Ja, hier gibts mehr als Steuern.

Luxemburg – Staat vergünstigter Steuern und Paradies großer Unternehmen. Das ist vermutlich das allererste was einem einfällt, wenn man an Luxemburg denkt. Zu Unrecht, wie man merkt, wenn man denn mal vor Ort ist. Im Rahmen des anstehenden Reeperbahn Festivals in Hamburg wurden wir jedenfalls nach Luxemburg eingeladen, um uns das hübsche Fleckchen Erde einmal anzusehen. Genauer genommen: Die Musikszene Luxemburgs. Was wir auf dem Trip gelernt haben: Luxemburg ist zuckersüß, hat Geschmack, mehrere Ebenen, ist multilingual am Talken und kann echt gut Weintrinken. Also kurz gesagt: Wir finden es hier klasse!

Deutsch, Französisch, Luxemburgisch?

Luxemburg liegt genau zwischen Belgien, Frankreich und Deutschland. Den Einfluss merkt man: Die offizielle Sprache ist zwar Luxemburgisch (was ein bisschen so klingt wie ein altertümliches Deutsch), beim Tingeln durch die Stadt und in Cafés hört man aber ständig auch Französisch und Deutsch. In den Schulen lernen die Kids häufig alle drei Sprachen. Das wirkt sich aus: Sprache ist ja immer auch Identität und diese ist bei den Luxemburgern gefühlt ziemlich vielfältig und offen. Kein Wunder: Luxemburg ist eines der Länder, das vor Jahrzehnten den Grundstein des Europas gelegt hat, dass wir heute kennen. 1957 unterzeichnete das Großherzogtum Luxemburg neben Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden den "Vertrag von Rom" (Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft). So: Nachhilfe im Geschichtsunterricht haben wir euch hiermit auch geliefert.

Schön und erhaben: Der Stadtteil "Grund" Foto: Silvia Silko / Noizz.de

Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!

Ja, wir wissen, dass Luxemburg weder eine direkte Nähe zu Italien noch zu Spanien hat. Wir sind keine totalen Erdkunde-Loser. Allerdings ist der Flair hier schon ziemlich mediterran: Das Klima ist mild, es gibt viel Natur und Berge und das Essen in Luxemburg orientiert sich durchaus an Frankreich und Italien. Guten Kaffee gibt es hier jedenfalls auch.

Entspannt: Die Altstadt Luxemburgs liegt mitten in der Hauptstadt – allerdings eine gute Etage tiefer. Von hübschen Schluchten umgeben, wirkt die Altstadt wie ein Ort aus einer anderen Zeit. Aufgrund der tiefen Lage hört man recht wenig: Keine Autos, kein Großstadtlärm, dafür gibt es hier Half Pipes, schöne Spazierwege und nette alte Häuschen und Gassen.

Das nennen wir mal Auswahl: Plattenladen in Luxemburg. Foto: Silvia Silko / Noizz.de

Lebensqualität: Bombe!

Ist also ein recht beschauliches Leben, das man hier führen kann. Luxemburg ist immerhin eines der reichsten Länder der Welt, an Vielem dürfte es einem hier jedenfalls nicht fehlen. Gut – aber dass das jetzt unbedingt als Nährboden für eine rege Musikszene gelten soll? Kann man sicherlich bezweifeln. Man kann sich aber auch super vom Gegenteil überzeugen lassen.

Zunächst einmal muss man leider zugeben: Es gibt hier durchaus eine lebendige Szene – nur leider keine Musikindustrie. Das bedeutet, dass einige Künstler irgendwann das heimatliche Nest verlassen müssen – oder wollen. Wie die Band Say Yes Dog, die mittlerweile in Berlin lebt:

Oder aber Solokünstler Jackie Moontan, der mit seiner letzten Auskopplung "Big Sexy" begeisterte (unter anderem auch, weil das von Meghan Courtis gedrehte Video eine absolute Augenweide ist). Auch er zog erst nach Paris und lebt mittlerweile in Berlin.

Nichtsdestotrotz: Den leichtfüßigen und süffisanten Charme Luxemburgs haben sich beide Acts bewahrt.

Aber auch für diejenigen, die doch lieber vor Ort bleiben wollen, wird es immer besser, im schönen Luxemburg. Dafür sorgt auch der Staat selbst, der hin und wieder ordentlich Geld in seine Popstars investiert und für Starthilfe sorgt, wenn ein Act für den Export ins Ausland bereit ist. Finden wir gut: Schließlich haben wir so auch etwas davon. Oder wie könnten wir sonst den sanften Klängen von Bartleby Delicate lauschen?

