Eine Sache verband die Zuschauer besonders.

Max-Schmeling-Halle, Berlin. 20:30 Uhr. Es riecht nach Bier, Tabak und der Ankündigung einer Schweißparty. Der Innenraum ist prall gefüllt. Auf der Bühne singt sich eine Sängerin beeindruckend das Leben aus der Kehle, in ihrem silbernen Glitzerkleid macht sie Fitnessübungen, dem Publikum gefällt es. Es applaudiert, die Vorfreude ist greifbar.

Auch das vier Euro teure Bier scheint keine Auswirkungen auf die begeisterten Fans im Innenraum zu haben. Sie genießen die Atmosphäre, stehen dicht zusammen, unterhalten sich in kleineren Gruppen. Viele kennen sich, die T-Shirts schaffen Gemeinsamkeit. Rauch steigt über einzelnen Köpfen auf. In den Händen halten sie mit Bier gefüllte Plastikbecher. Auf ihnen: die Konterfeis ihrer Lieblingsband.

Das lange Warten

Das letzte Toten Hosen-Konzert in Berlin fand im August 2013 statt, satte vier Jahre ist das her. Damals euphorisierte das Studioalbum „Ballast der Republik“ das Land. Es fühlte sich neu und wütend an. Doch parallel gab es auch den Hype um die Single „Tage wie diese“. Das mit Abstand schlimmste Lied des Albums.

Der Song begleitete die Deutsche Nationalmannschaft durch die Fußball-EM in Polen und der Ukraine, Fortuna Düsseldorf bei ihrem Bundesliga-Aufstieg (remember?), das Lied wurde auf dem Ballermann und dem Oktoberfest salonfähig. Ermüdung machte sich breit – auch in der Retrospektive prägt dieses Lied die Wahrnehmung der damaligen Zeit.

Seitdem ist viel passiert. Die AfD ist gewachsen und als rechtspopulistische Dreckspartei in den Bundestag eingezogen. Die Toten Hosen sind auch nicht mehr zwingend der musikalische Platzhirsch in ihrer Heimat Düsseldorf, wo die Deutsch-Rapper Kollegah und Farid Bang einen Rekord nach dem Anderen brechen.

Eine neue Platte haben die Toten Hosen im Mai veröffentlicht: Sie hört auf den Namen „Laune der Natur“ und verbindet Melancholie mit Lebensfreude, Trauer mit Verarbeitung, gute Musik mit weniger guter Musik. Dazu kommen Texte, die zwischen überragend und unterdurchschnittlich pendeln.

Heraus stechen Lieder, die ehemalige Weggefährten ins Zentrum rücken – so „Eine handvoll Erde“ und das explosive Albumintro „Urknall“. Denn: Innerhalb der vergangenen vier Jahre starben wichtige Menschen in der Toten Hosen-Familie. Manager Jochen Hülder und der ehemalige Drummer Wolfgang „Wölli“ Rohde, die bis zum Ende der Band eng verbunden waren. Wölli ist der erste, der im Familiengrab der Hosen auf dem Düsseldorfer Südfriedhof bestattet wurde.

Familie

21:00 Uhr. Nach 30 Minuten Wartezeit vor dem Bierstand, dem Rennen in den Innenraum und einem gemeinsam gesungenen „Blitzkrieg Bop“ verdunkelt sich die Arena, auf den Leinwänden erscheint ein gebrandetes „Die Toten Hosen“-Auto, akustische Musik untermalt die Inszenierung. Dann stürmen die fünf Düsseldorfer die Bühne.

Jung sind sie wirklich nicht mehr, aber Spaß an der Arbeit scheinen sie zu haben. Nach wenigen Sekunden fliegen die ersten Becher, es heißt 'schnell das Bier runterkippen'. „Die äußere Feuchte ist meine innere Betrunkenheit“, ruft Nils P. in die Menge. Er ist extra aus dem hohen Norden nach Berlin gereist, um mit seinen Freunden die Band zu feiern. Tradition halt, die Toten Hosen verbinden, schaffen Identität, wie viele Musiker mit ihren Fans.

Nils lacht, seine Freunde klopfen ihm auf die Schultern. Dann wenden sie sich ab, volle Konzentration auf die Musik. Arm in Arm springen sie auf und nieder, singen aus voller Kehle den Eröffnungstrack „Urknall“ mit – sie kennen alle Lieder auswendig.

Vor 35 Jahren gründete sich die Band, die ihre Wurzeln in der deutschen Punkbewegung hat. Aus einer umstrittenen Gruppe von Freunden, die in den Wohnzimmern der Republik einst kritisch beäugt wurde, entwickelte sich eine der erfolgreichsten Bands mit Wurzeln im Punk – neben „Die Ärzte“.

