Die britische Sängerin Melanie C hat mit uns über neue Musik, ihre Zeit als "Sporty"-Spice Girl, ihre besondere Verbindung zu Billie Eilish und ihre LGBTQ+ Fangemeinde gesprochen.

Melanie C hat eine Karriere hingelegt, die selbst bei den größten Stars seinesgleichen sucht – dabei ist sie auch heute noch mega erfolgreich. Als Mel C aka "Sporty Spice" erlebte die Sängerin mit den Spice Girls in den 90ern eine regelrechte (Spice-)Manie. Danach startet Melanie Jayne Chisholm, wie die Engländerin bürgerlich heißt, mit ihrer Solo-Karriere als bis heute musikalisch erfolgreichstes Teil der Girlgruppe durch.

Vor Corona war die 46-Jährige nonstop ausgebucht: Letztes Jahr die "Spice World"-Tour mit ihren Spice Girls-Girls Emma Bunton, Geri Halliwell und Melanie Brown (Viktoria Beckham ist bei den wiedervereinten Spice Girls nicht dabei), dann Pride-Festivals weltweit mit dem LGBTQ+ und Drag-Kollektiv "Sink the Pink" – jetzt steht der Release ihres neuen Albums kurz bevor.

Zwei Singles sind als kleiner Vorgeschmack bereits veröffentlicht. Nach "Who I Am" zeigt das Video zur neuesten Single "Blame It On Me" – ein Disco-House-Song, in dem Melanie über die Überwindung einer toxischen Beziehung singt – den Megastar im Videospielstil als eine Art Kampfsport-Superheldin.

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Im NOIZZ-Interview hat Melanie C uns verraten, welche Superheldin sie im echten Leben wäre – und unter anderem auch, was wir vom neuen Album erwarten können, warum sie einmal fast aus den Spice Girls gekickt wurde und was sie mit Billie Eilish und der queeren Community verbindet.

Melanie C über neue Musik und ihre Mental-Health-Journey

Melanie C

NOIZZ: Wenn du eine Superkraft wählen könntest, welche wäre das?

Melanie C: Da gibt es so viele tolle! Aber aktuell vermisse ich reisen so sehr. Ich bin normalerweise viel unterwegs, selten zu Hause und vermisse mein kleines Mädchen. Teleportation wäre meine Wahl (lacht).

Du bist kurz davor, ein neues Album herauszubringen. Seit deinem letzten Album "Versions of Me" (2016) sind fast vier Jahre vergangen. Was ist passiert?

Ich weiß, die Zeit vergeht so schnell! Ich glaube, ein Grund ist, dass ich zuletzt zwei wunderbare Sommer hatte, in denen ich mit “Versions of Me” live aufgetreten bin. Danach habe ich dann angefangen an einem neuen Album zu arbeiten – aber dann kam die Spice Girls-Tour. Ich wusste, dass ich während der Proben mit den Girls keine Zeit für etwas anderes haben würde.

Letztes Jahr war unglaublich: Ich war mit den Girls auf Tour und ich bin mit Sink the Pink (Anm. d. Red.: Sink the Pink ist ein Londoner LGBTQ+ Kollektiv) auf Pride-Festivals weltweit aufgetreten. Als das alles vorbei war und ich wieder in UK war, habe ich dann die Arbeit am Album wieder aufgenommen.

Du hast bereits zwei Singles aus deinem kommenden Album veröffentlicht: "Blame It On Me" und "Who I Am". In dem Musikvideo zu "Who I Am" besuchst du alle ikonischen Stationen deiner Karriere und singst, dass du nun endlich wohlfühlst, in deiner eigenen Haut. Du bist immer sehr offen mit deinen vergangenen Kämpfen mit deiner psychischen Gesundheit umgegangen. Wie bist du jetzt zu diesem Punkt der Selbstakzeptanz und Selbstliebe gekommen?

Es hat Zeit gebraucht. Das Positive an den dunklen Zeiten, während derer ich mit Depression, Essstörung und Anxiety kämpfen musste, ist, dass ich irgendwann an einem Punkt ankam, an dem ich professionelle Hilfe brauchte. Das hat mir das Werkzeug gegeben, das ich brauchte, um über mich selbst zu lernen und auf mich aufzupassen. Dann wurde ich älter, wurde Mutter und hatte viele tolle Erlebnisse … es ist eine Reise. Das Leben ist nie perfekt, es gibt immer knifflige Dinge, die es zu überwinden gilt. Vertrauen in sich selbst haben zu können – auch wenn man sich manchmal mies fühlt – hilft durch all die Schwierigkeiten zu kommen, die einem in den Weg gelegt werden.

