Wie ich Madison Beer interviewte – und mehr aus ihrem Insta lernte, als aus unserem Gespräch

Madison Beer gehört zu den angesagtesten Newcomern. Auf Instagram zählt sie zurzeit 12,6 Millionen Follower Foto: instagram.com/madisonbeer

Justin Bieber hat sie entdeckt.

Brrbrr. Brrbrr. Brrbrr. Mein Telefon vibriert. Eine kalifornische Nummer prangt auf dem Display meines BlackBerry. Es ist 16.01 Uhr.

Ich bin mit der amerikanischen Sängerin Madison Beer zum Telefon-Interview verabredet. Eigentlich sollte das Gespräch um 17 Uhr stattfinden – nachdem es mehrfach verschoben wurde. Nun sitze ich im Büro, eine Brezel im Mund und fühle mich unvorbereitet, ein 15-minütiges Interview zu führen.

"Hey Sebastian, could we do the interview now?", fragt mich der PR-Mitarbeiter der Plattenfirma am Telefon. "Sure", höre ich mich mit steigendem Stresspegel sagen.

Kurz zur Erklärung: Madison Beer wurde 2012 von Justin Bieber auf YouTube entdeckt. Er postete ein Video von ihr auf Twitter und verhalf ihr anschließend zum Plattenvertrag. 2017 kam ihre EP "As She Pleases" raus. Ihre Songs werden millionenfach gestreamt, etwa "Hurts Like Hell" mit Rapper Offset im Feature. Madisons Musik dreht sich um Themen wie Liebe, Beziehungen und Sexualität. Das Debütalbum soll Ende Mai erscheinen.

Nun greife ich aber erst einmal meinen Notizblock mit den Fragen an Madison, klemme das Smartphone zwischen Schulter und Kopf und renne in ein leeres Büro. Der PR-Mann warnt mich bereits vor, dass das Gespräch nicht lange dauern dürfe. Statt 15 Minuten bekomme ich am Ende fünf.

Wir reden über Selbstliebe, Identität und Musik. Doch so wirklich tief tauchen wir nicht in die Themen ein. Ob das an mir, an Madison oder an der knapp bemessenen Zeit liegt, weiß ich nicht.

Allerdings sagt Madison ein paar schöne Dinge zum Thema Selbstliebe. Auch sie als Star, der sich selbst in Perfektion auf Instagram inszeniert, hat damit Probleme.

NOIZZ: Hast du das Gefühl, dass es schwerer ist, zu sich selbst zu finden, in Zeiten von Instagram und Co.?

Madison Beer: Ja, auf jeden Fall. Es ist schwer, sich selbst zu finden, wenn es darum geht, irgendwelche Sachen zu posten und auf sein Image zu achten. Man möchte auf eine gewisse Art gesehen werden. Es ist schwer. Aber… ja.

Bist du bereits an einem Punkt, an dem du dich selbst so liebst, wie du bist? Oder brauchst du manchmal andere, um dich geliebt zu fühlen?

Ganz ehrlich: Ich bin schon wesentlich besser darin geworden, mich selbst zu lieben und mir das nicht von anderen zu holen. Aber weißt du was, ich bin eine abhängige Person und verlasse mich schon manchmal auf andere, mich glücklich zu machen. Aber ich arbeite daran, besser mit mir selbst klarzukommen.

Kenne ich. Ich frage mich, ob du nicht auch die Arbeit benutzt, um damit klarzukommen.

Wenn ich die Musik nicht hätte, wäre ich nicht mehr am Leben. Es ist die bessere Option, statt sich in toxische Beziehungen zu stürzen, mit Menschen, die nicht gut für mich sind. In der Musik kann ich mich verletzlich zeigen. Die Musik wird mir nicht weh tun. Manchmal schaue ich auch einfach meine Lieblingssendung. Hauptsache ich umgebe mich nicht mit den falschen Leuten, wenn ich traurig bin.

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Nach dem Interview bin ich mir nicht sicher, was ich fühle. Ich bin enttäuscht, aber irgendwie auch nicht. Wenn ich mir Madisons Instagram-Account anschaue, sehe ich eine durchaus schöne Frau. Teilweise schon zu schön. Sie wirkt auf den Bildern puppenhaft. Vor dem Interview habe ich mich durch ihre Diskographie gehört. Madisons Musik klingt wie die vertonte Version ihres Instagram-Accounts: perfekt produziert, sie berührt mich emotional jedoch nicht.

Als ich das Interview Tage später erneut anhöre, merke ich, dass ihre Aussagen sehr wohl ausdrucksstark sind. Denn Madison ist gerade einmal 20 Jahre alt. Als ich 20 war, habe ich nicht über Selbstliebe und toxische Beziehungen nachgedacht. Und wenn ich es getan habe, dann nicht besonders tief gehend.

Die Sängerin spaltet mich innerlich. Auf der einen Seite steht Madison als Marketing-Produkt. Auf Instagram und über ihre Musik wird sie, möglichst glatt gebügelt, verkauft. Dahinter befindet sich eine junge Frau, die sich in dieser Welt zu finden versucht. Mit 20 Jahren wissen die wenigsten Menschen, wer sie eigentlich sind.

Madison steht damit für Millionen junger Erwachsener, die etwas in der Welt bewegen wollen, aber mit neuen Konventionen zu kämpfen haben, die auf sozialen Netzwerken eine vermeintliche Perfektion verlangen. Die Frage, die Madison aufwirft, ist, wie sehr darf ich eigentlich ich selbst sein? Brauche ich das perfekte Instagram-Bild, um geliebt zu werden? Wie definiere ich Erfolg?

Nach dem Interview suche ich wieder nach Musikvideos von Madison auf YouTube. Vor dem Gespräch hatte ich keine Verbindung zu ihren Songs – hat sich das auch geändert?

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Ich höre "Dead". Die Zeile "You say you can't live without me – so why aren't you dead yet" überrascht mich durch ihren klugen Twist. Auf "Home With You" gibt sie sich emanzipiert. Die Songs brennen sich in mein Gehirn. Ich habe tagelang Ohrwürmer. Was allerdings fehlt, ist das gewisse Etwas. Es sind gut produzierte Popsongs, aber was macht Madison aus? Wofür steht sie?

Ihre Songs klingen, als hätte sie jemand mit einem Instagram-Filter bearbeitet. Auch wenn ich einen kleinen Einblick hinter die Fassade bekommen habe: Die Songs wirken etwas zu perfekt, etwas zu unpersönlich. Als hätte man Angst, zu sehr jemand zu sein, der Zuhörer verschrecken könnte. Wenn ein Künstler nur glatt genug ist, kann er als Projektionsfläche für alles Mögliche dienen. Das schließt wiederum die Möglichkeit der Identifikation aus.

Ich bin mir sicher, dass Madison erfolgreich sein wird. Pardon, noch erfolgreicher sein wird, als sie es ohnehin schon ist. Und wie bei Ariana Grande zum Beispiel, die zuerst ein Donut leckendes Pop-Girl war und im letzten Jahr zum Chart-Vamp mutierte, wird die Zeit auch Madison Geschichten geben, die es sich zu erzählen lohnt. Aber natürlich unter einer Prämisse: as she pleases.

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sourcev2 Noizz.de

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