Mit ihrer neuen Single "Automatisch" streut sie bewusst Salz in Wunden.

Dass Madeline Juno mit ihren 23 Jahren schon drei Alben vorweisen kann, ist kein Wunder: Die brünette Sängerin ist mit zwei musikalischen Eltern aufgewachsen, konnte mit sechs bereits Keyboard spielen und schrieb ihre ersten Songs mit zwölf. Nun bringt sie am 6. September ihr viertes Album "WAS BLEIBT" raus.

Ihre neuste Single "Automatisch" ist eine Auskopplung aus diesem Album: Beim ersten Hören eine coole, tanzbare Nummer, die direkt ins Ohr geht und kein Bein ruhen lässt. Doch sobald man auf die Lyrics achtet, fällt auf, dass noch viel mehr in diesem Lied steckt.

"Ich kann nichts dafür, nein, das bin nicht ich,

Ich steh unter deinem Bann, ich ergeb' mich und dann

Passiert es ganz automatisch."

Die Singer-Songwriterin thematisiert auf "Automatisch" nämlich ihre Depressionen, die sie seit ihrer Jugend hat und beschreibt, was diese mit einem Menschen machen.

Madeline Juno ist einer von 300 Millionen Menschen, die laut der WHO weltweit an Depressionen erkrankt sind. Trotzdem ist das Thema mentale Gesundheit noch immer voller Vorurteile, und nicht selten haben betroffene Angst, offen darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen.

Deshalb hat NOIZZ die Aktion #NotJustAMood ins Leben gerufen. In den kommenden Monaten werden wir das Thema Mental Health aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und darüber reden, dass es sich lohnt, auf die Hilfe von Spezialisten zurückzugreifen.

Wenn du deine persönliche Mental-Health-Geschichte erzählen willst, kannst du das gerne per E-Mail an uns tun: editorial@noizz.de. Oder du benutzt einfach bei Instagram oder Twitter unseren Hashtag #notjustamood. Wenn du Ideen hast, welche Aspekte wir in den nächsten Monaten noch behandeln können, sag uns bitte ebenfalls Bescheid!

>> NOIZZ startet die Aktion #NotJustAMood – um mehr über Depressionen zu sprechen

Was Madeline Juno angeht, haben wir ihre neue Single zum Anlass genommen, um uns mit ihr über Musik, Mental Health und ihre Geschichte zu unterhalten.

NOIZZ: Kannst du mir in ein paar Sätzen beschreiben, worum es in "Automatisch" geht?

Madeline Juno: Der Inhalt des Songs erschließt sich nicht auf den ersten Blick – erst wenn man meinen Hintergrund dazu kennt. Lyrisch geht es darum, dass der Song wie eine Unterhaltung aufgebaut ist: eine Unterhaltung in mir mit meiner dunklen Seite, meinen Depressionen, meinen dunklen Gedanken und allem, was einen überrollt, wenn man es nicht kontrollieren kann.

Es geht halt die ganze Zeit hin und her. Es taucht immer auf, wenn es mir eigentlich ganz gut geht und ich fast ganz vergessen habe, dass es mir mal schlecht ging. Dann taucht es auf und überrollt mich, und ich kann mich gar nicht dagegen wehren.

Letzten Endes ist es aber auch, wie ich immer sage, ein Teil von mir. Ein Teil, der für immer bleiben wird. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie es war, bevor ich Depressionen hatte.

Ich finde auch, dass der Text von "Automatisch" sehr offen ist und die eigentliche Story erst zum Vorschein kommt, wenn man deinen persönlichen Hintergrund dazu erfährt. Wie waren die Fan-Reaktionen bisher? 

Madeline: Eigentlich würde ich gerne sagen, dass ich keine Erwartungen hatte, und ich habe ehrlich gesagt damit gerechnet, dass die Leute sagen: "Ey. Das ist mir eigentlich zu dancey!" Ich checke die Reaktionen nicht sekündlich, minütlich oder gar stündlich. Es gab da einen Kommentar, der meinte: "Das klingt zu sehr wie alles andere." Was ich persönlich nicht nachvollziehen kann, weil ich keinen deutschen Song kenne, der so klingt. Aber gut.

