kriegt Deutschrap es hin, mit schwulenfeindlichen Statements kommerziell erfolgreich zu sein, wie ihr in diesem Artikel lesen könnte: >> "Shotz Fired" Bonez MCs neuer Song ist homophob, rassistisch und einfach schlecht

Rapper Bonez MC rappt in seiner neuen Single homophobe Texte. Der Song ist gerade einer der meist gehörten des Lands.

Gegen Rassismus, gegen Homosexualität: Doppelmoral macht's möglich

Ich will mich hier gar nicht ins extrem fragwürdige Terrain des Whataboutism begeben. Niemand ist perfekt. Aber wer so sensibel für die eigene Diskriminierung und gleichzeitig so blind für die anderer ist, der lebt tatsächlich mit einer Doppelmoral, die man nicht alle Tage findet.

Außerdem auch schade: Denn wo Mert mit zweierlei Maß misst, tut er auch seiner eigentlich total gerechtfertigten Rassismuskritik nicht gut. Zurück im besagten Rant-Video von 2017: Die Empörungs- und Protestwelle, die er als Reaktion auf seine mehrfach schwulenfeindlichen Aussagen erhalten hat, bezieht Mert ebenfalls auf seinen Status als "Kanake". Und hier wird's wirklich schwierig. Denn dass struktureller und auch individueller Rassismus in Deutschland existieren, ist offensichtlich. Wie alle anderen Menschen in Deutschland mit internationalem Hintergrund, wird auch Mert darunter leiden.

Die Sache ist nur: Wenn du so hasserfüllt gegen LGBTQ hetzt, Menschen anderer sexueller Orientierung als Schwuchteln, Transen und "unmenschlich" beleidigst, infolge die Zusammenarbeit mit deinem YouTube-Netzwerk gekündigt bekommst und einen riesigen Shitstorm kassierst, und das dann auf deine türkische Abstammung beziehst, dann liegst du einfach falsch. Denn das liegt ganz einfach an dir und deiner Einstellung.

>> Ciao, Deutschrap, ich kann dich nicht mehr sehen – ein Abschiedsbrief

  • Quelle:
  • Noizz.de