Kann Musik gut sein, wenn sie funktionieren muss? Megaloh hat am 28. August seine EP "Hot Box" veröffentlicht. In seinen sieben Songs spürt man aber keinen Erfolgsdruck – sondern Leidenschaft und Wertschätzung. Der Berliner Rapper wirkt losgelöst und erzählt im NOIZZ-Interview, was er beim Produzieren der Platte für sich wiederentdeckt hat: Spaß.

Was ist Musik? Was ist Liebe? Was ist Macht? "Was ist das" – ist eine Frage, die belanglos erscheint, aber das Verhalten einer ganzen Gesellschaft hinterfragt. Megaloh kritisiert in der gleichnamigen Single Klimaschutz, Rassismus, Politik – und Deutschrap.

Der 39-Jährige hat in seine Hot-Box-EP sieben Songs gepackt, in denen jede Menge Wertschätzung steckt. Wertschätzung, die er bei anderen Rapper*innen vermisst. Warum, hat der Moabiter im NOIZZ-Interview erzählt.

Megaloh

Megaloh über seine Hot-Box-EP im NOIZZ-Interview:

NOIZZ: Wie beschreibst du einem Menschen, der deine Musik nicht hören kann, wie sich deine neue Platte anfühlt?

Megaloh: Ich glaube, das können meine Hörer*innen besser beantworten. Schließlich bin ich nur derjenige, der die Musik produziert. Von dem Gefühl, das dabei empfunden wird, bin ich abgeschnitten. Wenn ich es trotzdem versuche: Sie fühlt sich ehrlich an. Dazu kommt sehr viel Liebe für die Kunstform und der Versuch, ein tiefergehendes Verständnis dafür zu haben.

Du bist Musiker und damit auch Künstler. In "Zombiemodus" rappst du: "Funktionieren, muss funktionieren". Kann Kunst überhaupt funktionieren? In diesem Fall gibt es doch gar kein Richtig oder Falsch?

Megaloh: Wenn man die Kunst von allem loslösen würde – oder könnte – dann nein. Kunst unterliegt anderen Gesetzen. Beispielsweise, dass man sich spielerisch und kreativ ausdrücken kann und dafür auch den Raum braucht. Allerdings ist es bei mir so, dass ich seit 2017 nur von der Musik allein meine Familie ernähre. Beziehungsweise ernähren kann, das ist schließlich eine sehr glückliche Situation für mich.

Damit geht trotzdem ein Leistungsdruck einher. Ich kann mir keine zehn Jahre "Schaffenspause" erlauben. Möchte ich weiterhin von der Musik leben, muss ich nachliefern. Würde ich allein leben, wäre das vielleicht noch eine andere Sache. Ich habe aber parallel zur Karriere als Musiker sieben Jahre im Lager gearbeitet. Ich hatte zwei Top-Ten-Alben und bin teils von der Bühne in den Nachtbus, um zur Frühschicht zu kommen. Wegen der Familie, weil ich ein festes Einkommen brauche. Deshalb muss ich "funktionieren". Das ist mein Alltag.

Betrachtet man nur den Kunstaspekt, dann sollte es eigentlich nicht so sein – dass man funktionieren muss.

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Chartrekorde, was ist das schon?

Trotz deines Fleißes bist du aber nicht derjenige, der gewisse Chartrekorde toppt. Tut das nicht ein wenig im Musik-Herzen weh, wenn ….

Megaloh: … andere Leute erfolgreicher sind, die vermeintlich weniger reinstecken? Früher hat mir das ganz viel Kopf- und Bauchschmerzen bereitet. Weil man sich vergleicht und versucht einzuordnen. Vor allem dann, wenn man Erfolg als Qualitätsmerkmal sieht. Ich habe mich davon, zum Glück, ein wenig lösen können. Wahrscheinlich auch aus dem Grund, dass ich das ein oder andere geschafft und mich weiterentwickelt habe. Außerdem habe ich gelernt, dass Erfolg andere Dimensionen haben kann: Leute beeinflussen und erreichen zum Beispiel. Gerade bei Konzerten habe ich im Nachhinein viele persönliche Geschichten mitbekommen, die mich in meinem Tun bestätigt haben. Eine Bestätigung, dass das, was ich mache, einen größeren Wert hat. Das ist doch auch Erfolg.

Demnach habe ich das Problem heute nicht mehr. Ich weiß, dass Musik subjektiv wahrgenommen wird. Kein Neid, Neid ist nur schädlich.

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"Was ist das": Musik, die Hot-Box-EP – was bedeutet das für dich persönlich?

Megaloh: Dahinter steckt für mich jede Menge Spaß. Der große Schritt, die Veränderungen zu meinen vergangenen Solo-Alben, liegt darin, dass ich wieder extrem viel Spaß bei der Produktion hatte. Ich habe gemerkt, dass ich in eine Richtung gedrückt werde. Ich hatte das Gefühl, nur noch mit dem Kopf an alles rangehen zu können. Dass Leute von mir einen gewissen Qualitätsanspruch erwarten und ich ganz bestimmte Sachen sagen muss. Zur Gesellschaft zum Beispiel. Aber was ist das?