Über ihre besondere Verbindung zu Billie Eilish

Melanie mit Billie Eilish

Billie Eilish antwortet in einem Interview auf die Frage nach der größten Weisheit, die ihr jemals von einer Frau gegeben wurde, dass du ihr beigebracht hast, jeden Augenblick ihres Erfolgs zu genießen. Siehst du viel von deinem damaligen Selbst in Billie? Ich meine, sie ist wahrscheinlich einer der ganz wenigen Menschen, die jemals diese Art von Ruhm erfahren, die auch du als Spice Girl erfahren hast.

Es ist unglaublich, dass sie sich zu Herzen genommen hat, was ich ihr gesagt habe. Ich hatte das Glück, eine ihrer Shows in London sehen zu können, und ich habe direkt eine verrückte Verbindung gespürt. Sie war auf der Bühne, die Show komplett ausverkauft. Es waren überwiegend junge Frauen im Publikum, die nach ihr riefen und jedes Wort mitsangen. Das hat mich an meine Zeit als Spice Girl auf der Bühne erinnert – ich bekomme gerade Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.

Das ist so selten. Es gibt so viele fantastische Künstlerinnen, aber traditionell kennen wir so eine Art fanatisches Fan-Verhalten von männlichen Künstlern, Boybands – wenn man allein an Beatlemania oder One Direction denkt. Für uns Spice Girls war es deshalb unglaublich, das auch zu haben. Das habe ich dann auch in Billies Publikum gesehen. Ich hatte das Gefühl, dass ich ein tieferes Verständnis habe für die Zeit, die sie gerade durchlebt.

Ich hatte das Gefühl, dass ich ein tieferes Verständnis habe für die Zeit, die sie gerade durchlebt.

Mit den Spice Girls und deiner Solokarriere bist du in der Branche schon lange sehr erfolgreich. Glaubst du, heute ist es – gerade wegen Social Media – schwieriger, berühmt zu sein?

Ich glaube, das ganze Leben ist komplizierter geworden. Social Media sorgt für so viel mehr Druck – nicht nur auf junge Künstler*innen – sondern allgemein auf junge Menschen. Ich bin froh, dass Spice Girls in den 90ern passiert ist – wir hatten zumindest das Gefühl von etwas Privatsphäre.

Wir hatten unsere Probleme mit Paparazzi und die Klatschpresse war schrecklich damals (lacht) – aber jetzt fühlt es sich so an, als gäbe es gar kein Entkommen mehr. Jeder hat ein Handy in der Tasche mit einer guten Kamera. Ich glaube, der Druck den Künstler*innen spüren, ihr Privatleben möglichst öffentlich zu machen und möglichst aktiv auf Social Media zu sein, ist sehr stark.

Über die Spice Girls

Bei den Brit Awards gewannen die Spcie Girls 1997 die Kategorien Bestes Video und Beste Single. V.l.n.r.: Mel C, Emma Bunton, Mel B, Geri Halliwell (im Union-Flag-Dress) und Victoria Adams (später Beckham), alias Sporty, Baby, Scary, Ginger und Posh.

Was ist deine schönste Erinnerung an den Höhepunkt der Spice Mania in den 90ern?

Es gibt so viele! 1996 hatten wir ein unglaubliches Jahr. Wir waren supererfolgreich, sind so viel gereist, haben Zeit in Asien, in Japan und den USA verbracht. Einen Durchbruch in Amerika zu haben, war ziemlich ungewöhnlich für eine britische Band. Als wir dann für die Brits (Anm. d. Redaktion: The BRIT Awards) im Februar 1997 nach Hause kamen, war es wie ein "Coming Home" – es war unglaublich. Es war diese ikonische Performance mit Geri (Anm. d. Redaktion: Geri Halliwell aka "Ginger Spice") in dem Union-Flag-Kleid. Das war so ein Moment, wo wir uns richtig gefeiert fühlten. Nachhausekommen ist einfach etwas Besonderes.