Alles in allem ist es krass, was ich für eine Liebe von meinen Fans erfahren habe. Deshalb bin ich, was den Song angeht, wirklich total überrascht und dachte: "Oh, die checken das nicht, oder denen gefällt das musikalisch nicht." Generell habe ich eine super emotional angeknipste, angeschaltete und offene Community.

Wie lange hast du schon mit Depressionen zu kämpfen?

Madeline: Seit dem Teenager-Alter. Ich war schon immer sehr emotional, sensibel und feinfühlig von Natur aus – was ich aber allgemein nicht unbedingt als Voraussetzung für eine Depression ansehen würde. Ich glaube schon, dass ich sie als Teil von mir kenne und sehe, seit ich etwa 13 bin.

Wie findest du den aktuellen öffentlichen Diskurs über Mental Health und Depressionen? Momentan existiert eine richtige Welle, die das Ganze versucht zu entstigmatisieren.

Madeline: Ich bin ein absoluter Verfechter davon. Ich beschäftigte mich viel mit der englischsprachigen Welt. In den USA zum Beispiel ist das mittlerweile ein krasses Thema und die Menschen reden viel und offen darüber. In Europa, in Deutschland, ist da noch viel Luft nach oben. Wir können viel offener, deutlicher und häufiger darüber reden. Diese Thematik findet in der Popmusik nicht wirklich statt. Genau deshalb habe ich das in den letzten Jahren ein wenig zu meiner Aufgabe gemacht und als meinen Ansporn gesehen.

Das ist ein Teil von mir, und ich muss und möchte solche Sachen auch verarbeiten. Wenn ich etwas ändern könnte, dann, dass ich da mehr drüber sprechen will, mir mehr Konversation wünsche. Weiter dieses Thema zu entstigmatisieren. Menschen darauf aufmerksam machen. Vor allem Menschen, die betroffen sind, wissen zu lassen: Ey, wenn ihr wüsstest, wie viele Künstler in der Öffentlichkeit das perfekte Leben zu leben scheinen, aber privat auch leiden.

Mein Leben ist weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber durch Social Media sieht es halt total toll aus. Man postet ja nur das Tolle: Heute passiert das, morgen das, und whoo yeah! Aber man muss über solche Themen sprechen. 

Ich stimme dir zu, dass die Thematik in anderen Ländern weiter scheint als hier.

Madeline: Klar, Amerika ist auch kein Paradies – mit seinen Waffenproblemen zum Beispiel. Aber, wenn ich an meine Familie denke: In der würde niemand auch nur ansatzweise auf die Idee kommen, mal zum Therapeuten zu gehen. Wir hatten in meiner Familie schon heftige Erlebnisse – da müsste man eigentlich in Therapie.

Ich glaube, dass bestimmte Menschen, die ein gewisses Alter haben, denken, sie haben eine psychische Erkrankung, wenn man mal mit wem spricht. Ich glaube, die junge Generation denkt da zum ersten Mal um. Ich kann da aber nur für mich sprechen. Ich bin auch auf Tumblr groß geworden. Kennst du Tumblr?

Klar, ich habe die Blogging-Platform früher auch genutzt.

Madeline: Das ist eigentlich eine wahnsinnig düstere Website, toxisch und selbstmörderisch. Aber eigentlich fühlen sich die Menschen durch Tumblr erst richtig abgeholt, weil jeder das so ein bisschen wie ein Tagebuch benutzt. Jeder kann noch so depressiv sein, keiner verurteilt dich.

Ich finde, dass man auf Tumblr aber auch unglaublich viele Tipps und Ermutigungen findet, die man von Freunden oder Familie nicht unbedingt bekommt.

Madeline: Genau, das darf man aber auch gar nicht unter einen Teppich kehren. Ich glaube, wenn ich das mal verallgemeinern darf, dass Menschen über 40 eher so denken: Ach, wer zu einem Psychologen geht und einmal im Monat über seine Struggles spricht, ist ein Psycho. Sich Hilfe zu holen, hat damit aber gar nichts zu tun.

