Mavi Phoenix segnet uns mit seinem neuen Album "Boys Toys". Ein musikalisches Spektakel, das mehr ist, als eine Debütplatte. Der Musiker aus Oberösterreich verarbeitet in den 12 Songs nämlich sein Outing und das neue Leben, das vor ihm liegt. Mavi ist trans*. Hoffentlich redet darüber bald aber niemand mehr.

1997 feiert ein Junge aus den USA weltweit wahnwitzige Erfolge. Aaron Carter ist der kleine Bruder von Backstreet-Boys-Megastar Nick Carter – und damit das perfekte Replikat der Pop-Sensation für die jüngere Zielgruppe. Blonder Topfschnitt, Oversize-Shirts, eingängige Pop-Hits, ein überdurchschnittlich süßes Lächeln – mehr braucht es damals nicht für eine ausgewachsene Manie um den aus Florida stammenden Neunjährigen.

Rund 22 Jahre später zeigt sich ein anderer Typ in ganz ähnlicher Manier in seinem Musikvideo zu "Fuck it up": bunte 90s Vibes, blonder Topfschnitt und ein überdurchschnittlich süßes Lächeln. Auch wenn es sich bei Mavi Phoenix' Musik eher um Indie-Rap statt weich gewaschenem Teenie-Pop handelt: Die Visualisierung der Single des 25-Jährigen wirkt im ersten Moment wie eine Hommage an den heute praktisch vergessenen Kinderstar. Mit der Vermutung liegt man allerdings falsch – hinter "Fuck it up" steckt viel mehr.

"Niemand hätte je merken können, dass es mir nicht gut ging"

Ich treffe Mavi zum Interview in Berlin-Kreuzberg. In einer Kulisse, die der poppigen Umgebung im "Fuck it up"-Video inklusive Lavalampe, Game Boy und Filzstiften so gar nicht ähneln möchte. Wir sitzen im Austria, einem Lokal mit österreichischer Küche – all Holz everything scheint hier das Konzept zu sein. Geweihe schmücken die Wände, alte Kerzenständer belagern die Tische. In all dem Braun sticht Mavi in seinem tomatenroten Pulli so sehr hervor, als wäre das Ganze eine geplante Versinnbildlichung seiner Rolle in der Gesellschaft. Mavi ist trans*. 1995 kam er im österreichischen Linz als Mädchen zur Welt – zwei Jahre bevor Aaron Carter uns seinen Durchbruch-Hit "Crush on you" in die Gehörgänge quietschte. Bis vor Kurzem war Mavi als weibliche Rap-Hoffnung aus unserem Nachbarland bekannt. Jetzt ist er das immer noch, nur eben männlich. So simpel sich das sagen lässt, so kompliziert war der Weg hierhin für Mavi. Von dem Geheimnis, das er so lange mit sich trug, wusste er nämlich lange selbst nichts.

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"Niemand hätte je merken können, dass es mir nicht gut ging. Eben weil ich so einen krassen Mechanismus hatte, das alles zu verdrängen. Ich habe das so sehr in eine Kiste gepackt und einfach mein Leben gelebt", erzählt mir Mavi, während er mit einem seichten Lächeln in den Kaiserschmarrn-Resten seiner Managerin herumpickt. Er sei ein braves Mädchen gewesen. Eines, das immer wollte, dass es allen gut geht. Als er sich dann vor seiner Familie outet, weiß die Öffentlichkeit schon Bescheid. Schocktherapie at it's best, nennt man das dann wohl.

Mavi Phoenix im Interview mit NOIZZ

Mavi ist bei Weitem nicht die erste trans* Person der Öffentlichkeit. Zu behaupten, das Thema Transgender hätte es in den akzeptierten Mainstream geschafft, wäre allerdings sowas von grob fahrlässig. Obwohl die Caitlyn Jenners und Kim Petras dieser Welt für ihren Mut, sich so zu zeigen, wie sie sind, gefeiert werden – ist das Trans*sein anderorts schlichtweg tödlich. In Indonesien werden trans* Menschen so außergewöhnlich grausam behandelt und verachtet, dass einem nur übel werden kann. Erst vor wenigen Monaten wurde eine trans* Frau wegen fadenscheiniger Gründe mit Benzin überkippt und angezündet, sie starb an den Folgen. Weltweit mussten im vergangenen Jahr 331 trans* Menschen ihr Leben lassen – weil die Gesellschaft sie nicht akzeptiert. In Mavis Welt sieht es nicht so brutal aus. Er betont immer wieder: Die Reaktionen auf sein Outing seien durch die Bank weg positiv ausgefallen.