Sechzehn Studioalben hat die Band bisher veröffentlicht – fast alle wurden ein kommerzieller Erfolg. Aus abgelehnter Nische wurde gefeierter Konsens. Früher wurden Punks auf den Schulhöfen merkwürdig angeschaut, wenn sie mit „Bis zum bitteren Ende“-T-Shirts über den Schulhof liefen und „Sascha, ein aufrechter Deutscher“ sangen. Heute folgt maximal ein Achselzucken. Deutschland hat sich verändert. Doch nicht immer positiv.

Neben Liedern über ehemalige Weggefährten („Urknall“, „Nur zu Besuch“), Liebe („Alles aus Liebe“, „Alles passiert“), Punkklassikern („Wünsch DIR was“, „Hier kommt Alex“), Raritäten („Kauf mich“, „Freitag der 13.“, „Weihnachtsmann vom Dach“), und „naja-Liedern“ („Steh auf“, „Das ist der Moment“), ist insbesondere die Wut der Band auf AfD, Nazis und rechtspopulistische Scheiße spürbar.

Der Anti-Nazi-Song „Willkommen in Deutschland“ aus dem Jahr 1993 ist leider aktueller denn je und wird lauthals mitgesungen. Zum „Ärzte“-Klassiker „Schrei nach Liebe“ kommt Bassist Rod Gonzales unter tosendem Applaus auf die Bühne! Auch wenn die Zuschauer aus den verschiedensten Kreisen, Städten und Milieus kommen, verbindet sie in diesem Moment eines: Der Hass gegen Rechts. „Arschloch“ tönt es aus tausenden Kehlen, dazu werden zur Faust geballte Hände gen Hallendecke gestreckt.

Das Konzert gleicht einer Familienfeier: Es wird getanzt, geschrien, gesungen und eben gefeiert! Das Leben, die eigene Geschichte, die Freude an guter Musik. Wenn sich jemand die Schuhe zubindet oder beim Pogen gefallen ist, bildet sich sofort ein Kreis. Mit ausgebreiteten Armen mit die Person am Boden geschützt. Das ist beeindruckend und hervorzuheben. Es ist eine Familie!

Am Ende

Nach 2 Stunden und 40 Minuten, zwei Zugaben und über 30 gefeierten Liedern verabschiedet sich die Band unter großem Applaus. Manche im Zuschauerraum tragen jetzt kein T-Shirt mehr, andere könnten ihre Hemden auswringen, noch mehr Fans können kaum noch sprechen. Auf ihren Lippen: unisono ein bierseliges Lächeln.

Aus dem rot der Bühnenbeleuchtung wird gleißendes weiß, es ist vorbei. Das versteht jeder! Doch die Fans bleiben stehen, verharren vor den Absperrgittern. Aus den Lautsprechern dröhnt „Kein Grund zur Traurigkeit“ – ein bewegender Song von Wölli, der jetzt vom Band eingespielt wird. Der ehemalige Schlagzeuger der Band verstarb 2016 an den Folgen seiner Nierenkrebs-Erkrankung.

Auf „Laune der Natur“ bildet das Lied den Endpunkt, auch heute prägt es das Ende. Ein bewegendes Denkmal für das Familienmitglied. Die letzten Töne des Liedes erklingen: „Überhaupt kein Grund zur Traurigkeit“. Die Fans singen mit, Gänsehaut macht sich breit, dann folgt Applaus und eine kurze Stille. Erst dann gehen die Menschen langsam aus der Halle – und wieder ihrem Alltag entgegen.

Das sind die Momente, die hängen bleiben. Über zweieinhalb Stunden haben die Toten Hosen 8500 Zuschauer aus ihrem Leben gerissen, die Halle zum einzig relevanten Ort geformt, alle Sorgen, Nöte, Ängste vergessen gemacht.

Das ist es, was die Toten Hosen so einzigartig und immer noch wichtig macht. Sie sind eine Familie – für einen Tag darf man ihr Teil sein. Und das schöne: Sie kommen bald wieder. Am 7. und 8. Juni 2018, dann Open-Air, in der Waldbühne.

Die weiteren Tourdaten:

19./20.12.17 München Olympiahalle

22.12.17 Wien Stadthalle

25./26.12.17 Dortmund Westfalenhalle

29./30.12.17 Düsseldorf ISS Dome

24./25.5.18 Essen Stadion

1.6.18 Hannover Expo Plaza

2.6.18 Dresden DDV-Stadion

7./8.6.18 Berlin Waldbühne

10.6.18. Rockavaria Königsplatz München

16.6.18 Bremen Bürgerweide

15.8.18 Hamburg Trabrennbahn Bahrenfeld

18.8.18 Freiburg Messe Open Air

7.9.18 Bayreuth Volksfestplatz

8.9.18 Mannheim Maimarktgelände

Quelle: Noizz.de