Er sieht super aus – ist aber auch superteuer.

Als Kind der 90er bin ich vor allem mit Rap sozialisiert worden. Da spielte – es sei denn, ich hab nicht aufgepasst – die Marke Marshall keine Rolle. Es ging eben nicht um E-Gitarren, die in Verstärker gesteckt werden, auf denen in weißen geschwungenen Lettern jene acht Buchstaben angebracht sind, die Rockmusik-Fans in Verzückung versetzen. Wichtiger waren für Hip-Hop-Heads andere acht Buchstaben, nämlich T, E, C, H, N, I, C und S. Sie standen auf Plattenspielern mit denen wir scratchten.

Als Erwachsener fing ich an, mich auch mit sogenannter Gitarrenmusik auseinanderzusetzen, und da entging mir natürlich nicht, dass auf vielen Verstärkern Marshall stand. Ob sie gut waren oder nicht, konnte ich nicht beurteilen. Aber sie sagen verdammt cool aus. Schwarzer Kasten, goldenes Bedienfeld, weißer, eleganter Schriftzug. In seiner klassischen Formvollendung beinahe eine Antithese zum dreckigen Sound, der aus seinem Körper drang.

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Als ich vor ein paar Jahren ein paar neue Kopfhörer brauchte, stolperte ich erneut über Marshall – vor allem, weil mir die schlechthinnigen Hip-Hop-Headphones, die überteuren Beats by Dr. Dre, einfach nicht gefielen. Den Marshall-Kopfhörer gelang dasselbe wie ihren Verstärker-Vorbildern: Sie sahen gleichzeitig elegant und cool aus und verfügten über ein tolles Detail: eine goldene Applikation am Stecker. Außerdem war ihr Klang ganz gut, wenngleich für meine Verhältnisse ein bisschen zu Bass-orientiert (ich höre unterwegs auch mal gerne Klassik).

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Als Marshall Ende April zu einem Roadtrip einlud, um an einem geheimen Ort seine neuen Bluetooth-Lautsprecher vorzustellen, war ich also vorbelastet – und sagte sofort zu.

Marshall ließ sich nicht lumpen, drehte Event-mäßig komplett auf. Wir fuhren in Oldtimern zum Teufelsberg – in VW Bullis und Ford Mustangs. Dort schauten wir uns die ehemalige US-Abhörstation an, ein Ort irgendwo zwischen "Shutter Island" und Graffiti-Paradies. Wir tranken Bier, aßen Streetfood, ließen Fotos von uns schießen und wohnten einem Mini-Konzert der Berliner Sängerin Mogli bei, die extra für uns vorbeigekommen war – in der Früh musste sie schon auf den Flieger, auf Tour. Es wurden Fotos von uns geschossen.

Unterwegs Richtung Teufelsberg
Die ehemalige US-Abhörstation
Mogli live

Zwischendurch wurden die Produkte enthüllt, wegen denen wir eigentlich hier waren: zwei neue Bluetooth-Lautsprecher und ein altes Modell in neuer Farbe. Und an dieser Stelle wechsle ich mal der Einfachheit halber wieder ins Präsens, denn ich verlasse die historische Berichterstattung und beginne meine Rezension.

Von links nach rechts: Kilburn II, Stockwell II und Tufton

Optik

Die neuen Speaker – Stockwell II und Tufton – sehen genauso bombe aus, wie man es von Marshall gewohnt ist. Schwarze Kästen, weißer Schriftzug. Die Front ziert ein Metallgitter im Stile klassischer Mikrofone. Der Tragegurt erinnert an eine Gitarre – er ist oben aus schwarzem veganen Leder, unten aus edlem roten Samt.

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Theoretisch kann man die Lautsprecher auch mit dem eigenen Gitarrengurt rumtragen – so richtig Rock'n'Roll! (Ich befürchte bloß, die Generation Boombox müsste sich den Gurt bei ihren Eltern leihen ...) Der kleine Stockwell II hat eine Außenseite aus Silikon, die Wasser abweist. Die fasst sich nicht so geil an wie das Vinyl der Originalverstärkerboxen und der meisten anderen Modelle (inklusive Tufton), ist aber halt einfach Party-tauglicher – jedenfalls wenn Feiern heißt, Bier über Elektroartikeln auszukippen.

Der Marshall Stockwell II

Auf dem Bedienfeld zeigen rote LEDs, wie voll die Batterie noch ist. Die Steuerknöpfe sind leider nicht aus goldfarbenem Metall, sondern schwarz und gummiert – auch das ist einfach Strand-freundlicher.

Funktionalität

Ich habe nur den Stockwell II getestet, denke aber, die anderen Lautsprecher funktionieren ähnlich. Insgesamt fühlt der sich sehr smooth an. Man verbindet sein iPhone per Bluetooth mit der Box – das hakt anfangs ein bisschen, aber wenn man's einmal hat, geht's später immer reibungslos.

Die Knöpfe – "Volume", "Bass", "Treble" – fühlen sich beim Drehen enorm stabil an; man kann sein Handy an der Box aufladen, was auch super klappt. Auch gut: Der Lautsprecher lädt ziemlich schnell auf. Nach 20 Minuten kann man ihn sechs Stunden lang benutzen. Wenn er voll ist, soll er mehr als 20 Stunden halten.

Sound

Mit das Wichtigste. Tatsächlich hat der Stockwell II ordentlich Wumms. Er ist vor allem sehr Bass-lastig, was bei Stromgitarren-Mukke oder Rap top ist, bei akustischen Geschichten wie Jazz oder Klassik nicht so dienlich. Das Teil eignet sich also eher für die Beschallung eines Picknickdecken-Raves als für "Yoga mit J. S. Bach" – jedenfalls wenn man auf Nuancen aus ist.

Sound-Test im VW Bulli

Im Oldtimer versagte der Stockwell II übrigens: Die Motorengeräusche schluckten den Lautsprecher-Sound – für alte, laute Autos ist die Box nichts. (Und neue dürften ein eigenes höchstpotentes Soundsystem enthalten.) Dafür kann man ihn wirklich wunderbar von einem Ort zum anderen tragen, sich unkompliziert – mir nichts, dir nichts – verbinden (übrigens von verschiedenen Handys aus), aufdrehen, Spaß haben. Mit Grenzen. Denn für eine richtige Party organisiert man sich lieber eine richtige PA.

Komplett aufdrehen kann man natürlich trotzdem: kein Scheppern, sondern sauberer Sound.

Kosten

Der Stockwell II kostet 249 Euro, der Kilburb II dann schon 299 Euro und der große Tufton 399 Euro. Das ist teuer. Dafür bekommt man mittlerweile eine okaye Stereoanlage. In Anbetracht der hohen Qualität der Lautsprecher – Optik, Funktionalität und Sound – ist der Preis aber fast angemessen. Marshall wollte offenbar an keiner Ecke sparen und mutet seinen Käufern dasselbe Mindset zu.

Fazit

Marshall ist immer noch eine tolle Marke mit großer Glaubwürdigkeit – daran ändern auch die neuen Bluetooth-Lautsprecher nichts. Im Gegenteil: Sie sind extrem hochwertig und perfekt auf die Musik abgestimmt, für die die Original-Verstärker stehen.

Ob das junge Festivalgänger davon überzeugen wird, 249 Euro und mehr auszugeben, werden wir diesen Sommer sehen. Wenn das Tempelhofer Feld vor jenen acht Buchstaben strotzt – M, A, R, S, H, A, L und L –, weiß ich: Stockwell II hat es geschafft. Ich könnte mit solch einem Szenario gut leben.

  • Quelle:
  • Noizz.de