Wieso Mariah Carey die Queen of everything ist

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Mariah Carey veröffentlichte kürzlich ihr 15. Studioalbum „Caution“ Foto: Instagram/mariahcarey

Daaaaaaaaaaaahhhling!

„I ain't even mad, no, not like before“, singt Mariah Carey in ihrem Song „A No No“ und meint damit ihre ehemalige Managerin, die fast Mariahs Karriere vor die Wand fuhr. Im Video zum Song ist von Wut oder Dissen jedoch keine Spur zu finden – ganz im Gegenteil. Mariah tanzt in kurzen, bunten Kleidchen durch die U-Bahn. Im Hintergrund sind immer wieder ihr Lebensgefährte Bryan Tanaka und ihre Zwillinge Monroe und Moroccan zu sehen.

Was aber viel wichtiger ist als das Video, oder als das Lil-Kim- und Notorious-B.I.G.-Sample, ist, dass Mariah eine der besten Songwriterinnen ist, die unser Planet beherbergt. Das Problem: Sie wird dafür zu wenig gewürdigt. Und genau darum soll es in diesem Text gehen. Um Mariahs Skills, um ihre Erfolge, um ihr Genie.

Mariah hat bisher knapp 250 Millionen Tonträger verkauft (!) und kann fünf Grammys, fünf Oktaven, 18 Nummer-eins-Hits in den USA und 15 Studioalben ihr Eigen nennen. Ganz zu schweigen von Remix-Alben, Best ofs und und und. Während du jetzt vielleicht mit den Augen rollst und dir denkst, „Geh mir weg mit der Alten“, möchte ich in diesem Text das Talent hinter dem Diva-Image aufzeigen. Ja, Mariah ist oft eine Spur zu viel. Aber sie ist eben auch ein Superstar, der ohne Nachname auskommt. Jeder weiß, dass Mariah Carey gemeint ist, wenn man nur Mariah sagt. Eine Legende.

Während Sängerinnen wie Ariana Grande zurzeit zwar mega angesagt sind und auch gute Musik machen, ist Mariahs Musik zeitlos. Hits wie Always be my baby, All I want for christmas is you, Hero, We belong together und Heartbreaker oder Honey werden auf alle Zeit Klassiker der Pop- und RnB-Musik sein. Man kann sie einfach immer hören. Damit schafft Mariah etwas, das nur wenige schaffen. Sie hat sich von Trends losgelöst, zieht ihr Ding durch und hat eben diesen Künstlerinnen wie Ariana Grande den Weg geebnet. Mariah wird außerdem von vielen ihrer Kolleginnen als größte Inspiration genannt.

Im November erschien ihr fünfzehntes Album Caution. Zehn Tracks umfasst die internationale Version. Darauf ist das von Skrillex produzierte GTFO zu finden, was für Get The Fuck Out steht. Eine eingängige RnB-Ballade, die zum Schlussmachen einlädt. Die japanische Ausgabe des Albums umfasst auch noch das ebenfalls von Skrillex produzierte Runway, welches eines der besten Popstücke Mariahs seit Jahren ist. In der Single With you referiert sie auf ihren eigenen Song Breakdown von 1997.

Nur wenige Jahre zuvor, 1994, war Mariah die erste Popkünstlerin, die ein Featuring mit Rapkünstlern veröffentlichte. Fantasy erschien einmal also Pop-Track und einmal mit Feature-Gast Old Dirty Bastard. Rate mal, welche Version auf Platz eins einstieg. Richtig, die mit O.D.B. Heute ist das Feature eine gängige Praxis im Musikbusiness. Damals sah das ganz anders aus.

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Ab da war für Mariah klar, in welche Richtung es gehen sollte. Ihre Musik wurde immer mehr von Hip-Hop beeinflusst. Es folgte das grandiose Butterfly im Jahr 1997, ihr Meisterwerk The Emancipation of Mimi und jetzt eben Caution. Paper nannte es das beste Album 2018. Die New York Times wiederum betitelt A No No als einen der besten Tracks der Gegenwart.

Auf Caution sind Gunna, Slick Rick, Blood Orange und Ty Dolla Signs als Features zu hören. Eine Symbiose aus den 90ern und heute. Und so klingt der Longplayer auch: nach feinstem 90er-RnB.