Aber auch an der Hip-Hop-Front hat Luxemburg derzeit einen ziemlichen Klopper am Start: Maz. 20 Jahre jung, Sprachvirtuose und jemand, der in den nächsten Jahren ganz sicher das Game übernehmen wird. Überzeugt euch selbst:

Lass mal eine Band gründen, Alter!

Wer in Luxemburg aufwächst kann sich zwar über eine Jugend in einem der schönsten Flecken Europas freuen. Allerdings war das mit dem Bandgründen und Musikmachen bisher gar nicht so wahnsinnig einfach: Proberäume waren eher schwer zu finden oder teuer. Aufnahmestudios, Promo-Agenturen und alles darüber hinaus ist hier eher rar. Und dann scheint es auch noch eine Verschwörung der Musikschulen gegeben zu haben: Alle Musiker und Musikerinnen, die wir bei unserem Trip trafen, mussten irgendwann in den Musikunterricht. Egal welches Instrument sie lernten: Jeder wurde gepeinigt "Jingle Bells" zu lernen. Fand keiner cool. Bartleby Delicate verrät im Gespräch sogar: "Nachdem ich das ganz steif und langweilig vortragen musste, habe ich erstmal ganz aufgehört, Musik zu machen." Zum Glück hat der Musiker seinen Weg zum Instrument doch wieder gefunden.

Irgendwann ist aber auch jedes "Jingle Bells" zu Ende gejingelt. Und für alles andere, was man so braucht, als aufstrebendes Talent, wird auch mehr und mehr gesorgt: Etwa 20 Autominuten von Luxemburg Stadt in sehr cool aussehenden alten Stahlwerken wurde vor wenigen Jahren ein regelrechtes Paradies für Musizierende geschaffen. "Sonotron" bietet perfekt ausgestattete Proberäume und Aufnahmestudios für wenig Geld. Wer also eine Runde mit der Band zocken möchte, wird hier mit offenen Armen empfangen.

Perfekter Proberaum: Sonotron Foto: Marion Dessard / Sonotron

Unendlicher Festivalsommer

Eine der wohl coolsten Locations Luxemburgs ist das "Rotondes". Diese Venue bietet so ziemlich alles, was man braucht um hier zu versacken: Direkt neben dem Bahnhof gelegen, kann man sich bestens in den Innenhof fläzen. Es gibt Food-Trucks und bestes Bier, außerdem großartigen Weißwein. Wer richtig ausrasten möchte: Honigschnaps ist offensichtlich der Drink, den man unbedingt probiert haben muss. (Wir haben uns ebenfalls dazu hinreißen lassen. Die Kopfschmerzen am nächsten Tag waren es Wert!).

Den ganzen Sommer über findet hier das Festival "Congés Annulés" statt. Einen Monat lang spielen hier jeden Abend die unterschiedlichsten Bands – Elektro, Gitarrenmusik, Pop. Alles ist vertreten. Booker der Venue ist seit vielen Jahren Mark Hauser. Er ist ein ziemliches Original, der einen gerne zum Bier (oder eben dem unsäglichen Honigschnaps) einlädt und mit seiner Aufgabe als Booker äußerst unprätentiös umgeht: "Ich buche, was mir gefällt", sagt er und lacht. Neben den Food-Trucks werden Secondhand-Räder verkauft, auf ein paar Half Pipes probieren Skater neue Tricks, nebendran sitzen Banker in Anzügen bei ihrem Feierabend-Bier. Hier kann man es gut aushalten!

Namen, die wir uns merken sollten!

Man merkt: Luxemburg ist im Kommen. Noch ist es vielleicht nicht Europas Musikhauptstadt. Aber hier tut sich was. Die Szene entwickelt sich, Orte für Musiker entstehen und eine vielfältige wie auch progressive Truppe an großartigen Künstlern findet ihren Weg an die Öffentlichkeit.

Wer jetzt gerade keine Zeit hat, mal eben nach Luxemburg zu jetten, um sich die Szene hier anzuschauen – kein Problem. Alle hier erwähnten Künstler sind auch auf dem diesjährigen Reeperbahn Festival zu bestaunen. Wir werden da sein. Allerdings wohl eher mit einem Astra in der Hand als mit Honigschnaps.

[Wir wurden für diesen Bericht von music:LX eingeladen. Uns wurden die Reisekosten bezahlt. In unserer Berichterstattung waren wir aber völlig frei und berichten unabhängig.]

Quelle: Noizz.de