Letztes Jahr traten die Spice Girls nach lange Pause wieder gemeinsam auf. Wie fühlt es sich an, in dieser Formation wieder auf der Bühne zu stehen?

Es ist so komisch. Ich war so nervös, weil so viel Zeit vergangen war. Ich meine, wir hatten die Reunion-Tour 2007/08 und dann die Olympischen Spiele 2012 hier in London, aber eine komplette Show – das war lange her. Meine Tochter ist 11 Jahre alt und beim letzten Mal war sie noch nicht einmal geboren (lacht).

Ich dachte: Haben wir es noch drauf? Wie wird die Chemie zwischen uns sein? Und es war so (schnipst) – in der Sekunde, in der wir in dem Proberaum ankamen, war es, als wären wir nie weg gewesen. Es war sogar besser: Der Druck war etwas weg. Wenn man älter ist, lernt man, es mehr zu wertschätzen. Wir hatten die beste Zeit überhaupt.

Die Spice Girls im Mai 2019 – ohne Victoria aka Posh

Du bist bekannt als "Sporty Spice". Aber welche Rolle hattest du innerhalb der Spice Girls?

Ich wäre wahrscheinlich “Diplomatic Spice”. Ich war oft die Friedenshüterin. Ich bin einer dieser Menschen, die immer auch die andere Seite sehen kann. Aber ich bin im Herzen immer sporty – nur wahrscheinlich softer und sanfter als die meisten Leute denken.

Ich habe vielleicht etwas experimentiert, mit Mode, mit Musik, vielleicht sogar mit meiner Persönlichkeit – aber am Ende des Tages bin ich sporty. Davor gibt es einfach kein Entkommen (lacht).

Woher, glaubst du, kam dieser riesige Erfolg, diese Spice Mania? Wie erklärst du ihn dir selbst?

Ich bin eine ziemlich spirituelle Person. Ich glaube, es war so vorhergesehen. Aber ich glaube auch, unsere Individualität war sehr wichtig. So viele Menschen haben sich dadurch angesprochen gefühlt: Du musst nicht auf eine bestimmte Art und Weise sein, um irgendwo dazuzugehören. Darum geht es bei den Spice Girls für mich.

Wir sind so unterschiedlich, dass wir uns kaum auf irgendetwas einigen können – ein Albtraum! Ich sage oft: Das beste an den Spice Girls ist, wie unterschiedlich wir sind. Und das Schlechtste an den Spice Girls ist, wie unterschiedlich wir sind. Das macht uns aus und das ist es, was die Leute anspricht.

Keine von uns war perfekt. Es hat uns menschlich gemacht. Wir wollten nie auf ein Podest gestellt werden. Natürlich wollten wir ambitioniert sein, aber auf eine Art, die Menschen das Gefühl gibt, dass es nicht unerreichbar ist.

Wir alle kommen aus eher einfachen Verhältnissen, überwiegend aus der Arbeiterklasse in Großbritannien – keine von uns wuchs mit viel Geld auf. Wir waren alle hart arbeitende Mädchen, die einen Traum hatten – und wir haben viel erreicht. Ich glaube, das ist auch inspirierend.

Mir wurde gesagt: Sollte so etwas noch einmal vorkommen, bin ich raus.

Du wärst einmal fast aus den Spice Girls rausgeflogen, stimmt das?

Na ja, weißt du, das sind Geheimnisse der Spice Girls – wovon ich mir sicher bin, dass sie über die Zeit alle ans Licht kommen (lacht). Manchmal hatten wir eben Streits. Bei den Brits, ich glaube im Jahr 1996, hatten wir noch nichts veröffentlicht. In der Industrie hatte man von uns gehört, aber die breite Öffentlichkeit wusste nicht, wer wir waren. Wir waren also bei der Preisverleihung und hatten eine tolle Zeit: kostenloser Champagner, saßen neben Lenny Kravitz – es war unglaublich.

Ich glaube, wir waren alle ziemlich betrunken. Ich habe Viktoria ein Schimpfwort an den Kopf geworfen und sie war sehr aufgebracht deshalb. Rückblickend ist es so albern, aber mir wurde eine Standpauke gehalten und mir wurde gesagt, sollte so etwas noch einmal vorkommen, bin ich raus. Also fing ich an mich etwas professioneller in professionellen Umgebungen zu verhalten (lacht).