Mariahs Kindheit war keine leichte. Sie wuchs in New York auf. Ihre Familie zog häufig um. Mariah hat eine weiße Mutter und hatte einen schwarzen Vater. Für die Afroamerikaner war sie immer zu weiß, für die Weißen immer zu schwarz. Sie fühlte sich isoliert. Ihre Eltern trennten sich früh. Ihre drogenkranke Schwester, die sie regelmäßig in der Öffentlichkeit um Geld anbettelt, kommt noch dazu. Ihr Bruder sprach in einem Interview über Mariahs Alkohol- und Pillen-Probleme. Eine schrecklich abgefuckte Familie.

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Dazu kommt der ganze Mist, von dem wir gar keine Ahnung haben. Mariah versteckt sich hinter einer Fassade, dem Diven-Gehabe, während sie scheinbar immer noch das kleine Kind ist, das sich verloren fühlt.

Deutlich wird das in Songs wie 8th Grade, in dem Mariah über Teenager-Herzschmerz singt, ohne peinlich alt zu wirken. Oder eben in „Breakdown“. Hier ein Auszug:

So what do you do when somebody you're so devoted to

Suddenly just stops loving you and it seems they haven't got a clue

Of the pain that rejection is putting you through

Do you cling to your pride and sing "I will survive"?

Do you lash out and say how dare you leave this way?

Do you hold in vain as they just slip away?

Well I guess I'm trying to be nonchalant about it

And I'm going to extremes to prove I'm fine without you

But in reality I'm slowly losing my mind

Underneath the guise of smile gradually I'm dying inside

Sie stirbt im Inneren, während sie eine Maske trägt. Sie scheint jemanden zu brauchen, um sich gut zu fühlen. Wie das eben mit Kindern ist, die in dysfunktionalen Familien aufgewachsen sind. Ihr großes Thema ist immer wieder die Liebe, von der alles abhängt. In With You singt sie von einer Romanze, die klingt, wie sich ein lauwarmer Herbsttag in New York City anfühlt. Mariahs Musik lebt von Fantasien, die ihre Interpretin am Leben zu halten scheinen.

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Neben der ganzen Musik, die Mariah in ihrer fast dreißigjährigen Karriere gemacht hat, gab es immer wieder Negativschlagzeilen. Zu dick, zu dünn, zu dies, zu das. Stellen wir uns das einmal vor: Die Frau hat 19 Nummer-eins-Hits in den USA gelandet, hat eine der größten Stimmen überhaupt und wird dann auf ihr Aussehen reduziert. Das macht Druck. Besonders in einer Branche, die sich über Jugend und Äußerlichkeiten definiert. Genie und Talent reichen nicht immer aus. Dazu gesellen sich Schlagzeilen zu vermasselten Auftritten, wie an Silvester 2016, bei dem es zu technischen Fehlern kam. Mariah führte zuvor angeblich keinen Soundcheck durch.

Mariah presst sich in Kleider, lässt sich verjüngen und versucht alles, um relevant zu bleiben. Leider wird sie dafür in der Presse oft belächelt. Nicht so von den Kollegen bei Genius. Sie trafen Mariah im November zu einem Gespräch. Es geht einzig und allein um ihre Songwriting-Skills. Dass sie Hero zum Beispiel in nur wenigen Minuten komponiert und geschrieben hat. Genauso All I want for christmas is you. Dass sie wahnsinnig viele Künstler inspiriert hat. Sich in ihrer eigenen Kunst verletzlich gibt, nach außen aber die toughe Diva spielt. Damit können sich viele Menschen identifizieren. Auch oder gerade weil man sich immer fragt, wer die wahre Mariah eigentlich ist. Die Lücken, die man nicht versteht, geben Raum für Spekulationen und, wie sollte es anders sein, Fantasien. Mariah als Projektionsfläche.

Dank all ihrer Erfolge kann Mariah heute eigentlich entspannen. Eigentlich. Doch sie macht weiter. Sie hat noch viel zu erzählen. So wie von ihrem Beef mit ihrer Ex-Managerin in „A No No“. „Even if I was the last woman alive / I would be like Ginger, you ain't Gilligan / I really don't care, I'm in love with the island / Rockin' Dior 'cause it goes with my diamonds / Got a pink gown Custom by Alaia / I'll be on stage when the stadium light up“, singt sie und macht damit deutlich, dass sie alles hat, ein Star ist und ihr Ding durchzieht – egal was.

Und abgesehen von der Referenz auf die Show Gilligan's Island, die ziemlich genial ist, wird sie bald tatsächlich auf der Bühne stehen und die Stadien zum Leuchten bringen. In Deutschland macht sie im Rahmen ihrer Caution-Welttournee am 2. Juni Halt.

Quelle: NOIZZ-Redaktion