Die 60-Jährige fühlt sich von einem Artikel der New York Times "vergewaltigt".

Im Pop-Business dreht sich alles um Zahlen. Verkaufszahlen, Chartzahlen, Hörerzahlen. Die Jugend scheint das Spiel zu verstehen, spielt mit. Follower auf Instagram generieren. Die Play-Zahlen auf Spotify in die Höhe treiben. Das eine bedingt das andere.

Vor einigen Jahrzehnten funktionierte das Geschäft mit der Pop-Musik, der Musik der Jugend, noch anders. Es gab Pioniere, die mit physischen CDs tatsächlich Geld verdienten. Damals wurden 20 oder 30 Millionen Kopien von einem Album verkauft.

Zeiten, von denen die einstige Queen of Pop berichten kann. Madonna. Die 60-Jährige bringt kommenden Freitag ihr 14. Studioalbum auf den Markt. "Madame X". Ein Titel, der von einer unbekannten Variable bestimmt wird. Also erstmal austauschbar ist. Dabei versteckt sich hinter diesem Alter-Ego einer der größten Popstars, den wir haben: Madonna.

Die Madonna, die wir heute sehen, wirkt wie eine Karikatur der einstigen Künstlerin, die sie vor zehn, 30 oder auch 40 Jahren war. Madonna kämpft gegen ihr Alter, gegen jüngere Künstler, gegen die Schnelllebigkeit der Popmusik, gegen ihre Kritiker.

Da wäre zum Beispiel das aktuelle Latin-Pop-Stück "Medellín" mit Maluma. Ein Song, dem es so sehr an Rhythmus und Herzblut fehlt, dass die Diagnose nur Herztod lauten kann. Die sich an ihren jungen Duettpartnern reibt, an ihren Zehen leckt, als würde Jugend abfärben. Madonna scheint Kollaborationen mit jüngeren Künstlern einzugehen, um irgendwie relevant zu bleiben. Leider verheizt sie sich damit selbst.

Der Grund dafür? Madonna mag ihn kürzlich selbst verraten haben. Die "New York Times" begleitete die Sängerin über mehrere Monate und veröffentlichte einen Text, der mit der Zeile "Madonna im Alter von 60" titelte. Madonna fühle sich von dem Text "vergewaltigt" und bereue, auch nur fünf Minuten mit der Journalistin verbracht zu haben.

Madonna scheint jedoch nicht zu bemerken, dass die Einzige, die tatsächlich an ihrem Alter festhält, Madonna selbst ist. Die Art, wie sie sich gegen den Artikel wehrt, gegen ihr Alter, mag ein Zeichen dafür sein. Denn Madonna kreiert die Regeln für Frauen mit 60 nicht neu, indem sie ihr Alter akzeptiert und über einen Artikel lächelt, der immer wieder auf all die Jahre anspielt, die sie auf dieser Erde verbracht hat. Nein, Madonna hat sich mit ihrer Reaktion selbst zum "Vergewaltigungsopfer" erkoren.

Die Frau, die für Selbstbestimmung stand, knickt unter ihrem Alter ein. Madonna scheint die Augen verschließen zu wollen, besorgt sich sogar eine Augenklappe. Um die Zeichen der Zeit aus ihrem Gesicht verschwinden zu lassen, lässt sie sich möglichst stark ausleuchten. Auf Bildern wirkt sie oft wie ein Geist. Weg mit den Falten. Die einstig furchtlose Madonna scheint Angst zu haben. Angst vor der Vergänglichkeit. Angst vor der Jugend. Angst, ihre Relevanz zu verlieren. Doch dort steht sie, die Zahl 60. Madonna scheint lieber überall ein X stehen zu haben, eine unbekannte Variable eben.

Dabei könnte sie, wie sie es so oft getan hat, aus ihrer vermeintlichen Schwäche eine Stärke machen und den öffentlichen Diskurs mitbestimmen. Scheiße, ja! Ich bin 60 und verdammt, ich bin Madonna. So wie sie es damals getan hat. Als sie ihre Sexualität als Frau in der Öffentlichkeit auslebte und zur Kunst machte. Sie schämte sich nicht. Madonna provozierte. Die Häme der Kritiker war ihr Benzin. Heute traut sich Madonna das scheinbar nicht mehr, regt sich über einen Artikel auf, der ihr Alter thematisiert.

Um die heutige Madonna zu verstehen, müssen wir in die Vergangenheit blicken. 2012 reicht da schon aus. Ihr Album titelte in diesem Jahr "MDNA", eine Stilisierung der Droge MDMA, die mit Madonnas Namen spielt. Sängerin Cher twitterte damals: "WTF is MDNA?"

Bereits auf diesem Longplayer musste Madonna ihre Hörer daran erinnern, wer sie eigentlich ist. Oder besser gesagt: Wer sie war. Nämlich mit dem Titel "Bitch, I'm Madonna", mit Nicki Minaj im Feature. In Lederjacken und kurzen Kleidchen tanzte die Popmusikerin durch den Clip. Biederte sich an aktuelle Trends an. Selbst Nicki Minaj hielt es nicht für nötig, persönlich zum Videodreh zu erscheinen und ließ sich einfach in das Video reinschneiden. Eine Frechheit, die vor zehn Jahren niemandem eingefallen wäre, nicht zum Videodreh mit Madonna zu kommen.

>> Madonna teast ihr neues Album "Madame X"

In den Achtzigern und Neunzigern kreierte sie Trends. Sie förderte Musik aus dem Untergrund in den Mainstream. Auch noch 2005 brachte sie mit "Confessions on a Dance Floor" den Dance-Pop zurück. Sie erfand sich mit jeder Platte neu. Doch auf den letzten Alben war wenig bis gar keine Innovation zu finden. "Madame X" wird da keine Ausnahme sein.

>> Madonna und ihre Fuckboy-Kollabos: Was ist los mit der Queen of Pop?

Madame X, das ist nicht Madonna. Madame X ist eine Frau, die in der Idee verkrampft, jung sein zu müssen. Wirklich innovativ und authentisch wäre es, würde Madame X ihr Alter annehmen. Würde sie zu ihrer Angst stehen. Damit könnte sie vielen Menschen aus der Seele sprechen. Wir haben alle Angst davor, nicht mehr wichtig zu sein und irgendwann zu sterben.

Durch die Verweigerung des Alters, einer Zahl, die für einen Lebensprozess steht, in dem Madonna so viel geleistet hat, wie die wenigsten Künstler auf diesem Planeten, degradiert sie sich selbst und beraubt sich ihrer eigenen Erfahrung. Ein Paradoxon. Oder wie Madonna es selbst nennt: Madame X.

Quelle: NOIZZ-Redaktion