Der Fluch der Avantgarde

Auch wenn nicht alle trans* Personen solch ein Schicksal ereilt, weil sie zum Beispiel in West-Europa leben, ein akzeptierendes Umfeld haben oder das Leben eines Künstlers führen – denen bescheinigt die Gesellschaft ja gern mal ein bisschen mehr Spielraum – müssen sie immer noch mit anderen Dingen kämpfen, mit denen man als vermeintlicher "Normalo" nicht konfrontiert ist. Eines dieser Dinge ist, dass für viele trans* Personen der Öffentlichkeit die eigene Rolle irgendwann zur Last wird. Verständlicherweise. Das Outing provoziert, voyeuristisch nehmen wir allesamt an, man dürfe alles fragen, immer und immer wieder. Der oder die Geoutete wird zum Ausstellungsobjekt – und muss darauf eigentlich auch noch stolz sein, egal wie nervig die ganze Fragerei ist. Schließlich trägt man dazu bei, die Gesellschaft zu informieren, man fördert die Empathie und das Verständnis für die Community. Der Fluch der Avantgarde, die sich die Akzeptanz hart erkämpfen muss.

Mavi kennt das: "Es ist auch ungesund für mich teilweise, weil man dann die ganze Zeit so sehr in seinem Kopf ist. Es gibt halt auch noch ein anderes Leben, andere Themen. Irgendwo auch anstrengend." Auch wenn er froh ist, etwas beitragen zu können, sagt er. Ich muss daran denken, wie viel Kraft es mich kürzlich alleine gekostet hat, einem Kollegen die Grundprinzipien des Feminismus zu erklären. Auf der einen Seite wollte ich Verständnis schaffen und ihn aus unserer Diskussion nicht ohne einen Aha-Moment entlassen. Gleichzeitig nervte es mich unfassbar, dass meine Zeit dafür drauf geht. Was müssen trans* Personen dann empfinden?!

Es gäbe also gute Gründe, mit Mavi Phoenix gar nicht über Transgender-Themen zu sprechen

Hört man sein Debütalbum "Boys Toys", merkt man aber schnell: Es gibt doch einen Haufen guter Gründe darüber zu sprechen. Die Zeit, Mavi schlichtweg als einen Musiker und nicht auch als trans* Person zu verhandeln, ist noch nicht gekommen. Denn: Mavi gönnt sich die Zeit, diesen Prozess durch seine Musik zu leben. Mit "Boys Toys" schafft er ein musikalisches Werk eingebettet in einen aktivistischen Akt, der eigentlich "nur" die eigene Befreiung ist.

Mit seiner Musik bringt Mavi uns ein Stück näher an seine Erfahrung und die Erlebnisse aller trans* Menschen heran. Er versucht etwas, mit Musik zu beschreiben, was für all die, die nicht trans* sind, völlig unverständlich ist. Dafür gebührt ihm mehr als Respekt. In unserem Gespräch erklärt er es so: "Man kennt es ja, wenn man tagträumt und ein Bild von sich vor dem inneren Auge hat. Bei mir war das immer ein kleiner Junge – und mit der Zeit, immer wenn ich in den Spiegel geguckt habe, bin ich drauf gekommen, dass das eigentlich gar nicht stimmt. Man verdrängt das dann und ist irgendwie disconnectet von sich selbst. Ich hatte dann immer das Gefühl: 'Eh krass, dass an mir noch ein Körper dranhängt, ich hab' eigentlich das Gefühl, ich hätte nur einen Kopf.'"

Mit seinem Alterego Boys Toys führt uns Mavi auf seinem Album konzeptionell durch verschiedene Stages seiner Selbstfindung

Boys Toys spricht mit einer hochgepitchten Stimme mit dem Zuhörer und verkörpert den Jungen, der Mavi nie sein konnte. Mavi lässt uns extrem nah an sich ran – und spricht auch über Dinge, mit denen sich sowieso jede*r identifizieren kann, ob trans* oder nicht. Bin ich genug? Finde ich Liebe? Warum spüre ich soviel Frust in mir? Und das zeigt doch unumgänglich: Mavi ist einer von uns. Und so wird er hoffentlich auch bald verhandelt: als Mavi, der geniale Musiker und nicht als Mavi die trans* Person, die schöne Musik macht.

YouTuberin Raffa's Plastic Life im "IDENTITY"-Interview über Geschlechtsidentität

Quelle: Noizz.de