Über die LGBTQ+ Community

Dann haben wir erkannt, dass wir eine noch wichtigere Message haben: Gleichberechtigung für alle!

Wie sehr war dir in den 90ern bewusst, wie wichtig du für junge Menschen in der queeren Community bist?

Wir hatten eine kleine Ahnung. Als wir angefangen haben, hatten wir keine Message. Wir wollten einfach Musik machen, berühmt werden und Spaß haben. Dann bekamen wir früh ziemlich viel Sexismus ab – und das hat ein Feuer in uns ausgelöst. Wir haben unsere Stimme gefunden – und unsere Mission. Wir gingen auf die Bühnen und schrien: Girl Power!

Als wir verstanden, dass wir viele Fans aus der LGBTQ+ Community haben, war das unglaublich. Wir haben erkannt, dass wir eine noch wichtigere Message haben: Gleichberechtigung für alle! Die Community wächst, und neue Teile der Community haben Anerkennung gefunden. Für uns ist es sehr wichtig, für alle einzustehen. Also haben wir angefangen zu sagen: People power!

Ich bin selbst ein sehr stolzer Ally!

Ich habe letztes Jahr viele Pride-Shows gemacht, mit meinen Drag Queens von "Sink the Pink" – die sind unglaublich. Ich habe so viel gelernt! Die enge Zusammenarbeit mit queeren Menschen hat mir so viel über ihre Challenges beigebracht – ich werde ganz emotional, wenn ich nur daran denke. Das ist eines der Dinge von den Spice Girls, für die ich so dankbar bin. Dass ich diese Möglichkeit habe, zu verstehen. Ich werde immer tun, was ich kann, um zurückzugeben, weil ich so viel von diesen Menschen bekommen habe.

Wieso teilen wir nicht das, was wir alle haben – unsere Menschlichkeit? Statt Angst zu haben vor unseren Unterschieden?

Beim Pride-Festival in Brighton hast du letztes Jahr die Fahne für trans* und nicht-binäre Personen geschwenkt. Im Vereinigten Königreich gab es kürzlich aufgrund Aussagen von J. K. Rowling eine öffentliche Diskussion über trans* Rechte. Warst du überrascht über das Ausmaß der Transphobie? Was glaubst du, woher das kommt?

Ich glaube, vieles davon ist Angst, Angst vor dem Unbekannten – und fehlende Bildung. Wir müssen lieb sein, nicht nur zu uns selbst, sondern zueinander. Menschen leiden und das sollten und müssen sie nicht. Am Ende des Tages: Wie auch immer dein Gender, Hautfarbe, Religion – wir sind alle Menschen. Wir müssen geliebt und umsorgt werden. Wir sind verschieden und das ist genial. Wie langweilig wäre das Leben, wenn wir alle gleich wären?

Im Zuge der neu aufgeflammten "Black Lives Matter-Proteste sprechen gerade viele Künstler*innen über ihre Erfahrungen mit Rassismus in der Industrie. Mel B hat sich über den Rassismus geäußert, den sie unter anderem als Spice Girl ertragen musste. Habt ihr anderen Girls davon etwas mitbekommen?

Melanie ist wie eine Schwester für mich. Zu erfahren, welchen Rassismus sie erfahren hat, hat mich schockiert. Ich werde nie verstehen können, wie es ist, als Schwarzer Mensch aufzuwachsen – aber ich muss lernen, wie sich das anfühlt. Denn es ist wichtig, als weiße Person nicht ignorant zu sein. Ich habe dieses Privileg, mit dem ich geboren wurde. Ich versuche zuzuhören, zu lernen, zu verstehen, damit ich dabei helfen kann, die Dinge besser zu machen.

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Worauf können wir uns auf dem neuen Album einstellen?

Dieses Album ist vor allem Dance – ziemlich poppig und elektronisch. Die Lyrics sind empowering und durchdacht. Es gibt eine tolle Collabo, die den ein oder anderen vielleicht überraschen könnte. Es fühlt sich stark und kraftvoll an. Ich kann kaum erwarten, bis jeder es hört.

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Quelle: Noizz.de