Diese Spruch hinterfragt die Sachen aus einer witzigen Perspektive. Ich habe mit der Frage "Was ist das?" gespielt – und so ist auch dieser Song entstanden. Diesen Spaß habe ich durch das stumpfe Funktionieren ein wenig verlernt – jetzt aber bewusst wieder zurückgeholt. Selbst, wenn dahinter ein ernstes Thema steckt.

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Deutschrap und kulturelle Aneignung

Bist du damit mehr du selbst, authentisch? Authentizität scheinst du nach eigener Aussage bei anderen Rapper*innen zu vermissen.

Megaloh: "Authentizität, man vermisst das", eine Zeile von meinem Song, ist nur ein Spruch, den man nicht zu ernst nehmen sollte. Schließlich möchten sich Rapper*innen positionieren und versuchen immer, krasser zu sein. Ich bin aber in einer Zeit aufgewachsen, in der sich Deutschrap erst entwickelt hat. Mittlerweile ist dieses Musik-Genre selbstverständlich. Früher hat man meist US-amerikanischen oder französischen Rap gehört.

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Ich habe im Umgang mit der Szene gemerkt, dass vieles unreflektiert übernommen wird. Man sieht die erfolgreichen Sachen in den USA und macht sie nach. Teilweise werden komplette Melodien kopiert. Selbst wenn es nur das Image ist – alles wird unreflektiert übernommen. Ein Image, was man in den USA oder in Frankreich hat, steht aber in einem anderen Kontext als in Deutschland. Das hat unter anderem kolonialen Hintergrund.

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Die Kolonialgeschichte der USA ist ein spezielles Thema. Hip-Hop hat sich dadurch entwickelt. Die Kultur, die ganzen Rhythmen, sind in Folge des US-amerikanischen Kontextes und der kulturellen Neuorientierung verschleppter Menschen aus Afrika entstanden, das ist Fakt. In Frankreich zum Beispiel gibt es einen viel größeren Bezug zu der kolonialen Vergangenheit aufgrund der geschichtlichen Präsenz. Da ist die ganze Schwarze Community viel größer. In Deutschland fehlt das komplett.

Deshalb war es am Anfang für mich hier großteils eher ein lächerliches Imitieren. Es wurde sich darüber – über die Geschichte, die Kultur – lustig gemacht, zumindest in der medialen Aufarbeitung. Mittlerweile ist das alles etwas ernsthafter. Die Mehrheit der Leute hat zwar immer noch keinen Bezug zu der Kultur. Aber sie nehmen diese Stilmittel womöglich nur, weil sie diese Musik konsumieren. Sie sehen Videos und wollen auch so sein. Ich nehme das keinem übel. Aber für mich hat das wenig mit Authentizität zu tun, wenn man die gleichen Wörter benutzt und alles gleich klingt. Wo ist der eigene Ausdruck?

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Du hast dazu ein Tweet veröffentlicht, der mittlerweile gelöscht wurde. "Deutschrap ist kein Hip-Hop, sondern unreflektierte kulturelle Aneignung." Ist Deutschrap Culture Appropriation?

Megaloh: Ich habe schnell gemerkt, dass dieser Tweet so verstanden wurde. Es lag nicht in meinem Interesse daraus ein Schwarz-Weiß-Ding zu machen. Ich finde aber in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die nun mal weiß ist, fehlt der Bezug zur Kolonialgeschichte und wie daraus globale Ungerechtigkeiten entstanden sind und fortbestehen. Aus diesen Ungerechtigkeiten ergeben sich wirkliche gesellschaftliche Probleme, was sich auch in den gewalttätigen Texten von US-amerikanischem und englischem Drill zum Beispiel wiederspiegelt. Das Fortbestehen von Segregation, wirtschaftlicher, sozialer und infrastruktureller Natur und ihre gewalttätige Auswirkung. Das ist Gesellschaftskritik in seiner pursten Form!

Der Tweet ist mittlerweile gelöscht. Megaloh kommentiert, was er damit ausdrücken wollte

Hier in Deutschland wird zum großen Teil einfach nur der Film, der Lifestyle gefeiert. Das ist kein Lifestyle sondern grausame Lebensrealität, in der Menschen aus Leid und Schmerz und Gewalt trotzdem kreativ noch etwas machen, nämlich weltweit inspirierende Musikkultur und eine alternative Perspektive für das eigene Umfeld schaffen. Das ist Hip-Hop!

Ich habe den Eindruck, dass das in Deutschland noch nicht ganz verstanden wird. Wir sind noch richtig weit weg von einer richtigen Hip-Hop-Kultur. Momentan ist das aus meiner Sicht eher eine Art Instrument, ein Werkzeug, um Macht und gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. Es geht um Befriedigung persönlicher Bedürfnisse.

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Ich wollte mit dieser Aussage ein paar Akteur*innen in ihrem Selbstverständnis wachrütteln. Das hat nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern damit, dass sie gar nicht darüber nachdenken. Keinen Bezug dazu haben, wo ihre Musik herkommt. Hip-Hop ist nicht "kopieren" sondern Ausdruck der Gesellschaft, Beschreibung des Umfelds und Stimme der Freiheit.

Quelle: Noizz.de