Die Musikerin veröffentlichte kürzlich ihr drittes Album.

Frauenkörper – ein streitbares Thema. Die Attraktivität einer Frau bestimmt häufig ihren Wert, so wird es gesellschaftlich zumindest oft gesehen. Künstlerinnen wie Billie Eilish hingegen entziehen sich der Beurteilung ihres Äußeren, indem sie so weite Kleidung tragen, dass keiner um die tatsächlichen Konturen ihres Körpers weiß (das verriet sie in ihrer Calvin-Klein-Kampagne).

Marika Hackman kennt diese Schieflagen zu Genüge. Die 27-jährige Musikerin veröffentlichte am 9. August dieses Jahres ihr drittes Album. Sie ist also schon einige Zeit dabei, in der Musikbranche. Mittlerweile hat sie das Gefühl, ernst genommen zu werden, verrät sie im Interview.

Dieses Bewusstsein hatte Hackman nicht immer: 2013 veröffentlichte die Britin ihre erste Platte "That Iron Taste" – voller Coolness sprudelten einem die Singer-Songwriter-Stücke entgegen. Dank Hackmans Freundschaft zu Supermodel Cara Delevigne (die beiden gingen zusammen zur Schule und gründeten damals ihre erste gemeinsame Band) spielte Hackman ein Akustik-Set für das britische Modelabel Burberry, das es bei YouTube zu sehen gibt.

Durch diesen Gig und die Freundschaft zu Delevigne, wurde die Musikerin von Presse und Fachleute auf einmal als "ehemaliges Model" bezeichnet. Aber: Hackman war nie ein Model. "Es war zum Kotzen. Das Erste, was man eine Zeit lang gefunden hat, wenn man mich googelte, war die Info, ich sei eigentlich Model."

"Als Model wirst du als Musikerin nicht ernst genommen"

Ein Model, das sich jetzt auch mal an der Gitarre versucht – kein gutes Image. "Du wirst nicht ernst genommen. Das ist doch abgefuckt! Auch als Model kann man gute Musik machen!" – klar, kann man. Nur tatsächlich achtet das Publikum auf ein musizierendes Model noch mal verstärkt: Kann das hübsche Mädchen denn überhaupt ihre Gitarre richtig halten? Singt sie eigentlich wirklich gut? Schreibt sie ihre Songs tatsächlich selbst?

"Ich glaube, als Frau in der Musikbranche wird generell stärker danach gefragt, was du eigentlich wirklich kannst." Die Aussage mag stimmen: Bei männlichen Punkbands kommt keiner auf die Idee zu hinterfragen, warum die Dudes die drei Akkorde, die sie spielen können, auch noch verhauen. Da muss das halt so sein. Ist ja Kunst. "Als Frau wirst du ganz anders bewertet. Es geht eigentlich immer zuerst darum, auf welche Art und Weise du für das männliche Auge attraktiv bist. Bist du die süße Kleine? Der sexy Vamp? Das lustige Crazygirl?"

Es geht darum, kategorisiert und greifbar zu sein. Vor allem für das männliche Bewusstsein. Möchte man es hart ausdrücken, könnte man auch sagen: Solange du fickbar genug bist, kannst du Musikerin sein. "Als lesbische Musikerin habe ich einem Mann halt gar nichts zu bieten. Vielleicht verunsichert sie das. Vielleicht brauchten sie für mich deshalb das Label des ehemaligen Models," sinniert Hackman.

Hackman ist im Gespräch nicht wütend, eher bedacht. Sie hat kein Problem mit Männlichkeit oder dem anderen Geschlecht. Im Gegenteil: Sie arbeitet häufig mit Männern zusammen und alles ist super. Es sind eher die gesellschaftlichen Mechanismen, die ihr während ihrer Karriere aufgefallen sind. Mechanismen, die dumm und veraltet sind – aber die leider häufig immer noch greifen. Wird Zeit, dass sich was ändert!

Mit "Any Human Friend", ihrem neuen Album, hat die Britin sich endlich frei gespielt: Sie ist selbstbewusster, dreht den Verstärker ordentlich auf, flirtet mit Synthies und spricht in ihren Texten über Orgasmen, Selbstbefriedigung, Oralsex, Rausch, Trennungsschmerz und ihre eigene Geltungssucht.

"You're such an attention whore"

"Ich habe mich eher immer hinter meiner Gitarre versteckt – langsame, zierliche Gitarrenstücke gespielt. Es war Teil meiner Entwicklung. Aber jetzt kann ich mich breitbeinig auf die Bühne stellen und ein verdammtes Gitarrensolo spielen," sagt sie und lacht.

Hackman hat ein kehliges Lachen, sie hat eine straighte Art zu sprechen und genau wie in ihren Texten, ist sie im Gespräch schonungslos ehrlich. Ihr Bedürfnis, öffentlichkeitswirksam mit sich ins Gericht zu gehen, thematisiert sie unumwunden: "Ich bin halt geltungssüchtig. Aber sind wir das nicht alle?" – gute Frage: Sind wir? Würde eine Plattform wie Instagram funktionieren, wenn wir es nicht wären?

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Für Hackman ist ihre Musik ein Verarbeitungswerkzeug. Sie beackert ihre Probleme und Gedanken und kommt so besser mit sich selbst klar. "Ja, es ist ein bisschen wie Therapie."

Auf der Bühne zu stehen ist sicherlich auch Teil all dessen: Aufmerksamkeit bekommen und sich gleichzeitig selbst therapieren. Allerdings geht es auch darum, Spaß zu haben und abzugehen. Hackman hat geübt, sich bei Konzerten gehen zu lassen, den Moment zu fühlen und vor allem verdammt gut zu sein. Für die wertenden Journalisten, die immer noch darauf warten, dass das Model einen Griff verzockt? "Nö, ich mache das für mich. Ich hab' gelernt, dass ich weiß, was ich kann," sagt sie mit Nachdruck.

Eine Frau, die wirklich eine Gitarre halten kann?! Können wir damit umgehen? Wir sollten – denn sonst entgeht uns eine Menge wahnsinnig guter Musik.

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Quelle: Noizz.de