Manchmal reicht eine Stimme, um eine Bühne auszufüllen. Wie die von Hanna Reid.

Konzerte ohne Vorband sind selten, aber es gibt sie. Beim exklusiven London-Grammar-Gig nur für Fans des Trios und ein paar geladene Gäste – die Karten wurden direkt über die Webpage der Band vertrieben – war das so.

Im SchwuZ, einem Club im Berliner Stadtteil Neukölln, wurde erstmals das Material von Album Nummer zwei der Briten vorgestellt. Und was alle Konzertbesucher an diesem Abend erlebten, war Eskapismus in Reinform.

Ich gebe ja zu: Ich habe mich am Anfang etwas schwer getan mit dieser Kombo. 2013 tauchten London Grammar mit diesem durchaus guten und soliden Stück „Metal & Dust” aus dem Nichts auf. Das darauffolgende Album „If You Wait” wurde ein voller Erfolg, bei iTunes sogar „Album of The Year” – die Hypemaschinerie lief wie geschmiert. Die Single „Hey Now” soll sogar dem einen oder anderen Radiohörer zu Ohren gekommen sein.

Für mich aber war die Band, die sich in Nottingham kennen gelernt hatte, zu dieser Zeit nicht mehr als ein The-XX-Abklatsch mit ein bisschen mehr Melodie und ein paar volleren Beats.

„Der Vergleich hat uns immer sehr geschmeichelt – ich meine, sie sind so eine einflussreiche Band, wer fände das nicht cool?”, sagt Sängerin Hannah im Rückblick, „aber wir wollen uns auch unsere Eigenheiten bewahren. Das neue Album klingt auf jeden Fall sehr viel anders als das aktuelle von The XX.”

Hanna Reids Stimme fesselte mich aber schon damals, die Gitarren von Dan Rothman fand ich okay und die Beats von Dot Major hatten noch Luft nach oben. London Grammar fanden ihren Weg in meine Playlisten. Eine coole Indieband aus dem UK mit halbwegs kryptischem Namen, interessant genug für den Moment.

Diese Meinung muss ich nach diesem Konzertabend, vier Jahre später, revidieren. Der Nachfolger zu ihrem Debüt trägt den klangvollen Namen „Truth Is A Beautiful Thing” – das schreit ja förmlich nach Großem.

Der Mythos vom schweren zweiten Album, er hängt auch London Grammar nach. Bei dem Konzert im SchwuZ spielten sie neben altbekannten Stücken auch vier neue Songs, wie etwa die aktuelle Single „Big Picture”.

Das neue Material der musikalischen Tüftler klingt ausgereifter, weniger ungestüm und klarer als früher – und das gefällt mir. Die neue Klangvielfalt der drei kommt nicht von ungefähr. „Wir mögen, diesen klar definierten Sound. Wir wollten, dass die neue Platte so High-Definition wie möglich klingt – wird sind eben sehr audiophil”, erklärt Gitarrist Dan.

Insgesamt wirkt die Band optimistischer, die Stücke verspielter. Trotzdem bleibt Hanna Reids Stimme im Vordergrund. Und das live zu erleben, sorgt für die oft beschriebene Gänsehaut.

Der einzige Wermutstropfen bei einem Gig in einer so tollen Location mit einem einmaligen Sound (ja, leerstehende, entkernte ehemalige Brauereien eignen sich wunderbar für Konzerte) sind die urdeutschen Macken bei Clubkonzerten.

Furchtbares Herumdrängeln, ständig holt irgendwer mitten im Konzert Bier – das passt trotz atemberaubendem Setting nicht recht zu so einem atmosphärischen Erlebnis. Hat man die Rahmenbedingungen aber ausgeblendet und lässt sich fallen in die Musik von London Grammar, findet man sich in einer anderen Welt wieder.

Dieser Drang zum Eskapismus ist für die Band ein essentieller Bestandteil – auch, wenn es für jeden etwas anderes bedeutet, wie Dot findet: „Wir fallen sicherlich eher in diese Kategorie, statt in die des Realismus'. Hannahs Lyrics haben eine starke Bildhaftigkeit und sagen nicht direkt das, was sie meinen.”

Und weil’s so schön ist, hier zum Abschluss nochmal „Rooting By You“ – könnte auch fast ohne Instrumente auskommen:

„Truth Is A Beautiful Thing“ von London Grammar erscheint am 09. Juni 2017 bei Island/ Universal Foto: Island Records / Universal

Quelle: Noizz.de