Bist du selbst auch in Therapie? 

Madeline: Ja, aber nicht regelmäßig, was ich aber mache, wenn es schlimmer ist. In der Vergangenheit habe ich sehr viel aus der Therapie gelernt. Therapie muss man das auch gar nicht nennen, aber einfach, mit jemandem über die eigenen Probleme sprechen. Ich habe daraus sehr viel geschöpft. Ich habe außerdem sehr viele Freunde, die regelmäßig zu ihren Therapeuten gehen und einfach mal sprechen. Du gehst ja auch zum Arzt, wenn dir was wehtut.

Hast du noch andere Maßnahmen gegen deine Depressionen unternommen?

Madeline: Ganz früher, als ich noch sehr jung war, habe ich versucht, mit kleinen Tablettenfreunden dagegen anzugehen. Das hat mir aber gar nicht gefallen, sowas macht mir Angst. Ich habe eine ausprobiert, die einen nur so ein bisschen reguliert, ähnlich wie die Verhütungspille Frauen hormonell reguliert. Aber es ist überhaupt nichts für mich. Stattdessen: auf jeden Fall einfach sprechen und sich ausheulen.

Bist du schon mal in eine Situation gekommen, in der Leute deine Depressionen runtergespielt haben? Ganz nach dem Motto: Lächle doch mal!

Madeline: Ja, auf jeden Fall. Das sind leider Momente in meinem Leben, die mich sehr geprägt haben. Mit 13, 14 Jahren war ich leider zusätzlich auch sehr essgestört. Irgendwann bin ich dann mal auf Rat verschiedener Bezugspersonen in meinem Leben zum Arzt gegangen, obwohl das ja sehr untypisch ist für Menschen mit allerlei mentalen Erkrankungen. Weil man häufig die letzte Person ist, die so was erkennt und die sich so etwas eingesteht. Oft will man ja auch gar nicht, dass sich was ändert, eben weil sich das so vertraut anfühlt.

Aber ich bin dann damals tatsächlich mit eigener Willenskraft zum Arzt gegangen in meinem Heimatdorf. Der hat mich im wahrsten Sinne des Wortes wieder nach Hause geschickt und gemeint: Ich soll mal nicht so rumheulen. Mit mir sei alles okay. Ich war unterernährt, habe nachts nicht geschlafen, war ein Schatten meiner selbst und minderjährig. Und der schickt mich nach Hause! Das hat mich nochmal ein paar Jahre in diesen Strudel gewirbelt.

Was möchtest du der NOIZZ-Community bezüglich Mental Health unbedingt ans Herz legen?

Madeline: Das Wichtigste ist, sich niemals für seine mentalen – ich will nicht Probleme oder Schwächen sagen, aber ... für seinen Kummer, seine Sorgen oder seinen Schmerz zu schämen. Wenn das die Ausgangssituation ist, dann gehen alle Punkte, die nach der Erkenntnis, dass es dir nicht gut geht, folgen sollten, schief. Man muss damit anfangen, es zu erkennen, es zu akzeptieren und sich nicht selber dafür fertigmachen. Wenn man sich öffnet, dann reagieren die meisten Menschen verständnisvoll, auch wenn wir meinten, dass es in Deutschland noch nicht ganz so weit ist. Die wenigsten Menschen reagieren negativ, die meisten sind hilfsbereit. Man darf keine Angst haben. Das ist das Wichtigste.

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Übrigens: Wenn du glaubst, eine Depression zu haben, ist immer dein Hausarzt der erste Ansprechpartner. In akuten Fällen kannst du rund um die Uhr die nächstgelegene psychiatrische Klinik aufsuchen (die Behandlung der Depression ist eine Kassenleistung und wird von der Krankenkasse getragen).

Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression bekommst du unter Deutsche-Depressionshilfe.de. Ein deutschlandweites Info-Telefon erreichst du unter der kostenfreien Hotline 0800-33-44-5-33. Hilfe und Beratung kriegst du auch bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter.

Natürlich gibt es auch noch die Telefonseelsorge (Telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Quelle: Noizz.de