Bei ihr ergibt Body Positivity plötzlich Sinn!

Das Coachella ist vorbei. Das ist keine sonderliche Überraschung, denn schließlich wissen wir, seitdem es das Festival gibt, dass nach zwei Wochen Rausch in der kalifornischen Wüste Schluss ist. Irgendwie ist in diesem Jahr aber nicht wirklich etwas passiert – außer dem absoluten Tiefpunkt, dass Ariana Grande mit einer Zitrone beworfen wurde.

Moment, Moment!

Okay, das Coachella hat uns auch einen der wohl befreitesten Pop-Momente des letzten Jahrzehnts geschenkt. Da steht Melissa Viviane Jefferson in einem silbernen, engen Glitzerbody in Strumpfhose und Cape auf der Bühne und will ihren Song "Worship" performen – und dann? Stille. Der Ton funktioniert nicht. Lizzo singt trotzdem. Acapella. Und ihre Tänzer tauchen im Background smooth weiter.

Melissa Viviane Jefferson kennt die Musikwelt eigentlich als Lizzo. Es ist ihr erster Coachella-Auftritt überhaupt, dabei erschien ihr Debüt bereits 2013. Ihr aktuelles, drittes Album "Cuz I Love You" ist passend zum zweiten Coachella-Wochenende erschienen. Wir müssen nicht erwähnen, dass Lizzo und auch ihre Crew nicht den idealen Traumaßen einer Kleidergröße 36 entsprechen. Das sieht jeder.

Und eigentlich ist es auch egal.

Sie twerkt trotzdem auf der Bühne und bewegt sich so selbstverständlich, dass der Begriff "Body Positivity" für mich zum ersten Mal so richtig Sinn ergibt. Lizzo ist aber nicht die Dicke, die sich auf der Bühne bewegt wie sie will und trägt, was sie möchte. Lizzo macht geile Songs. Manifeste unserer Zeit. Und durfte deswegen nicht nur beim Coachella ihr eigenes Set spielen – auch die große Janelle Monae bat sie zum Twerken und Singen mit auf die Bühne.

Keiner schafft es so wie sie, Pop, Rap, Politik und Lebensgefühle gleichzeitig zu vereinen. Mal singt sie wie Soul-Granate Aretha Franklin höchstpersönlich, ist so cheasy wie Britney Spears und dann rappt sie derbe wie Missy Elliott. Oh, apropos – mit der großen Missy hat sie sogar einen gemeinsamen Song auf ihrem neuen Album.

"Tempo" ist eine Hymne an sich selbst, eine Abrechnung mit all den Klischees unserer Gesellschaft und zeigt, dass man nicht unbedingt so sein muss, um erfolgreich zu sein. Mit so fetten Beats, dass Lil Uzi schlecht wird. Lizzo weiß, dass sie sich nicht verstecken muss. Und die Lines, die sitzen:

"Slow songs, they for skinny hoes

Can't move all of this here to one of those

I'm a thick bitch, I need tempo (tempo)

Fuck it up to the tempo."

Eine Mir-doch-egal-fuck-it-Attitüde, die man von den Rap-Kolleginnen Cardi B oder Nicki Minaj zwar kennt. Aber Lizzo trägt sie irgendwie direkter vor. Sie versteckt sich nicht in Beefs und Disses. Es gibt nur sie und den Beat. Und dieses Selbstverständnis spricht wohl vielen aus der Seele.

Anfang des Jahres erschien mit "Juice" ihre erste Single nach gut zwei Jahren Pause. Eine vollkommen andere Nummer, mit der die Künstlerin ihre Vielseitigkeit einmal mehr zeigt. Ein Song, der nach gute Laune und Retro klingt, so gar nicht in den Winter passte, aber eine starke feministische Botschaft enthält.

In dem Stück geht es nicht nur um Selbstliebe, Akzeptanz und die Rolle als Frau – im Zusammenspiel mit dem Video, offenbart die Sängerin einen weiteren Faktor ihres Erfolgs beim Poppublikum. In dem Clip von Regisseur Quinn Wilson verballert sie jeden popkulturellen Querverweis aus dem US-Raum, der ihr nur so einfällt: Aerobic im 80er Style, Late-Night-Talk-Shows, Homeshopping-Kanäle und – womit wir im Jetzt angekommen wären –  Anspielungen zur populären ASMR-YouTuberin Spirit Payton, die zur Beruhigung anderer am liebsten Dinge isst, auf etwas rum tippt oder sich schminkt.

Lizzo beruhigt hingegen lieber mit ihren Songs.

"Cuz I Love You" und seine elf Songs sind bisher wohl ihrer lauteste Manifestation ihrer Standpunkte und wie sich eine junge, schwarze Frau im Jahr 2019 so fühlt. Nicht umsonst trägt ein Stück auf der Platte "This is Exactly How I Feel" bei dem sie Gucci Mane unterstützt – der wiederum herrlich selbstironisch rappt:

"Please step away from the Bentley

You're either not with me or with me."

 … während Lizzo ihm zeigt, dass sie hier eigentlich der Boss ist.

Gucci ist der einzige Mann, der in ihre musikalische Welt eindringen darf. Auch eine Art politische Message, denn mehr als einmal hat sie in unzähligen Interviews betont, dass sie nicht gerade Fan des Patriarchats sei. Und dass sie genau aus diesem Grund auch nicht vor habe, nett zu sein.

Dass die Sängerin sich auf dem Cover ihrer neuen Platte nackt zeigt, ist natürlich zum einen bewusst provokant gewählt – aber es sagt viel aus über ihr Selbstverständnis als Künstlerin. Sie ist ganz bei sich und muss sich nicht verstecken. So ein Cover erwartet man sonst von einer Beyoncé – aber eben nicht von einer Lizzo.

Aber warum eigentlich nicht?

Schließlich ist eben jene Melissa Viviane Jefferson alias Lizzo viel offener mit politischen Aussagen, als es eine Beyoncé jemals war. Nicht, dass Queen B unpolitisch sei – ihre Songs und Kunstwerke sprießen nur so vor politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Spitzen. In Interviews schweigt Miss Beyoncé dazu aber. Ganz bewusst.

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Lizzo redet. Offen und eben auch ganz bewusst. Groß geworden ist sie in Houston, Texas – ich behaupte mal, dass das als Afroamerikanerin kein Zuckerschlecken ist. Ein Feld, auf dem man sich behaupten muss. Bereits mit 14 hat sie ihre erste, eigene Rap-Combo gegründet. Sagen wir es mal so: Ich hatte mit 14 anderes vor.

Wenn man es also auf den Punkt bringen sollte, wieso Lizzo gerade jetzt den Nerv von so vielen Leuten trifft, dann ist es vielleicht diese eine Fähigkeit von Ihr: ungewöhlich zu sein. Sie bricht mit dem, was man von ihr erwartet. Das macht sie aber nicht brachial, sondern so geschickt und zart, dass keiner ihr böse sein kann. Und ihre Message ankommt.

Hier könnt ihr Lizzos fuliminantes "Cuz I Love You" in voller Länge streamen:

Quelle: Noizz.de